Aus Fakultäten werden Firmen

Niederlande Die Amsterdamer Universität muss ihren Lehrbetrieb zusammenstreichen, weil sie sich am Kapitalmarkt gehörig verzockt hat
Michael Krätke | Ausgabe 20/2015 1

Vielerorts in Amsterdam stößt man gerade auf große rote Vierecke, die mit Kreide an Wände oder aufs Pflaster gemalt sind. Die geometrische Figur ist das Symbol einer neuen internationalen Studentenbewegung. Wir schaffen die Quadratur der roten Kreise, in denen sich die Linke seit Jahr und Tag um sich selbst dreht, soll das heißen. Denn diese Aktivisten haben erreicht, was noch keiner vergleichbaren Bewegung in so kurzer Zeit gelang: Sie hat die Unterstützung einer Mehrheit der Studierenden, sie genießt Sympathien in der niederländischen Bevölkerung, und sie beeinflusst sogar den öffentlichen Diskurs über die Zukunft der höheren Bildung. „De Nieuwe Universiteit“ (DNU), die neue Universität, nennt sich diese Assoziation gegen neoliberale Hochschulpolitik.

Alles begann mit der Besetzung des Maagdenhuis, des Gebäudes am Spui im Zentrum, in dem das Präsidialamt der Amsterdamer Universität sitzt. Sechs Wochen dauerte die Besetzung, dann wurde sie Mitte April durch einen unnötigen und übertrieben harten Polizeieinsatz beendet. Damit hatte das Rektorat verloren. Den Besetzern flog die Anteilnahme regelrecht zu. Sie kam von einer Mehrheit der Studenten und Dozenten, aus der Öffentlichkeit Amsterdams, aus den Niederlanden überhaupt. Alle waren sich einig, die Universitätsleitung möge unverzüglich abtreten. Konsequenzen gab es in der Tat, wenn man den Rückzug von Universitätspräsidentin Louise Gunning als Beleg nimmt.

Vorbild Großbritannien

Anlass der Besetzung war ein ausuferndes Sparpaket, das Ende 2014 von oben herab diktiert wurde: Die Geistes- und Sprachwissenschaften sollten bluten, Hunderte Stellen gestrichen werden, über ein Drittel des Lehrangebots wegfallen. Grund dafür war nicht nur das alte Ressentiment gegen die „brotlosen Künste“, das die neue Managerkaste pflegt, sondern schlichte Geldnot. Die Amsterdamer Universität ist wie andere Lehranstalten im Land zu einer Institution geworden, die riesige Schulden hat und auf das Wohlwollen ihrer Geldgeber, vorzugsweise der Banken, angewiesen ist. Sie hatte sich zudem am Kapitalmarkt verspekuliert. Das war wirklich neu: Eine Universität, die ihren Lehrbetrieb zusammenstreicht, weil sie sich mit Derivaten verzockt hat.

Die Hochschulpolitik der Niederlande ist seit jeher dem angelsächsischen Modell gefolgt. Daran lässt sich vorzüglich studieren, wohin eine neoliberale Zurichtung der Universitäten führt. Das „New Public Management“ wird heute vielerorts im öffentlichen Sektor von EU-Staaten durchexerziert. Mit den gleichen verheerenden Folgen. Es geht um mehr als um Hochschulpolitik.

Mitte der neunziger Jahre wurde der Universität von Amsterdam eine neue Leitkultur aufgezwungen. Fortan sollte sie wie ein Privatunternehmen geführt werden, um für den Bildungsmarkt der Zukunft konkurrenzfähig zu sein. Es begann eine schleichende Kommerzialisierung, die bis heute andauert und die Amsterdamer Uni wie die übrigen Hochschulen des Landes britischen und US-Universitäten angleicht.

Mieten und zahlen

Das Danaergeschenk, um jene Privatisierung auf Touren zu bringen, gab es im Jahr 1995. Damals wurden die bis dahin staatseigenen Gebäude und Grundstücke, die Universitäten, Hoch- und Fachschulen nutzten, diesen Anstalten als Eigentum übertragen. Plötzlich verfügte die Universität von Amsterdam über Immobilienbesitz und musste fortan Kosten für Erhalt, Um- und Neubauten selbst tragen.

Um den zugewiesenen Status zu finanzieren, wurde die Uni zum Kreditnehmer. Und das nicht zu knapp: Die so aufgelaufenen Schulden liegen im Mai 2015 bei 260 Millionen Euro und werden bis 2018 auf gut 400 Millionen steigen. Um sich gegen Zinsschwankungen abzusichern, stieg die Universität in den Derivate-Markt ein; von 2002 bis heute wuchs das entsprechende Portefeuille auf 255 Millionen Euro. Zuvor hatte eine Kulturrevolution stattgefunden, da 1997 per Gesetz die universitäre Selbstverwaltung abgeschafft wurde. Dafür hielten Finanz- und Immobilienexperten Einzug in der Universitätsverwaltung.

Die Amsterdamer Universität gleicht seither der von Harvard: Aus Finanzmanagern rekrutiert sich das größte und wichtigste Verwaltungsdepartment – aus Unternehmensberatern, Buchhaltern, Bankern und Immobilienspezialisten. Wie neue Herren so sind, begannen sie, die Lehranstalt gründlich zu kolonisieren. Aus einer Ansammlung von schlecht und recht selbstverwalteten, meist freiwillig kooperierenden Inseln der akademischen Lehre wurden formell selbstständige Privatunternehmen, die um die Verteilung von knappen universitären und außeruniversitären Mitteln zu konkurrieren hatten. Als Firmen mussten die Fakultäten sämtliche Gebäude, die sie nutzten, von der Holding UvA, also der Zentralverwaltung, mieten und dafür zahlen. Und sie mussten ihren Kostenanteil an Bauvorhaben der Universität tragen, mithin für Kredite gerade stehen, die Finanzmanager für sie aufnahmen. Um in diesem Spiel zu überleben, mussten sich die Fakultäten – in Großbritannien gilt das schon für einzelne Fachgruppen – Jargon und Denkweise der Finanz- und Immobilienmanager anpassen, die fortan das Sagen hatten.

Die Universitätsleitung, einst Domäne renommierter Gelehrter, hat sich in einen Klub von Managern verwandelt, die viel von Renditen und nicht so viel von universitärer Forschung oder Lehre halten. Sie handeln wie Investmentbanker und werden dementsprechend überbezahlt, wenn auch noch nicht so monströs wie in Großbritannien oder in den USA üblich. Dass darunter das Verständnis für Leben und Arbeit der Lehrenden und Lernenden einer Universität leidet, überrascht nicht.

Der Aufstand der Amsterdamer Studenten und Dozenten zeigt, wie tief der Graben zwischen der Kaste der neuen Manager und dem Rest der universitären Welt von gestern inzwischen ist. Dass in Amsterdam kein vereinzelter Aufstand ausgebrochen ist, sondern Studenten auch in anderen EU-Ländern, in Lateinamerika, selbst in Nordamerika revoltieren, gibt Hoffnung.

06:00 27.05.2015

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