Aus Saulus wird Paulus

Michail Chodorkowski näht Kleider und appelliert aus dem Straflager Russland modernisieren und nach links wenden

Der frühere Milliardär Michail Chodorkowski - für die einen ein Symbol des postsowjetischen Raubtier-Kapitalismus, für die anderen ein Märtyrer der Menschenrechte - hat sich am 11. November aus der gerade angetretenen Lagerhaft nahe der sibirischen Stadt Tschita mit einem "Programm der radikalen Modernisierung Russlands bis 2020" zu Wort gemeldet. Als aufmerksamer Leser der Moskauer Presse hatte man bereits zuvor erfahren, dass der einstige Spitzenmanager des Yukos-Öl-Imperiums entgegen allen Spekulationen, die Regierung Putin wolle ihn verschwinden lassen, gleich in den ersten Tagen nach seiner Ankunft im Lager einen dreitägigen Besuch seiner Frau empfing - den ersten seit der Festnahme im Sommer 2003.

Neben einer Arbeit als Näher in der lagereigenen Kleiderproduktion, die ihn zwei Stunden am Tag in Anspruch nimmt, darf Chodorkowski ab sofort als Lagerdozent Seminare geben; er kann TV und Kühlschrank beantragen, Presse abonnieren (von 50 Zeitungen ist die Rede, die er sich bestellt habe). Bei guter Führung, ließ die Lagerleitung wissen, bestehe wie üblich die Chance einer vorzeitigen Entlassung - kurz, Chodorkowski ist ein ganz normaler, aber prominenter Häftling.

Nun hat er sich - nach diversen Appellen aus dem Moskauer Gefängnis Matrosenstille - zu seinem erstem Ruf aus der sibirischen Verbannung entschlossen und greift darin den Präsidenten vehement an: Putin stehe einem Apparat von Schmarotzern vor, die unfähig seien, das Land zu modernisieren. Sie bewege einzig und allein, wie man möglichst schnell etwas vom Staat bekommen könne. Statt dieses parasitären Ansatzes brauche Russland eine neue Elite, die nach Putins Abgang als Staatschef ab 2008 Verantwortung übernehme und ihre Mission nicht in einer bloßen Umverteilung der Reichtümer zu ihren Gunsten sehen dürfe.

Diese neue Nomenklatura werde damit konfrontiert sein: dass Russlands Bevölkerung schrumpfe, die Infrastruktur verschlissen und der Maschinenbau zusammengebrochen, die Kontrolle über den Kaukasus verloren seien - und die Streitkräfte mit innerer Erosion zu kämpfen hätten. Statt einer Politik der "vertikalen Macht" brauche das Land eine föderale Ordnung, die den Regionen mehr Kompetenzen zubillige. Eine "Ökonomie des Wissens" müsse Industrie und Landwirtschaft gleichermaßen entwickeln. Der Staat sollte mehr Geld für Bildung und Wissenschaft ausgeben, anstatt sich nur auf seine Energieressourcen zu verlassen. Das größte Problem sieht Chodorkowski im "brain drain", der gestoppt werden müsse. "Schaut, was ich aus Yukos gemacht habe", erklärt er selbstbewusst. Die Geschichte des Ölkonzerns zeige doch, dass eine Modernisierung möglich sei.

Ganz Makroökonom, ganz auf das Wohl des Staates bedacht, schwebt Chodorkowski eine Art Doppelsteuer für Oligarchen vor. Auf bereits privatisiertes Volksvermögen möchte er eine Privatisierungssteuer erheben - das werde dem Staatshaushalt Geld zuführen, den Zahler zugleich als legitimen Eigentümer ausweisen und damit die Eigentumsverhältnisse stabilisieren. Zugleich will der Ex-Tycoon eine Ressourcensteuer, um jede Verschwendung der natürlichen Reichtümer zu unterbinden. Dank der Einnahmen aus beiden Steuern könne der Staat zu traditionellen sozialen Sicherungssystemen zurückfinden, so dass jedwede medizinische Versorgung, aber auch die Ausbildung wie früher alimentiert werden könnten - ein Segen für eine zu 90 Prozent arme Bevölkerung.

Dies alles zeugt von der ernsthaften Ambition, sich aktiv in die russische Politik einzuschalten. Aus dem Vorstand des Unternehmerverbandes war Chodorkowski mit der Begründung ausgetreten, er sei nach der Demission bei Yukos kein Unternehmer mehr, sondern eine Privatperson, die sich mit aller Kraft dem Land widmen wolle.

"Mir persönlich hat Russland viel gegeben", schreibt er aus dem Lager, "in den siebziger und achtziger Jahren bekam ich eine Ausbildung, auf die man stolz sein kann. Später machte mich das zum reichsten postsowjetischen Menschen. In den zurückliegenden Jahren freilich entzog mir das Land mein Eigentum wieder und steckte mich ins Gefängnis, wo ich die Möglichkeit erhielt, eine weitere Ausbildung zu bekommen - dieses Mal eine auf den ganzen Menschen bezogene, eine humanitäre."

Das klingt sehr prinzipiell: Wurde aus Saulus ein Paulus? Man erinnere sich: Vor einem Jahr schon, ebenfalls aus dem Gefängnis, hatte Chodorkowski mit dem Liberalismus der Jelzin-Ära abgerechnet: "Für viele, wenn auch nicht für alle Unternehmer, die in den neunziger Jahren ihr Vermögen gemacht haben, ist Russland nicht die Heimat, sondern ein unbegrenztes Jagdrevier" - schrieb er damals zum Erstaunen aller, die ihn als den effektivsten unter diesen Jägern erlebt hatten - "ihre Interessen und Lebensstrategien sind dabei mit dem Westen verknüpft. Für mich ist Russland meine Heimat. Hier möchte ich leben, arbeiten und sterben. Und ich möchte, dass meine Nachkommen auf Russland und auf mich als einen winzigen Teil dieses Landes und dieser einmaligen Zivilisation stolz sein können. Vielleicht habe ich das zu spät verstanden ..., doch lieber zu spät als nie."

Erst im September hatte Chodorkowski für Russland eine "linke Wende" prophezeit. Bei "ehrlichen Wahlen" werde die Linke "unausweichlich" gewinnen. Er riet daher den oppositionellen Kräften von den Ultra-Liberalen bis hin zur Vaterländischen Linken, sich zu einer sozialdemokratischen Koalition unter Führung der KP zusammenzufinden. Wenn Chodorkowski zu diesem Zeitpunkt seine Positionen mit patriotischem Unterton präzisiert, darf man annehmen, dass er sich für eine führende Position in einer solchen Allianz ins Gespräch bringen will.


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00:00 18.11.2005

Ausgabe 38/2020

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