Aus der Erde ans Licht

Befreiung Sylvia Plaths Gedichtbände „The Colossus“ und „Crossing the Water“ liegen in deutscher Erstübersetzung vor
Beate Tröger | Ausgabe 06/2014

Pilze gibt es im Moment nicht im Wald, nur in der Lyrik, aber was heißt da „nur“. Mushrooms, so der Titel des englischen Originals, das zuerst 1960 in dem Band The Colossus and Other Poems erschien, ist eines unter zahlreichen eindrucksvollen Dinggedichten der Autorin Sylvia Plath. Es beschreibt die „Pilzhaftigkeit“ nicht nur über Verben und Adjektive, sondern nähert sich den Vertretern dieser eigenen Art, ihrem stillen, zähen, im Pulk aus der Erde ans Licht drängenden Wachstum auch lautlich virtuos an.

Wie das geschieht, mit welch sprachlicher Genauigkeit die 1932 in Boston geborene, zur Ikone und und durch den frühen Selbstmord im Jahre 1963 zum Mythos gewordene Autorin die Worte fügte, kann ein ausschnitthafter Blick auf das englische Original hier nur andeuten: „Overnight, very /Whitely, discreetly, / Very quietly // Our toes, our noses / Take hold on the loam, / Acquire the air [...]“

Bislang war von Plaths Gedichtbänden nur Ariel ins Deutsche übersetzt worden, 1974 von Erich Fried, 2004 erneut und in der Plath’schen Urfassung von Alissa Walser. Erst 50 Jahre nach ihrem Tod liegen nun auch der bereits erwähnte Band The Colossus (dt. Der Koloss) sowie der zuerst 1971 erschienene Nachlassband Crossing the Water (dt. Übers Wasser) in der Übersetzung von Judith Zander vor. Zander, Jahrgang 1980, hat sich 2011 mit oder tau als Lyrikerin mit höchst eigenständigem sprachlichen Gestus einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Das Erscheinen dieser beiden, nun zweisprachig vorliegenden Übersetzungen verdankt sich der energischen Initiative des Wiesbadener Luxbooks-Verlags, der im Jahr 2012 die Internet-Kampagne „Help us free Sylvia Plath“ startete und eine Übersetzung von Crossing the Water von Judith Zander vorlegte. Durch die Kampagne konnte der Suhrkamp-Verlag, der die Rechte an der deutschen Übersetzung der beiden Bände hielt, ohne etwas damit anzufangen, schließlich dazu bewegt werden, auch den Koloss durch Judith Zander übersetzen zu lassen.

Persönlich, nie peinlich

Die Übersetzungen, Resultat dieser David-gegen-Goliath-Aktion, sind nicht nur eindrückliche Zeugnisse von Plaths dichterischem Vermögen, sie sind auch dazu angetan, den biographischen Kontext, unter dessen Vorzeichen Plaths Werk rezipiert wird, zu überschreiten und die Aufmerksamkeit auf ein Werk stets persönlicher, nie peinlich bekenntnishafter Lyrik zu richten. Die Gedichte sind voller mythologischer und weit ausgreifender literarischer Bezüge, sie umkreisen die enge Liebes- und Arbeitsbeziehung zu ihrem Dichter-Ehemann Ted Hughes, den frühen Verlust des geliebten Vaters, ihre psychische Labilität, Depressionen und Selbstmordversuche, ihre leidenschaftliche und wenig auf Schonung bedachte Hinwendung zum Schreiben in überwältigender, nicht selten schmerzhafter Erlebnistiefe, sinnlicher Konkretion und sprachlicher Artistik. Gedichte wie Der Koloss, Fünf Faden tief oder Des Imkers Tochter aus Der Koloss oder Ich bin vertikal, In Gips oder Witwe sind nicht nur eindrucksvolle Beispiele dafür, wie Sylvia Plath Aspekte ihrer Anschauung und ihres Erlebens im Rückgriff auf literarische und mythologische Kontexte zu Gedichten webt, in denen sich diese Ebene unauflösbar wechselseitig durchdringen. Sie sind auch literarische Zeugnisse einer Frau, die weibliche Rollenmuster untersucht und hinterfragt – und aufgrund ihrer sprachlichen Geformtheit auch gut fünfzig Jahre nach ihrem Entstehen noch immer aktuell.

Die abgründige Lebensgeschichte der ehrgeizigen einzigen Tochter eines deutsch-polnischen, nach Amerika emigrierten Insektenforschers und Bienenzüchters und der auf den Aufstieg ihrer Tochter sehr bedachten Sekretärin und Lehrerin Aurelia Schober, die nach dem frühen Tod ihres Mannes ihre Tochter und ihren Sohn alleine großzog, lässt sich nachlesen in Diane Middlebrooks Doppelbiographie Du wolltest deine Sterne. Den Kanon der existierenden Plath-Biographien erweitert diese um die Dimension, das Schreiben von Sylvia Plath und Ted Hughes als „call and response“ zu beschreiben, als ein Verfahren, bei dem beide Autoren Bilder, Klangmuster und Redewendungen über ihre Gedichte austauschen. Middlebrook arbeitet damit mittels psychoanalytischer Annahmen eine besondere, biographisch mitmotivierte Form der Intertextualität heraus, wie sie beispielsweise auch in Gedichten von Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler oder von Paul Celan und Ingeborg Bachmann zu beobachten ist.

Plaths Werk, entstanden in einer so kurzen Lebensspanne ist ein weiter und facettenreicher Kosmos, zu dem sich durch die Übersetzung der beiden Gedichtbände nun auch der Zugang für deutschsprachige Leser weitet. Judith Zanders Übersetzung, die von großer Sorgfalt und häufig von feinem Gespür getragen ist, muss dabei einmal mehr das „Poetry is what gets lost in translation“-Problem bewältigen, das im Falle von Plaths Sprachartistik besonders schwerwiegt. Nicht jede von Zanders Übersetzungen kann als gleichermaßen gelungen gelten, wie sich etwa an Pilze zeigt: „Über Nacht, sehr / Weiß und sacht, / sehr leise // Erfassen unsere Zehen / Unsere Nasen den Lehm / Erlangen die Luft“ lautet die Übersetzung der ersten Strophen. Mag man die gegenüber dem Original deutlich zurückgegangene Geschmeidigkeit des Klangs noch mit dem unvermeidlichen Schwund durch den Einsatz einer anderen Sprache entschuldigen, assoziiert man mit dem von einem Großbuchstaben angeführten Wort „Erlangen“ unfreiwillig auch die gleichnamige Stadt. Mögen solche Unschärfen den überwältigenden Eindruck der Gedichte etwas eintrüben, so können sie die Freude über das gesamte Projekt doch nicht schmälern. Plaths Lyrik hat durch die Übersetzungen nun so leise, kräftig, vielgestaltig und einzigartig eine Sprachgrenze durchbrochen wie die Pilze im zitierten Gedicht.

Der Koloss: Gedichte Zweisprachig Sylvia Plath Judith Zander (Übers.), Suhrkamp 2013, 164 S. 22,95 €

Crossing the Water / Übers Wasser: Nachgelassene Gedichte Sylvia Plath Judith Zander (Übers.) Luxbooks 2013, 142 S., 22,80 €

Du wolltest Deine Sterne. Sylvia Plath und Ted Hughes Diane Middlebrook Barbara von Bechtolsheim (Übers.) editionfünf 2013, 464 S., 22,90 €

06:00 19.02.2014

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