Ausflug

A–Z Wer nur hat das lange Wochenende erfunden? Schon Fontane wusste, wie Ausfahrten enden können. Man kann viel Geld verlieren, seine große Liebe und Renommee. Unser Lexikon
Ausflug

Foto: Martin Parr/Magnum Photos/Agentur Focus

A

Abzocke Sie brauchen eine überteuerte Heizdecke? Oder wollen einfach nur die Flughafen-Baustelle des BER besichtigen, wie Kollegin Maxi Leinkauf im Jahr 2012? Sie landete in Rudow (der Freitag 15/2012). Horden älterer und jüngerer Menschen werden in Reisebussen durch die Landschaft gekarrt, manche kommen nie ans Ziel, dafür bekommen sie Kaffee und Kuchen, Matratzen und Decken. Die Abzocke als Verkaufsshow getarnt: Den Leuten werden überteuerte und minderwertige Produkte als Schnäppchen angedreht. Auf jene, die nichts kaufen wollen, wird stundenlang eingeredet („aber Sie müssen natürlich nicht“). Der Bund hat 2021 strengere Regeln für Kaffeefahrt-Organisatoren auf den Weg gebracht. Bußgelder wurden erhöht, der Verkauf von Medizinprodukten verboten. Käufe können übrigens binnen 14 Tagen widerrufen werden, das Geld wird dann erstattet. Ben Mendelson

F

Fontane Er war ein großer Wanderer, aber bestimmt kein Freund von Ausflügen ( Serpentinen). In manchen seiner Romane beginnt mit ihnen die Wende ins Tragische. In Irrungen, Wirrungen etwa reisen der junge Offizier Botho von Rienäcker und seine geliebte Näherin Lene aus dem Volk zu Hankels Ablage bei Zeuthen, um ihre innige Liebe zu pflegen. Sie treffen Kameraden Rienäckers mit ihren billigen Mätressen, und das ist der Anfang vom Ende ihrer Liebe. Ein Ausflug, „der besser unterblieben wäre“, so das Resümee der Geheimratsgattin Frau Jenny Treibel im gleichnamigen Roman. Am Halensee wird eine höchst unerwünschte Verlobung geschmiedet und die Konversation zwischen Professor Schmidt und seiner Jugendliebe Jenny macht klar, wie dicht Schwärmerei und Heuchelei beieinanderliegen. In Effi Briest macht eine Kutschenpanne während eines Ausflugs aus der jungen, naiven Effi die Geliebte eines Mannes, der ihr aus der Ödheit ihrer Ehe und der Umgebung helfen soll. Es folgt die Katastrophe. Magda Geisler

K

Kein-Bock-Gesicht In seinem tollen, zeitlosen Essay Facebook-Gesellschaft (der Freitag 35/2016) zitiert der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski im Vorwort den Geschichtsphilosophen Siegfried Kracauer: „Die Fotografie erfasst das Gegebene als ein räumliches (oder zeitliches) Kontinuum, die Gedächtnisbilder bewahren es, insofern es etwas meint.“ 1927 meinte Kracauer natürlich nicht die Fantastilliarden Handyfotos, von denen so unendlich viele gar nichts „meinen“. Und Simanowski würde vielleicht sagen, mit dem Handyfoto ist jeder Moment paradoxerweise schon Erinnerung, während er noch passiert.

Das Foto mit dem „Kein-Bock-Gesicht“ ist eines der wenigen, die es von unseren Familienausflügen gibt. Ich rutsche bockig vom Schoß meiner Mutter, ich fand den Nachmittag wohl mal wieder todlangweilig (Fontane). Roland Barthes hätte den Tod gesehen. Das „Photo“, lese ich im Internet zu Barthes, „bezeuge die vergangene Existenz des Abgebildeten, zugleich aber gingen von ihm, in der Gegenwart des Betrachtens, physische Lichtspuren aus“. Gebannt auf dem Bild sind die Sonntage meiner Kindheit. Ich könnte nicht sagen, wo es ist. Im Fotokarton meiner Mutter? Es ist mein Gedächtnisbild. Katharina Schmitz

L

Lieblingsclub In Luxemburg sagt man, Premierminister Xavier Bettel habe einen Lieblingsclub. Er trägt den Namen Saumur. Dort kann man Frauen falsche Dollarscheine ins Höschen stecken, wenn sie im Separee tanzen. Offenbar ging das noch im Lockdown. Und offenbar hatte auch der bekennend homosexuelle Premier einen Ausflug in den Stripclub unternommen, als eines Morgens die Polizei den Laden stürmte. Das Entsetzen der Öffentlichkeit hielt sich in Grenzen. Man kennt seine Pappenheimer. Als Bettel dann im November auf einer Pressekonferenz einen erneuten Teil-Lockdown verkündete, fragte ein Reporter auf Luxemburgisch: „D’Heidi freet ob de Saumur och géif déi Reegeln mussen anhalen.“ Ob sich auch das Saumur an die Regeln halten müsse? Bettel ließ die Frage lieber von seiner Gesundheitsministerin beantworten. Die sagte: Ja. Marlene Brey

M

Maggie’s Farm Er elektrisierte die eine Hälfte der Zuhörer, versetzte der anderen einen Stromschlag. Der Tag, an dem Dylan elektrisch ging, 1965 beim Newport Folk Festival, war mehr als ein Abstecher. Die ersten Takte von Maggie’s Farm und es war klar: Der arbeitet nicht mehr für die Folkies. Buhrufe, Pfiffe. In der Musikgeschichte ist Dylans Genrewechsel so wichtig wie der Mauerfall. Kein Protest-Bohemien mit sozialistischen Ideen hat ihn für möglich gehalten. Dylan wurde zum „Judas“, der den Folksong verraten hat. Sein Trip ging weiter. Maxi Leinkauf

P

Paris Ein kurzer „Ausflug nach Paris“ sollte es werden: „Wir sind Weihnachten wieder zu Hause“, hieß es. Euphorisch zogen viele Deutsche in den Ersten Weltkrieg oder verabschiedeten ihre Liebsten an die Front. Regierungspropaganda und Selbsttäuschung gingen Hand in Hand bei dem, was „Augusterlebnis“ genannt wird. Selbst oder gerade die Intelligenzija befeuerte die teutonische Überlegenheit über die „englische Krämerseele“, „gallische Oberflächlichkeit“, den „slawischen Despotismus“. Der Krieg sei schnell gewonnen. Die Realität sollte diese Propaganda von 1914 Lügen strafen. Vier Jahre sollte die Welt in Flammen stehen. Die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts hinterließ Millionen Tote und war der Nährboden für den Faschismus. Tobias Prüwer

Q

Quereinsteiger Clint Eastwoods politische Ansichten als Waffenanhänger, Kriegsgegner und notorischer Verächter politischer Korrektheit sind berüchtigt. 1986 wagte der Schauspieler, Regisseur und Oscar-Preisträger einen Ausflug in die Politik, schmiss aber den Job als Bürgermeister seiner Heimatstadt Carmel in Kalifornien nach nur zwei Jahren. Politik sei ihm zu behäbig. Als Schauspielerin und Gegnerin der griechischen Militärjunta ließ sich Melina Mercouri 1977 ins demokratische Parlament wählen, wurde 1981 die erste weibliche Kulturministerin Griechenlands. Nicht die einzige Griechin, die es von der Showbühne in die Kommunalpolitik zog. Sängerin Vicky Leandros wurde im Jahr 2006 Stadträtin in der Hafenstadt Piräus, auch sie ließ das Amt nach zwei Jahren fallen – zu „zeitintensiv“. Nun liebäugelt der nächste Hollywoodstar mit einem Ausflug in die Politik: Matthew McConaughey denkt über die Kandidatur als Gouverneur in Texas nach, 2022 wird gewählt. Umfragen sehen ihn bereits vorn. Helena Neumann

S

Serpentinen Wir schreiben das Jahr 1995. Vom Smartphone noch weit entfernt, pulte man sich am Strand hingebungsvoll die Sonnenbrandblasen auf. Es war eine Zeit der googlefreien Ahnungslosigkeit. Auch Erwachsene waren ohne blassen Schimmer um die mannigfaltigen Gefahren des lustvollen Reiseerlebnisses. Und wenn schon Urlaub, dann mit Ausflugsimperativ. Um fünf Uhr früh vor dem Hotel wartete der Bus und man selbst in Neonshorts. Zig Stunden ging es durch sandige Areale irgendwohin, wo vor langer Zeit gewichtige Dinge zwischen kaum mehr erkennbaren Steinfragmenten geschehen waren. Die sonore Stimme der Reiseleiterin im Ohr („Hier schon lange alle tot!“) und ein Brummen im Kopf. Leider erwiesen sich die Serpentinen nicht als mein ideales Habitat. Die Reisenden hinter uns klopften sich die am Frühstücksbuffet geklauten Eier auf, als ich – frei von freiem Willen – in einem erklecklichen Strahl mein regelhaft verzehrtes Hotelfrühstück hemmungslos auskotzte. Eier dabeihaben und Eier mitnehmen– zwei Paar Reiseschuhe. Jan C. Behmann

V

Verwandtenbesuche Was Tocotronic auf ihrem Album Digital ist besser Mitte der 90er über das Wochenende sangen, galt für lange Wochenenden natürlich erst recht: Noch mehr Zeit für Kaffee und Kuchen, Verwandtenbesuche, ganz zu schweigen vom Sportverein – die Geißeln der Menschheit an diesen Tagen mit „zu viel Freizeit“. „Wer hat das Wochenende erfunden / die ganze Menschheit ist dadurch geschunden“, so beginnt Samstag ist Selbstmord. Die Teenagerin, die ich Mitte der 90er war, konnte nur zustimmend mit den Augen rollen. Nennen Sie mir den Namen einer beliebigen mittelgroßen Stadt im Alb-Donau-Kreis und ich kann ihnen sagen, wie das Hallenbad dort aussieht (sofern es nicht weggespart wurde). Ich verbrachte dort ganze Samstage und Sonntage (Kein-Bock-Gesicht), um dann mal eben 100 Meter durchs Wasser zu sprinten. Als Kind fand ich das super – bevor das mit der Pubertät und dem Augenrollen losging. Einziger Vorteil: Bis die Medaillen verteilt waren, war der Kaffee bei den Verwandten längst kalt und dieser Programmpunkt abgehakt. Insbesondere der Kaffee meiner entfernteren Verwandtschaft hatte keinen guten Ruf, von meinem Vater lernte ich bei diesen Besuchen die Etymologie des Worts Blümchenkaffee. Ein Vierteljahrhundert und eine Pandemie später stelle ich es mir einfach nur herrlich vor, mal wieder eine Tasse Kaffee hingestellt zu bekommen, die ich mir nicht selbst gekocht habe, egal wie dünn. Und dazu ein zweites Stück Kuchen. Christine Käppeler

W

Waldbaden FKK unterm Sternenhimmel? Romantische Vorstellung, aber real viel zu aufregend. Zum Waldbaden kann man gehen wie zum Nordic Walking, nur dass es auf Langsamkeit und Achtsamkeit ankommt. Zu sich kommen beim Atmen und Schauen, die Sinne öffnen für das, was uns seit Urzeiten natürliches Umfeld ist. So einfach ist das? Waldbaden – Shinrin Yoku – ist in Japan seit 1982 eine staatlich geförderte Therapie und findet inzwischen weltweit Anhänger. Wie Studien belegen, wirken im Wald viele Faktoren zusammen, um den Blutdruck zu senken, Stresshormone zu reduzieren und das Immunsystem zu stärken. Also lasse ich das Handy in der Gartenlaube und schleiche mich unters Blätterdach. Allein schon das Grün beruhigt, sage ich mir. Nicht denken jetzt, lieber einen Baum umarmen. Wie warm die Rinde ist! Stehen und Wurzeln schlagen – Mist, eine Mücke! Außerdem habe ich die Sonnencreme vergessen. Oder brauche ich die hier nicht? Ruhe! Also gib dir mal Mühe, dass du entspannst! Irmtraud Gutschke

Z

Ziel Nichts wie weg! Nach kalten, einsamen Monaten lockt endlich der Frühling. Bloß: wohin? Corona hat das Reisen verändert – ein Blick auf die Landkarte soll helfen. Es ist fast wie Dartpfeile werfen: Wir orientieren uns an den Farben und prüfen, wo die Inzidenz unter 100 liegt. Das Ziel ist zweitrangig. Mit dem Wohnmobil fahren wir ins Ungewisse: Cochem-Zell, fünftkleinster Landkreis der Republik. Das schöne Moseltal und Deutschlands bester Wein berauschen uns. Weil touristische Übernachtungen aber noch verboten sind, bleibt eine Konfrontation mit dem Ordnungsamt nicht aus. Trotzdem gefällt uns diese spontane, ziellose Art des Reisens – erst recht, wenn Campingplätze wieder offen sind. Timo Reuter

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06:00 21.05.2021

Ausgabe 24/2021

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