Aus nächster Nähe, so fern

Im Kino "Im toten Winkel - Hitlers Sekretärin" von André Heller und Othmar Schmiderer zeigt die eigentümlichen Bedingungen des Nicht-Wissens

Sie habe geglaubt, an der Quelle der Information zu sein, dabei habe sie sich in Wirklichkeit im toten Winkel befunden - aus dieser Aussage von Traudl Junge, die von 1943 bis zu seinem Selbstmord eine von Hitlers Sekretärinnen war, wählten André Heller und Othmar Schmiderer den Titel ihres Dokumentarfilms. Für das, was die 79-Jährige hier vor der Kamera erzählt, gibt es in der Tat kaum eine bessere Umschreibung als "Im toten Winkel". Denn in Traudl Junges Erinnerungsbericht geht es nicht um sensationelle Enthüllungen über "Hitlers letzte Tage", sondern es geht um Perspektiven, um den Wechsel derselben zwischen damals und heute, um die blinden Flecken der Nahsicht und darum, was dort trotz allem noch zu sehen war, im toten Winkel.
Dabei ist der Film von verblüffender und beeindruckender Einfachheit. Knapp 90 Minuten hört und sieht man eine einzige Frau sprechen, aufgenommen in wenigen, sich wiederholenden Einstellungen, die sie in ihrer Münchner Wohnung zeigen. Es gibt keine Kamerafahrten, keine Zooms, keine besondere Ausleuchtung, nichts, was von der Erzählung ablenkt, und nichts, was deren innere Dramatik durch äußere Effekte betonen will. Ebenso schnörkellos ist die Erzählweise: Traudl Junge berichtet ganz einfach chronologisch; in knappen Worten schildert sie ihre Herkunft, was sie als 20-Jährige Anfang der vierziger Jahre nach Berlin geführt hat und wie sie schließlich Hitlers Sekretärin wurde, von der Zeit in Wolfsschanze, Berghof und Führerbunker, vom Tag des Attentats auf Hitler, von den letzten Tagen vor dem Selbstmord; immer sind es konkrete Begebenheiten, die sie erzählt. Sparsame Texttafeln ergänzen zu Beginn und am Ende das Notwendigste. Der Film ist so vollkommen unspektakulär wie ungeheuer fesselnd. In der unaufwändigen Machart bietet er eine Möglichkeit zur Klarsicht, die die Vielschichtigkeit der Vergangenheitsbewältigung, die Zwiespältigkeit des Erinnerungsprozesses erst richtig deutlich werden lässt. Sehr ungewöhnlich und unerwartet für einen Dokumentarfilm bekam er auf den Berliner Filmfestspielen den in der Sektion Panorama verliehenen Publikumspreis.
Als müsste es eine Entschuldigung für diesen Erfolg geben, wurde immer wieder angeführt, dass Heller und Schmiderer "es ja leicht hatten", denn in Traudl Junge haben sie eine sehr begabte mündliche Erzählerin gefunden, die treffend formulieren kann, ohne zu formelhaft zu werden, die von ihren Emotionen berichtet, ohne verbal je die Kontrolle zu verlieren. Dass diese Frau in ihrem späteren Berufsleben mit Sprache gearbeitet hat - unter anderem war sie als Wissenschaftsjournalistin tätig -, ist deutlich herauszuhören.
Wichtig ist vielleicht auch zu wissen, dass Junge hier nicht zum ersten Mal ihre vermeintlich intimen Kenntnisse aus nächster Nähe preisgibt. Ihre Erinnerungen an die Zeit bei Hitler hat sie bereits 1947, in aller Frische, niedergeschrieben. Die Autorin Melissa Müller bereitete für dieses Jahr die Herausgabe des bislang unveröffentlichten Manuskripts vor; sie war es, die den Kontakt zwischen André Heller und Traudl Junge vermittelte.
In wenigen Sitzungen (im Film sind anhand unterschiedlicher Kleidung drei zu unterscheiden) nahm Heller mit seinem Kameramann Schmiderer insgesamt über 10 Stunden Material auf. Eine daraus entstandene Dreieinhalbstundenfassung spielten sie Traudl Junge vor, die so die Gelegenheit erhielt, Korrekturen und Ergänzungen vorzunehmen. Szenen daraus sind wiederum im Film dokumentiert. Der Zuschauer hat es hier also nicht einfach nur mit einer von einer Kamera protokollierten Beichte zu tun, sondern erhält Einblick in den Entstehungsprozess, der sowohl den Respekt der Filmemacher vor dieser Frau bezeugt, als auch deren große Sorge um die eigene Wirkung. Mit Sorge soll sie auch der Filmpremiere und den Publikumsreaktionen entgegen gesehen haben; der Zufall wollte es jedoch so, dass Traudl Junge nach schwerer Krankheit in der Nacht der Filmpremiere starb.
Dass sie Junges Erzählungen nicht weiter hinterfragt hätten, wurde den Autoren teilweise vorgeworfen, auch dass sie ihrer Version des "Ich habe nichts gewusst, obwohl ich hätte wissen können" kein "Haben Sie nicht doch gewusst, aber nicht wissen wollen" entgegen halten. Denn Schmiderer und Heller demonstrieren in der ganzen Machart ihres Films ein Vertrauen in ihre Zeitzeugin, das heute eher ungewöhnlich ist; strikt vermeiden sie den Gestus der Entlarvung, aber nur so kommt zustande, was die eigentliche Dramatik dieses Films ausmacht: Traudl Junges Hadern mit den eigentümlichen Bedingungen ihres Nicht-Wissens um die wahren Verbrechen. So leicht ihr das Formulieren fällt, so schwer macht sie es sich mit diesem Punkt; die fast 80-Jährige will sich nicht damit herausreden, mit Anfang 20 einfach zu jung gewesen zu sein, um zu begreifen. Distanziert betrachtet sie von heute aus "das kindische junge Ding", das sie mal war, und versucht doch, den Kontakt zu ihrem jugendlichem Selbst nicht aufzugeben, weil sie sich - und die Anschaulichkeit ihrer Schilderungen legen darüber beredtes Zeugnis ab - darin immer noch gut wiedererkennt.
Das Wissen aus nächster Nähe, die intime Zeitzeugenschaft wird in unserer Mediengesellschaft sehr hoch gehandelt. Dass Hitler Vegetarier war, Verdauungsprobleme hatte und seinen Schäferhund abgöttisch liebte, ist uns deshalb gegenwärtiger als die Fakten und Hintergründe der Machtergreifung von 1933. Der Boom dieser "Gedächtniskonjunktur" (siehe den Beitrag des französischen Philosophen Pierre Nora im Freitag 11/2002) hat längst das Paradigma verändert, gegen dessen vermeintliche Starre die Erkenntnisse der "oral history" noch immer zur Wirkung gebracht werden sollen. Angesichts dieser Entwicklung ist Hannah Arendts kluger Satz von der Banalität des Bösen vollkommen zahnlos geworden, denn die Geschichtsschreibung, zumindest die mediale, droht, sich in Banalitäten aufzulösen.
So beeindrucken natürlich auch in Traudl Junges Erzählung der letzten Tage im Führerbunker all diese bunten, beziehungsweise grauen Alltagsdetails -, dass in Gegenwart des Führers zuletzt doch geraucht wurde, dass lange über die verschiedenen Methoden, sich umzubringen, geredet wurde, dass "die Eva" sich großartige Geschenke wünschte - aber Sinn bekommt das Ganze erst durch das Wie der Vermittlung, durch die hörbare innere Beteiligung Junges, durch ihr Reflektieren und Zweifeln während des Erzählens. Es ist dieser zusätzliche Reichtum der Übermittlung, der den Film - trotz inhaltlicher Ähnlichkeiten - ganz anders wirken lässt als das Buch. So mag der geschriebene Bericht reicher an Details und Fakten sein, der Film ist aussagekräftiger.

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00:00 03.05.2002

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