Aus der Welt gefallen

Nahaufnahme Als Rico merkt, dass er die Katastrophe seines Lebens nicht aufhalten kann, will er sie lieber beschleunigen. Teil 8 der Freitag-Serie "Berichte aus dem Dunklen"

Es gibt Lebensläufe, die werden von der Weltgeschichte geschnitten, manche werden von ihr gebrochen und in manchen setzt die Weltgeschichte eine Mechanik in Gang, die der Mensch nicht mehr stoppen kann. So gehört zur Bilanz der deutschen Einheit auch das Leben von Rico. Im Jahr 1990 war Rico 18 Jahre alt und wollte Soldat werden. Zehn Tage vor dem Antritt seines Militärdienstes wurde die Nationale Volksarmee aufgelöst, und sein Lebensplan zerplatzte wie eine Seifenblase. Zum wiederholten – und nicht zum letzten Mal.

In der DDR hatte Rico lange als vielversprechender Ringer gegolten. Als er wegen Knieproblemen den Sport aufgeben und das Sportinternat verlassen musste, war er auf eine polytechnische Oberschule gewechselt. Doch selbst die Ausbildung zum Elektroniker, die er danach absolviert hatte, war jetzt, nach der Wende, nicht mehr viel wert.

Und so rettet sich Rico auf die Abendschule, will das Abitur nachmachen. Aber so einfach ins Leere hinein zu lernen, ist „nicht sein Ding“. 1991 bewirbt er sich bei der Polizei, wird in Berlin auf die Polizeischule aufgenommen und bringt es bis zum Polizeimeister. 1995 wird er kurz vor der endgültigen Übernahme ins Beamtenverhältnis wegen „charakterlicher Mängel“ aus dem Polizeidienst entlassen. Die „charakterlichen Mängel“, sagt Rico, habe man aus dem Umstand abgeleitet, dass er ab und zu Drogen konsumiert, sich in besetzten Häusern aufgehalten und Sympathien für diese jungen Leute entwickelt habe, die sich anschickten, ihr Leben autonom zu gestalten. Er erscheint als Sicherheitsrisiko, für den Polizeidienst kommt so einer nicht in Frage.

Eine Weile versucht sich Rico im Gebrauchtwagenhandel, aber auch das ist nichts für ihn. Er zieht zu seiner Mutter in die alten Bundesländer, wo sie mit ihrem neuen Mann lebt. Rico absolviert eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann und findet eine Anstellung in einem Motorradladen. Aber das Pech bleibt ihm treu. Das Geschäft muss bald Insolvenz beantragen, und Rico steht wieder auf der Straße. Er bezieht Geld vom Arbeitsamt und beginnt zu trinken. Für ein Leben unter Marktbedingungen fehlt ihm das Fundament.

Zu feige für den Tod

Er sehnt sich nach klaren Verhältnissen und Strukturen, die Halt geben. Er kommt auf die Idee, sich bei der französischen Fremdenlegion zu bewerben, doch in Marseille scheitert er an der Aufnahmeprüfung. Dann zieht er in ein Mehrfamilienhaus im Taunus und lebt in den Tag hinein. Er gleitet ab ins Ungebundene, in die Leere. Er trinkt mehr und härtere Sachen. Alkohol erscheint ihm als kürzester Ausweg aus seiner Situation. Ab und zu unterzieht er sich einer Entgiftung und einer anschließenden Therapie. Rückfälle folgen den Therapien auf dem Fuß, Entgiftungen nehmen für ihn im Laufe der Zeit den Status von Trinkpausen an. Einmal stellen die Ärzte eines psychiatrischen Krankenhauses während der Aufnahme 4,8 Promille bei ihm fest. An die 30 Mal unterzieht er sich der drei Wochen währenden Entgiftungsprozedur. Seinen Absturz hält das aber nicht auf. Er trinkt drei Flaschen Wodka pro Tag, dazu noch jede Menge Wein. Er hat kapituliert.

Im Oktober 2006 spitzt sich die Lage zu. Nach dem Ende einer neuerlichen Therapie kehrt er in seine Wohnung zurück und wird sofort wieder rückfällig. Alles erscheint ihm sinnlos, er will jetzt nur noch, dass endlich Schluss ist, dass sein verkorkstes Leben endet. Da es ihm offenbar nicht gelingt, den Gang der Katastrophe aufzuhalten, will er sie nun beschleunigen. Seine Gedanken beginnen um das Thema Sterben zu kreisen, er weiß aber nicht, wie er das bewerkstelligen soll. Freunde, an die er sich in der Not wenden könnte, hat er im Westen nicht gefunden. Mit Frauen hat sich seit der Zeit in Berlin nichts Dauerhaftes mehr ergeben.

Eines Tages sitzt er auf einer Bank vor einer Apotheke und trinkt. Er bemerkt, dass jemand etwas in die Apotheke liefert, man aber vergessen hat, die Lagertür zu schließen. Möglicherweise findet er dort etwas, dass ihm den Abgang aus dem Leben ermöglicht! Als er den Lagerraum betritt, steht plötzlich eine Apothekenhelferin vor ihm, die ihn hinauskomplimentiert und die Polizei verständigt. Der Wunsch nach Alkohol und Tabletten scheint den Polizisten auf Selbstmordabsichten hinzudeuten, sie liefern ihn wegen Selbstgefährdung in der Psychiatrie ab. Am nächsten Tag lässt man ihn wieder gehen und er steht stundenlang unschlüssig an einer ICE-Strecke. Schließlich trollt er sich unverrichteter Dinge und muss resigniert zur Kenntnis nehmen, dass er zu feige ist, sich selbst umzubringen.

Am Tag darauf fragt ihn eine alte Dame, die in der Wohnung unter ihm wohnt, ob sie ihm etwas vom Einkaufen mitbringen solle. Ein bisschen Obst könne nichts schaden, sagt er, und wenig später hängt Frau Schmidt eine Tüte mit Obst an seine Wohnungstür. Als er gegen 18 Uhr das Obst findet, klingelt er bei ihr, um sich zu bedanken und sie um ein Küchenmesser zu bitten, mit dem er die Apfelsinen schälen kann. Sie schlurft in die Küche, um das Messer zu holen.

Als er das Messer aus ihrer Hand nimmt, kommt ihm plötzlich ein Gedanke, der ihm wie eine Lösung für alle seine Probleme erscheint: Er könnte ja Frau Schmidt als Geisel nehmen – und sich dann von der Polizei erschießen lassen. So drängt er Frau Schmidt in die Wohnung, schließt die Eingangstür und erklärt ihr sein Vorhaben. Er möchte nicht, dass die alte Dame sich über Gebühr ängstigt, was sie in den nächsten 12 Stunden natürlich dennoch tut. Sie spürt, dass ihr seltsamer Nachbar sich in einem seelischen Ausnahmezustand befindet, er trinkt und fuchtelt mit einem Messer herum.

Rico ruft bei der Polizei an, trägt dick auf und fordert eine horrende Summe als Lösegeld. Um den Ernst der Lage zu unterstreichen, verlangt er Verbandszeug, weil die alte Dame verletzt sei. Die Polizei richtet eine Telefonleitung für die Verhandlungen mit Rico ein, über die sie im Laufe der Nacht mehrfach miteinander in Kontakt treten und verhandeln. Irgendwann ordert er Wein und muss beim Reinholen der Flaschen darauf achten, dass die Polizei keine Möglichkeit bekommt, um ihn zu überwältigen.

Er versucht, sich mit der alten Dame zu unterhalten, erklärt ihr seine Lage. Irgendwann in der Nacht essen sie gemeinsam eine Kleinigkeit. Die Polizei verlangt, mit der Geisel sprechen zu können. Er beschwört sie, ihre Lage als dramatisch und ernst zu schildern. Unter Aufbietung all ihrer schauspielerischen Fähigkeiten gelingt ihr das. Sie weint am Telefon und schildert Verletzungen, Fesseln und Knebel, die es in Wahrheit nicht gibt. Gegen Morgen verlangt er nach Tabak und Blättchen, die man auf das Fensterbrett legen soll. Nun endlich wird sich eine Situation ergeben, in der die Scharfschützen in Aktion treten und ihm den gewünschten finalen Rettungsschuss verpassen können. Denkt er.

Ein Schwert – und ein Schuss

Er zieht den Rollladen hoch und tritt ans offene Fenster. Die Polizei aber hat im Laufe der Nacht den Braten gerochen und will sich nicht als Selbstmordhelfer missbrauchen lassen. Ein guter Schütze schießt und die Kugel zerschmettert Rico die rechte Schulter. Die Polizei stürmt die Wohnung. Man nimmt ihn fest und bringt ihn in ein Krankenhaus. Frau Schmidt besucht ihn dort ein paar Tage später und er nutzt die Gelegenheit, sich bei ihr für all den Stress zu entschuldigen, den er ihr bereitet hat. Er selbst behält eine Nervenschädigung zurück, sein rechter Arm bleibt teilweise gelähmt.

Ein Jahr später wird er wegen Geiselnahme zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt. Wegen seiner Sucht ordnet das Gericht seine Unterbringung im Maßregelvollzug an, die aber nach zwei Jahren auf Ricos Wunsch hin beendet wird. Er wird in ein Gefängnis verlegt, wo er den Rest seiner Strafe verbüßen soll.

Im Januar 2010 ordnet ein Gericht seine vorzeitige Entlassung an und Rico verlässt das Gefängnis mit dem Plan, zu seinem leiblichen Vater ins bulgarische Sofia zu ziehen. Dieser hatte Ricos Mutter während seines Studiums in der DDR kennen und lieben gelernt. Da die Eltern der Mutter die Beziehung ihrer Tochter zu einem Bulgaren missbilligten, verließ der Vater seine Freundin und den gemeinsamen Sohn und ging nach dem Ende des Studiums in sein Heimatland zurück. Rico lernte den Vater erst im Erwachsenenalter kennen. Trotzdem erklärte der sich vor der Haftentlassung bereit, Rico eine Anstellung in seiner Firma und Unterkunft zu gewähren und ihm auch sonst unter die Arme zu greifen.

Doch Rico findet den Weg zum Vater und in ein neues Leben nicht. Vermutlich lösen sich nach der Entlassung alle guten Vorsätze in Alkohol auf. Er will eine Katastrophe inszenieren, die ihn von einem Dasein erlöst, das ihm nicht mehr der Mühe wert scheint. So kommt er auf sein Vorhaben zurück, sich von der Polizei erschießen zu lassen. Diese Idee ist zu so etwas wie einer Obsession geworden, weil sie die Aggression gegen sich selbst mit der gegen die Polizei verknüpft, der er die Schuld an seiner Misere anlastet und die er ins Unrecht setzen möchte: „Durch euren Rauswurf habt ihr meinen Absturz eingeleitet und mich einen sozialen Tod sterben lassen, jetzt könnt ihr mich auch leibhaftig töten!“ Diesmal trifft er auf Polizisten, die ihm den Gefallen tun.

Mitte Juli 2011 erscheint im Hessen-Teil der Frankfurter Rundschau ein Artikel über einen Polizeieinsatz in einem Frankfurter Obdachlosenheim. Polizisten seien am 10. Juli 2010 in ein Wohnheim für obdachlose Männer und Frauen gerufen worden. Von dort habe ein Bewohner selbst den Notruf betätigt und angegeben, er habe eine Geisel genommen und plane, diese zu erschießen. Das habe sich dann als falsch herausgestellt. Vielmehr sei der Mann, als die Polizisten in das Haus eindrangen, mit einem Samuraischwert bewaffnet auf sie losgestürmt. Daraufhin hätten diese auf ihn geschossen. Von mehreren Kugeln getroffen sei er noch am Tatort verstorben.

In den Tagen vor seiner Entlassung hatte Rico in seiner Zelle Sätze des schwedischen Autors Per Olov Enquist aufgehängt, der selbst einen langen Kampf gegen das Versinken im Alkohol hinter sich hat: „Man hofft ja immer auf ein Wunder. Wenn man nicht hofft, ist man wohl kein Mensch. Und eine Art Mensch ist man wohl trotz allem.“

Die Serie Berichte aus dem Dunklen versammelt in loser Folge Porträts von Menschen, die ein Verbrechen begangen haben. Die Geschichten versuchen zeitgenössische Antworten auf die alte Büchnersche Frage zu geben: Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt? Götz Eisenberg arbeitet beim psychologischen Dienst einer Haftanstalt in Butzbach. Namen, Orte und Jahreszahlen wurden verändert. Der Erlös der Artikel wird zur Finanzierung von Kulturprojekten im Butzbacher Gefängnis verwendet. Rico war Mitglied der Kulturgruppe der Justizvollzugsanstalt Butzbach.

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07:00 07.09.2010

Ausgabe 41/2021

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