Aus Sicht des Zimmers

Kino Rodney Aschers lustvoller Essayfilm „Room 237“ erzählt von verborgenen Dingen, die man in Stanley Kubricks „Shining“ entdecken kann
Florian Schwebel | Ausgabe 38/2013
Aus Sicht des Zimmers
Teppichmuster in „Shining“, die sich ändern: Belegbild aus „Room 237“

Foto: Presse

In keinem Filmgenre spielen Fans und Fetischisierung eine ähnlich große Rolle wie im Horror. Hier werden Nebendarsteller zu Kultfiguren, Requisiten zu Devotionalien, Vorführungen zu Mitternachtsmessen. Stanley Kubrick gelang es 1980 mit seiner Stephen-King-Verfilmung Shining dennoch, Cineasten und Horror-Buffs in missmutiger Indifferenz zurückzulassen. Beide Parteien stießen sich daran, dass ein traditioneller, leicht prätentiöser Gruselfilm vorab zur Apotheose des Genres erklärt wurde.

Der zweifelhafte Status verhinderte jedoch nicht, dass sich Shining zum Dauerbrenner in Programmkinos entwickelte oder dass die Eröffnungsszene – fahrendes Auto von oben auf Serpentine – mittlerweile in jedem zweiten Thriller zitiert wird. Empfehlungslisten, Diskussionsforen und Spezialseiten im Internet besorgten die aktuelle Wertschätzung des Films, der Rodney Aschers sacht ironische Dokumentation Room 237 nachspürt. Fünf netzbasierte Exegeten erzählen als Stimmen aus dem Off von geheimen Subtexten in Kubricks Film. Dazu fließen ausgewählte, leicht verfremdete Szenen aus Shining und Kubricks restlichem Œuvre, ein paar Bilder vom Set, (zu wenig) zeitgeschichtliche Aufnahmen und erörternde Schaubilder ineinander.

Zeitlupen, übereinander geblendete Szenen, Vergrößerungen und Wiederholungen dekonstruieren Shining in einem nervösen Sog widersprüchlicher Informationen. Kapitelüberschriften scheinen zunächst Stringenz zu suggerieren, entpuppen sich aber als Hommage an den Originalfilm, der ebenfalls durch vorgeblich strukturierende, verwirrende Zwischentitel sein Publikum verunsicherte. Grundlegende Informationen zu Handlung und Entstehungsgeschichte von Shining werden in Room 237 genauso vorausgesetzt wie die Vertrautheit mit der Kubrick-Legende: Der für 1980 revolutionäre Einsatz der Steadycam bleibt unerwähnt, Gerüchte über Kubricks Beteiligung an gestellten Aufnahmen der Mondmission im Jahr 1969 sind hier Teil des Allgemeinwissens.

Room 237 will nicht aufklären, sondern vollzieht in lustvoller Unruhe weitgehend wertfrei die Gedankenlabyrinthe seiner unsichtbaren Protagonisten nach. Dazu tönt Originalmusik mit stärkerem Horrorflair, als der Soundtrack von Shining evozierte.

Feier des Nerdismus

Für Geoffrey Cocks erzählt die Tragödie des erfolglosen Schriftstellers mit Familie in einem verlassenen Spukhotel in Wahrheit vom Holocaust. Mit geschärftem Blick ließen sich Anspielungen finden auf 1942, das Jahr der Wannsee-Konferenz: verwaiste Koffer, eine „Adler“-Schreibmaschine und die Gedächtnislücken aller auftretenden Mörder. Aus Sicht von Bill Blakemore behandelt Shining dagegen die Ausrottung der indigenen Bevölkerung, was ein Nebenthema der Romanvorlage war. John Fell Ryan behauptet, der Film müsse gleichzeitig vorwärts- und rückwärtslaufend auf einer Leinwand betrachtet werden, um volle Wirkung zu entfalten. Und für Jay Weidner dienen Geistermär und Beziehungskrise als Vehikel für Kubricks Geständnis (vor allem gegenüber seiner Frau), tatsächlich die Mondlandung inszeniert zu haben.

Im Kontrast dazu betreibt Juli Kearns fast klassische Filmkritik, wenn sie die unmögliche Topografie des Overlook-Hotels und Anspielungen auf die Minotaurus-Sage fokussiert. Sie belegt Kubricks freudianische Auffassung von Sexualität und verdrängtem Grauen. So mischt sich in Room 237 beiläuftig Spekulatives mit Evidentem, wechseln sich erhellende Bezüge – Kubrick arbeitete einmal an einem Holocaust-Film – mit vageren ab: In einer Szene klebt an der Kinderzimmertür Disneys siebter Zwerg, in einer späteren ist er verschwunden. Für die überschüssige Interpretation in Room 237 kein Anschlussfehler, der auch dem genialen Filmemacher passieren kann, sondern Symbol für verlorene Unschuld.

Shining erzählt, wie alle Horrorfilme und alle Filme von Kubrick, von einem fundamentalen Misstrauen gegenüber gesellschaftlichen Konstrukten und zwischenmenschlichen Beziehungen. Die späte Popularität des Films setzte ein, als sich mehr Menschen genau wie sein Anti-Held von turnschuhtragenden Outlaws in mörderische Mitmacher mit nostalgischen Sehnsüchten verwandelten. Für Room 237 als radikaler Essayfilm, der die Form so überhöhen will wie einst Shining die seine, bleiben solche Überlegungen irrelevant. Eine Feier nerdigen Weltwahrnehmens, die alle Schrecken, von denen sie kündet, bannt.

Room 237 Rodney Ascher USA 2013

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16:20 18.09.2013

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