Aus einer fernen Zeit

Rumänien In „The Royal Train“ huldigen die Menschen der Prinzessin eines untergegangenen Königshauses

Meine dreieinhalbjährige Tochter treibt ihre Eltern manchmal zur Verzweiflung: Sie will die Latzhose, die uns so gut gefällt, partout nicht anziehen, stattdessen besteht sie auf ihrem pinkfarbenen Tutu und hüpft „Ich bin eine Prinzessin“ singend durch die Wohnung. Es ist geradezu niederschmetternd – sind alle Bemühungen, sie möglichst geschlechtsneutral zu erziehen, gescheitert? Müssen wir die Hoffnung, sie für eine demokratische Politik zu gewinnen, begraben, während sie sich für absolute Herrschaftsmodelle begeistert? Ist die Vorliebe von Mädchen für die Farbe Pink, für Blumen und Rüschen eben doch genetisch angelegt? Sind die Menschen folglich psychologisch dazu verdammt, einen starken Anführer zu begehren? So fühlt es sich zumindest manchmal an, wenn man das Kleinkind nicht davon überzeugen kann, bei Nässe und Kälte ausnahmsweise mal eine Jeanshose anzuziehen. So fühlt es sich ebenfalls an, wenn über den Wahlsieg von Boris Johnson oder Donald Trumps Amtsenthebungsverfahren berichtet wird.

Genau diese Gefühlslage verleiht Johannes Holzhausens Film The Royal Train seine Dringlichkeit. Pessimismus und Misanthropie scheinen dieser Tage allzu verlockend, Holzhausens Porträt der Überreste des rumänischen Königshauses aber wirkt dieser Sorte von politischer Verzweiflung stark entgegen. Der Film verfolgt Kronprinzessin Margarita bei ihren Bemühungen, das rumänische Königshaus zu reinstallieren. Dabei arbeitet sie vorwiegend mit genau dem Drumherum, das meine Tochter an Prinzessinnen so reizt – mit Kostümen, Titeln und Zeremonien.

Dieser Tand spricht anscheinend nicht nur Kinder an, denn, so zeigt Holzhausens Film, überall, wo Margarita mit dem königlichen Zug hinfährt, wird sie von jubelnden Menschenmengen begrüßt. In jedem Dorf, wo sie mit ihrer Entourage Halt macht, wird ihr – wortwörtlich – der rote Teppich ausgerollt, während ihre treuen Diener dem Bahnhofspersonal erklären, welche Ehre der Besuch der Prinzessin bedeutet.

Trachtenfrauen, edle Ritter

Ein Film, der nur das zeigt, wäre schon interessant genug, liegt doch eine ausgesprochene Schönheit im Kontrast der zu ernst genommenen Zeremonie einerseits und der Alltäglichkeit eines kleinstädtischen Bahnhofs andererseits, eine Wechselwirkung, die dem Erhabenen ähnelt, die aber zugleich zutiefst absurd ist. Auf nichtrumänische Zuschauer – auf die, die keine emotionale Verbindung zur königlichen Familie haben – muss Margarita zwangsläufig lächerlich wirken. Aber da stehen Tausende Menschen und begrüßen sie, als wäre ihr Wort noch Gesetz. Die Ernsthaftigkeit dieses Enthusiasmus widerspricht unseren abschätzigen Instinkten.

Die Spannung zwischen Lächerlichkeit und Erhabenheit im Film hat einen starken Effekt, doch die Szenen enthalten zugleich zu wenig Informationen, um den Enthusiasmus zu verstehen. Zum Glück verfolgt der Film noch einen zweiten Handlungsstrang um einen Diener der Prinzessin, der für das Sammeln historischer Gegenstände der Familie verantwortlich ist. Der große, gut aussehende und elegante Mann hört geduldig zu, während ältere Menschen die Geschichte ihrer Gegenstände erzählen – wie Bücher in der Zeit des Kommunismus im Keller versteckt wurden; wie Eltern oder Großeltern trotz Verbot immer dem König treu blieben; wie der Ehemann 15 Jahre in einer Zelle verbrachte, „zumindest wenn man die zwei Jahre, die er in Erdlöchern hausen musste, dazuzählt“.

Das Auftreten der Prinzessin wird so in erlebte Geschichte eingebettet. Die Zeremonie, in der sie hoflosen Hoflieferanten Zertifikate verleiht, wirkt zwar kaum weniger peinlich, nur weil kurz zuvor jemand von der Brutalität des Ceaușescu-Regimes berichtet hat. Aber sooft man über die Königin lachen will, versteht man doch auch den Enthusiasmus der Frauen, die sich in Trachten kleiden, und der Männer, die sich als Ritter rüsten. Wer einen grauen Diktator überlebt hat, darf nostalgische Gefühle für eine bunte Monarchie hegen.

„Il faut être absolument moderne“, sagte bekanntermaßen Arthur Rimbaud vor 150 Jahren. Damals ging die Hoffnung auf eine Welt ohne Feudalherrschaft einher mit einer neuen Ästhetik; Modernsein bedeutete zugleich, sich ein neues Zusammenleben vorzustellen, ein gleichberechtigtes, gerechtes, solidarisches. Heute muss man schon einer sehr besonderen Sorte marxistischen Glaubens anhängen, um noch auf die Idee zu kommen, dass Modernsein eine Lösung sein könnte. So modern wie Apple und Google? Wohl kaum. Der Modernität von Drohnenangriffen, Überwachungskapitalismus und Klimawandel wollen wir uns nicht anschließen. Es ist also keine allzu große Überraschung, dass viele Menschen sich die Wiederkehr des Absolutismus wünschen. Ob durch Wiederherstellung eines Königshauses oder durch bloße Nachahmung von dessen Ästhetik – Donald Trump teilt seine Vorliebe für Vergoldungen mit vielen Hohenzollern –, ist am Ende unwichtig. The Royal Train entblößt beides als historisch bedingte Reaktionen auf eine Moderne, die uns wenig hoffen lässt. Der Film zeigt aber auch, dass Hoffnung manchmal im Vergangenen steckt. Denn wenn die Monarchie überwunden werden konnte – und Prinzessin Margarita jetzt eine lächerliche und keine beängstigende Figur mehr ist –, dann darf meine Tochter vielleicht einmal in einer Welt leben, in der die Bolsonaros und Orbáns endlich wieder nichts als Clowns sind.

Info

The Royal Train Johannes Holzhausen Österreich/Rumänien 2019, 93 Minuten

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