Ausgang

KEHRSEITE Man hatte sich gewöhnt an diese Schildchen "Kein Ausgang!" über der vorderen Tür des Busses, dort, wo der Fahrer saß; man stieg da wohl ein, ging ...

Man hatte sich gewöhnt an diese Schildchen "Kein Ausgang!" über der vorderen Tür des Busses, dort, wo der Fahrer saß; man stieg da wohl ein, ging aber nie hinaus. Versuchte es doch einmal jemand, wurde er barsch zurückgewiesen; die Tür öffnete sich ihm nicht, und er musste eilen, durch eine andere überhaupt noch hinauszukommen. Auch als das Fahrgeschäft den Besitzer wechselte und der neue das Abnehmen der Schildchen befahl, stiegen nur wenige Leute aus der ersten Tür aus, zumal es in einigen Bussen, dem neuen Gebote zum Trotz, die Schildchen immer noch gab und auch den barschen Unwillen der Fahrer.

Ich machte von der neuen Freiheit niemals Gebrauch: Selbst wenn ich unmittelbar an der vordersten Tür saß und kein Schild mehr den Ausgang verwehrte, ja selbst wenn der Fahrer andere Leute ohne das leiseste Anzeichen von Ärger passieren ließ und der Weg zur mittleren Tür voll von Menschen war, kämpfte ich mich zu dieser durch.

Wer aber beschreibt mein Erstaunen, ja mein Entsetzen, als ich nach einem solchen Kampf einmal auch über diesem Ausgang das strenge "Kein Ausgang!" erblicke. Verwirrt bleibe ich inmitten mich einkeilender Körper stehen, gemustert von unfreundlichen Blicken, gestoßen von Ellenbogen; und noch ehe ich etwas fragen oder tun kann, schließt der Fahrer die Tür, setzt er den Bus in Bewegung. Ich habe auszusteigen versäumt! Auf dem kurzen Weg zur nächsten Haltestelle rudere ich noch weiter nach hinten, zur letzten Tür - über der mir "Kein Ausgang!" entgegenflammt. Merkwürdigerweise strömt, als diese Tür sich öffnet, eine Menge Leute dort hinaus. Ich habe Mühe, nicht von ihnen mitgerissen zu werden. Mühsam den Gang gewinnend, strebe ich wieder zur Mitteltür zurück, sehe "Kein Ausgang!" und kämpfe mich nun zur vorderen durch - getrieben von irriger Hoffnung und wohl wissend, dass sie irrig ist, aber mein Hang zur Gründlichkeit zwingt mich, auch diese letzte Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Natürlich droht von dort erst recht "Kein Ausgang!" auf mich herab. Ich erschlaffe, sinke auf einen gerade freigewordenen Platz und grübele, was ich nun tun soll, kilometerweit entfernt inzwischen von meinem Ziel, dem Büro, und hoffnungslos verspätet, entkäme ich diesem Bus schließlich doch noch. Allmählich wird es leerer und leerer um mich, bis die freundliche Frauenstimme vom Tonband die Endhaltestelle verkündet. Noch einmal durchquere ich den Bus, in dem ich nun allein mit dem Fahrer bin; hoffnungslos lese ich über jeder der drei Türen das erbarmungslose "Kein Ausgang!" und sinke schließlich auf der letzten Bank in mich zusammen. Der Bus setzt sich wieder in Fahrt; Leute steigen ein und wieder aus; wir erreichen schließlich den anderen Endpunkt der Route. Nach einer längeren Mittagspause beginnt der Fahrer seine Tour von neuem, und so immer fort ...

Nachts freilich, in der Dunkelheit des Depots, sehe ich die hindernden Schilder "Kein Ausgang!" nicht mehr; ich könnte mir einreden, sie seien nicht da; gelänge das, könnte ich entwischen - wenn die Türen nicht verschlossen wären ... Über solchen Grübeleien schlafe ich ein, und ich schlafe erstaunlicherweise sehr gut, viel besser als zu Hause, wo mich die Sorgen ums Büro und um die Familie bis in den Schlaf hinein verfolgen und quälen; doch das alles ist fern von hier, so sehr fern. Am Morgen betritt der Fahrer den Bus; erfrischt lächle ich ihm entgegen und grüße fröhlich; lässig tippt er zur Erwiderung an seine Mütze, setzt sich nieder, und auf geht es: die gleiche Strecke wie gestern, mit ähnlichen Leuten. Ich sitze bequem auf der letzten Bank, schaue in aller Ruhe dem bunten Treiben draußen zu und werfe gelegentlich einen - eher pflichtbewussten als sehnsüchtigen - Blick auf die Türen: doch noch immer verwehren mir die Schilder den Ausstieg. Manchmal denke ich flüchtig an den nächsten Monat, wenn meine Fahrkarte nicht mehr gelten wird: aber das beunruhigt mich nicht weiter. Mögen dann der Kontrolleur, der mich hinausbringen muss, und die Schilder, welche mich drinnen behalten wollen, um das Weitere streiten.

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