AUSFALLTAG

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Jetzt gehe ich mit den Schülerinnen nach Hause, nachdem ich mir in einer Bäckerei ein Stangenbaguette gekauft habe. In den Mittagsstunden; die Kunststeinplatten liegen sauber gestapelt am Gehwegrand. Ein Verdichter rostet vor sich hin. Auf der Baustelle wird die Dixi-Toilette verriegelt.
Eine der Schülerinnen sagt zu der anderen: "Jackie, jetzt bist du an dem Haus vorbeigegangen, wo du früher gewohnt hast. Dann muss ich jedem einzelnen Stein Tschüss sagen" antwortet sie. Tschüss Stein. Tschüss Stein. Tschüss.
Die Jungens laufen zweihundert Meter voraus an der alten Kaufhalle vorbei und ich möchte mich irren, dass sie ihren Vätern ähneln. Warum Jungen als Angeber geboren werden und schon mit drei Jahren Rasierklingen zwischen den Achseln haben, weiß ich auch heute nicht genau.
Die Luft an solchen Tagen: eine zu starke Mischung aus den lange nicht geputzten Essen der Schornsteine und wenigen Bäumen als Staubfänger. Jemand gibt plötzlich das Grün frei; und die Stunden bis zum Abend werde ich auf dem Drehstuhl sitzen und die Nachbarn gegenüber am Fenster wieder und wieder sehen mit ihren roten T-Hemden, wie sie aus dem Fenster starren, die Gesichter gestützt auf den Ellenbogen und der zur Faust gekrümmten Hand.
Ich friere, nur mit Unterhose und Hemd bekleidet an meinem zu kleinen Schreibtisch. An den Gedanken, dass die beiden Mutter und Sohn sein könnten, möchte ich mich nicht verschwenden. Lieber ein jüngerer Mann und eine zwanzig Jahre ältere Frau, die in der Warteschleife der Gesellschaft zusammen die Stellenangebote studieren und täglich um 9 Uhr frühstücken mit Cornflakes, aufgeschlagenen Seiten und später abgehobenen Schädeldecken. "Du weißt, dass du im Hausflur rauchen darfst, aber nicht in der Wohnstube. Von mir aus auch alle zwei Stunden eine am Fenster, wenn´s unbedingt sein muss."
Tschüss Automobil. Tschüss Assel. Tschüss. Auf dem Belegungsplan könnte einiges gestrichen werden. Ich werde die alten Schulstullen im Abfalleimer vor dem Pausenhof versenken und auf Schokoriegel hoffen, Lutscher und Malzbier. Vielleicht ist morgen die Sonne kein Zahnarztspiegel, der einem nur die schlechten Stellen zeigt. Vielleicht, aber nur vielleicht. Dann wird die Straße mit ihrer Häuserzeile dunkel und nur das Flackern einiger Fernsichtgeräte spendet noch dünne Fäden Licht. Was träume ich, in einer Nacht mit einem schwarzen Cocker-Spaniel und überlebensgroßen Schwedinnen, die mir die Laken vom Körper reißen? In den jungen Mädchen sehe ich meine Großmutter, die kaum mehr aus dem Haus gehen kann, nicht einmal mehr zum Friedhof und ich wünschte, dass jedes Zimmer seinen Gast noch entlässt: für den letzten Weg. Und ich in einem Sessel übrigbleibe von diesem Tag.

00:00 19.07.2002

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