Ausbildung zum Tod

Kolonialgeschichte Pramoedya Ananta Toers Roman über Indonesien: "Haus aus Glas"

Minke und sein Mörder Pangemanann sind Geschöpfe aus der Kolonialwelt. Ihr Schöpfer, der indonesische Schriftsteller Pramoedya Ananta Toer lässt sie in einem Haus aus Glas - so der Titel des Romans - gegen einander auftreten: Minke als Chefredakteur einer wichtigen Zeitung in Ostindien und Freiheitskämpfer, Pangemanann als hochrangiger Kommissar der holländischen Kolonialmacht. Der Ich-Erzähler des Romans, Pangemanann, liebt Wörter, mit denen er seine Geschichte, die Geschichte seines Landes und die Europas vom Anfang des 20. Jahrhunderts auf über 400 Seiten ausführlich erzählt. Toers Hauptfigur ist ein Geschöpf mit Intelligenz, das sich als "Werkzeug" der Kolonialmacht in einen Verbrecher verwandelt. Sein Werk ist es, die anders denkenden Intellektuellen zu "vernichten". Er liebt auch historische Berichte und Dokumente, auf die er sich im Roman immer wieder bezieht, um die Authentizität seiner Darstellung zu belegen.

Dank dieser unwiderstehlichen Liebe zum Erzählen erfahren wir, dass der Kommissar Pangemanann Waise ist, der als Jugendlicher von einem französischen Apotheker adoptiert wird. So genießt er das Privileg, eine europäische Ausbildung in Frankreich zu absolvieren. Sein Lebensweg verläuft stur geradeaus wie ein gespannter Draht, bis er in seinem Land Kommissar wird und im Dienste der Holländer als einheimischer Häscher fungiert. Er hat keinen Zweifel, dass der Kolonialismus auf der ganzen Welt das Böse verkörpert und wird stets von seinem Gewissen geplagt. Dennoch bleibt er beim "Gouvernement" als Werkzeug des holländischen Überwachungsstaats. Denn er und seine Familie leben "ausgerechnet von der Vernichtung der moralischen Prinzipien und idealen Rechte." Er feiert lieber, entsprechend der Anweisung der Königlichen Regierung, das Hundertjahrfest der Unabhängigkeit Hollands vom Napoleonischen Frankreich mit den Kolonialherren, als dass er die Strömungen des nationalen Erwachens seiner Landsleute, also ihre Unabhängigkeitsbemühungen unterstützt.

Selbst als der bewaffnete Zwischenfall in Sarajevo 1914 zu einem Weltkrieg eskaliert, bleibt der Geheimdienstler Pangemanann seinen Herren treu. Die Kolonialmächte ließen sich sehr schnell im Streit um die Kolonien, die als Rohstoffquelle für die eigene Industrie dienten, in den Krieg hineinziehen. Im Auftrag des Gouvernements veranlasst Pangemanann, dass die christlichen und islamischen Geistlichen in ihren Gottesdiensten für die Sicherheit Hollands, Ihrer Majestät Königin Wilhelmina und ihrer Familie, beten: "Betet, ihr Gläubigen, möge Holland ewig über die Erde und die Menschen Ostindiens herrschen!", lautete damals die Devise. Damit diese Devise nie wieder an Wert gewinnt, bedient sich Ananta Toer, oder Pram, wie ihn die Freunde nennen (Freitag 21/2003), einer Literatur, "die Mut macht, die die Würde des Menschen hervorhebt und in den Mittelpunkt ihres Interesses die Rolle des Individuums als grundlegenden Akteurs der Menschheitsgeschichte stellt."

Auf Buru entstand Prams bedeutendstes Werk, die Tetralogie Bücher der Insel Buru. Mit dem Haus aus Glas (Rumah Kaca)liegen nun alle vier Bände der berühmten Buru-Bücher in deutscher Übersetzung vor: Bumi Manusia - Garten der Menschheit, Anak semua Bangsa - Kind aller Völker und Jejak Langkah - Spur der Schritte. Dass es dem heute 78jährigen Pram gelungen ist, diese Tetralogie zu Ende zu schreiben, verdankt er einzig und allein seinem Gedächtnis. Denn als er mit dem ersten Buch anfing, wurde er als herausragender Intellektueller Indonesiens mit kompromisslosem moralischen Anspruch von der holländischen Kolonialherrschaft verhaftet. Er wurde auch unter dem ersten indonesischen Präsidenten Sukarno eingesperrt. Das Suharto-Regime, das im Oktober 1965 nach einem blutigen Putsch mit mehr als 500.000 Toten an die Macht kam, hielt ihn 33 Jahre lang im Kerker und im Hausarrest. Gedanklich entstanden die Buru-Tetralogie auf der Gefangeneninsel.

"In den ersten Jahren habe ich in Gedanken geschrieben. Indem ich die Geschichten meinen Freunden erzählte, behielt ich sie in Erinnerung", betont der Autor. Nach der Freilassung 1979 im Jakartaer Hausarrest schreibt er die Geschichten mit einer Schreibmaschine, für deren Zulassung sich damals sein deutscher Kollege Günter Grass eingesetzt hat. Nach der Veröffentlichung jedes Bandes empfanden Suharto und seine Schergen Prams Schriften und Ansichten als Gift für die von ihnen veranlassten "Neue Ordnung". Alle Bände wurden in den achtziger Jahren von der Zensur als Propaganda für "Marxismus, Leninismus, Kommunismus" und wegen ihres "subversiven" Gehalts sofort verboten. Sie kursierten aber im Untergrund. Selbst Personen, die Prams Bücher nur besaßen, landeten hinter Gittern. Dennoch blieb er der meistgelesene zeitgenössische Autor im Reich der 17.000 Inseln. Heute werden seine Bücher vor allem von der Jugend wie Zeitzeugnisse aufgenommen.

"Im Wesentlichen geht es darum: Indonesische Geschichte literarisch zu schreiben. Es geht um die Veränderung unserer Gesellschaft. Und dazu gehört auch die Veränderung des Geschichtsbildes", so der Autor. Pram entwirft dieses Geschichtsbild mit den einmaligen Erlebnissen, selbst Geschichte gemacht und gleichzeitig die Veränderungen von außen betrachtet zu haben. Seine Stärke liegt darin, Akteur und Beobachter in einer Person zu sein. Er ist Meister der Charakterisierung. Leider kommt aber die literarische Bearbeitung der historischen Fakten etwas zu kurz. Im gegenwärtigen Kampf der Kulturen wirft Prams Tetralogie viel Licht auf das Dunkel der ablehnenden Haltung der Nichtwestler gegen die Dominanz des Westens. Diese Haltung spiegelt sich auch in den Protagonisten seines Romans wider: Nachdem Pangemanann seinen Gegner Minke ermordet hat, verbeugt er sich vor seinem Grab und fragt sich: "Bist du für diesen Tod so gut ausgebildet worden? War das alles, was du in deinem Leben erreichen wolltest?"

Pramoedya Ananta Toer: Haus aus Glas. (Rumah Kaca). Roman, aus dem Indonesischen von Giok Hiang Gornik. Horlemann, Bad Honnef 2003, 430 S., 19,90 E UR


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00:00 21.01.2005

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