Ausgewechselt

Kehrseite I "He", ruft jemand ungefragt Zidane zu, der vor seiner Lieblingskneipe lümmelt und auf den Sonnenaufgang wartet, "he", ruft ihm einer zu, "wer bist du ...

"He", ruft jemand ungefragt Zidane zu, der vor seiner Lieblingskneipe lümmelt und auf den Sonnenaufgang wartet, "he", ruft ihm einer zu, "wer bist du eigentlich!"

Der da ruft ist einer, der noch Reste seiner Mannschaft dabei hat, die grinsend hinter ihm herumsitzt und ihm durch ihre debile Anwesenheit den Rücken stärkt, so dass er jetzt fast ein bisschen schreit, fast so, als wäre seine Frage keine Frage, sondern ein Triumph. Er ruft sehr laut seitlich auf Zidanes Kopf drauf oder dahin, wo er Zidanes Kopf vermutet, obwohl er direkt neben Zidane sitzt, und jetzt so tut, als wär das eigentlich sein Tisch, seine Kneipe, seine Stadt, sein Spiel, so, als habe sich Zidane ungefragt neben ihn hingesetzt, und nicht er sich neben Zidane, aber das sind Feinheiten, die selbst der Schiedsrichter nur per Videoaufzeichnung klären kann. Zidane weiß es aber auch ohne Schiedsrichter und ohne Zeitlupe, dass er es war, der sich als erster an diesen Tisch gesetzt hatte und zwar allein, kurz bevor es in die Verlängerung gegangen ist. Er hat sich dafür ein weiteres Bier geholt, daran erinnert er sich. Daran erinnert ihn das Glas vor sich. Seit 2.500 Minuten spielt er bereits hier in dieser Kneipe, aber er ist immer noch nicht müde, er ist topfit. Topf-it. Das notiert er sich auf einen Bierdeckel.

Zidane schluckt einen Schluck Bier aus seinem großen Glas, lehnt sich zurück und betrachtet das Schwarze der Nacht, das gerade grau wird, ein schönes, helles Grau, das mal dunkel war, und da hört er auch schon einen ersten Vogel und auf einmal diese laut auf ihn draufgerufene Frage: "Wer bist du eigentlich?" - erweitert mit: "Bist du ein Büroangestellter auf LSD oder was?"

Die Welt könnte so schön sein, wenn sich die Menschen nicht immer so unauffällig ständig beschimpfen und beleidigen würden, denkt sich Zidane und er denkt, genau so wird mein erster Hit heißen, den ich morgen sofort einsingen sollte, wenn ich wieder fit bin. Zuerst mal sollte ich mir diese echt gute Textzeile aufschreiben, damit ich sie nicht vergesse. Aber zuerst mal muss er noch reagieren, also dreht er sich um und lacht. Er kann viel trinken und dabei immer noch mehrere Gedanken gleichzeitig denken und umdrehen geht auch noch ganz gut. 2.556ste Minute. Aber jetzt hat er dafür den Satz von seinem ersten Hit vergessen, das passiert ihm manchmal, seit er älter wird, ein tragisches Lied, aber auch schön, irgendwas mit Beleidigungen und Erniedrigungen, aber er fällt ihm nicht mehr ein. Schön war er, der Satz, schön und ergreifend und wahrhaft auch. Er versucht sich eine Eselsbrücke in die Vergangenheit zu bauen. Warum habe ich diesen Gedanken gedacht? Aus welchem Anlass? Aber es fällt ihm nicht mehr genau ein.

Gleichzeitig dreht sich Zidane um und lacht, das Geräusch des ersten Vogels im Kopf. "Ja", sagt er einfach so, "das bin ich. Genau. Ein Angestellter auf LSD. Genau. Aber ich bin heute entlassen worden, also gestern. Und mit mir 50.000 weitere Mitarbeiter der Versicherungsgesellschaft, deren Namen euch sicher..." Der Rufer und seine Hintermannschaft überhören Zidanes Antwort, ein eigentlich guter Versuch, den er jetzt über das Tor in den immer heller werdenden Himmel hinausgehen sieht, sie prosten sich zu unter der Parole, die Antwort ist niemals so wichtig wie die Frage, und diese Frage war gar keine Frage, sondern für sich selbst bereits genug und ziemlich witzig. Die Nacht kennt viele Lieder. Weitere Vögel erheben sich von ihren Plätzen und singen. Man weiß gar nicht genau, wo sie sind, denn auch auf diese Straße fällt das Licht nur von oben, und zudem errichtet sich jetzt vor der Mauer, die die hochgemauerten Hausmauern auf der gegenüberliegenden Straßenseite bilden, eine weitere Mauer, ein betrunkener vollbärtiger Mann stellt sich dicht vor Zidane auf, ob er mitkommen wolle, sei ein nettes Angebot jetzt von ihm.

Zidane hat diesen impulsiven und unangenehm riechenden Mann, der noch älter sein muss, als er selbst es geworden ist, bereits den gesamten Abend so elegant wie möglich umspielt und ignoriert, aber jetzt denkt er sich, wenn umgehen nichts hilft, muss ich es direkt versuchen. Und er versucht es direkt und das Ergebnis ist einwandfrei: "Du danke", sagt er zu dem Mann, der die Mauer aus Gestank, Bierwolken und "Ich-war-mal-Schlagzeuger-und-spiele-morgen-im-Hinterhof-in-Neukölln-auf-einem-Bioevent" auf ihn zugerückt hat, um sich nochmal eine günstigere Position zu schaffen, und ihn jetzt fast berührt. "Ich bin nicht hier, um zu vögeln, sondern um den Vögeln hier zuzuhören, ich will nur dasitzen und trinken und hege ansonsten keinerlei Absichten, bitte das zu respektieren, danke." Diesmal hat er getroffen. Zidane lässt trotzdem die Hände erst mal unten und legt sie abwartend um sein Glas. "Das geht ja so nicht", ruft der bärtige Zausel zornig, "einfach sich die ganze Nacht hier aufhalten und dann nicht mitkommen, sich allein hier einfach so einfach aufzuhalten, die ganze Nacht, und dann nicht mitkommen, wenn er ein so ein echt mal nettes Angebot mal hier jetzt so hier macht. So. Und er macht das Angebot kein zweites Mal, basta. Er gebe jetzt und morgen, wie gesagt, ein Konzert im Hinterhof, er erinnere nochmal daran, werde es aber kein zweites Mal tun.

Zidane sitzt. Er hat ein längliches, rotes Gesicht, worüber ein langer, dünner Mund geht. Er fährt sich ein paar Mal mit der rechten Hand über die Glatze, als wären seine Haare nass, die er gar nicht mehr hat. Seit er Susannes Ansprache im Fernsehen gesehen hat, in der sie seinen Kopfstoß als nicht ganz so gute Idee verworfen hat, angesichts der Tatsache, dass Kinder zusehen hätten gekonnt haben, hat sich Zidane fest vorgenommen, koste es, Ehre hin oder her, was wolle, deeskalierend und friedlich durch die Welt zu gehen und nicht wie sofort Streit anzufangen, nur weil die Welt ihn beleidigt. "Soll mich die Welt beleidigen", sagt sich Zidane, "ich bleibe ruhig und nehme nur das Schöne mit, in diesem Falle meine Tasche." Er nimmt seine Tasche und füllt sie mit der Zigarettenschachtel und dem Feuerzeug und dem Geldbeutel und einigen Bierdeckeln, auf die er sich vor allem zu Beginn des Abends, in den ersten 740 Minuten, einige Textzeilen notiert hat, um sie nicht zu vergessen.

Zidane steht allmählich auf und nestelt an seinem Fahrrad, welches ihm ein bisschen zu klein ist. Mit gesenktem Kopf rollt er schüchtern und strack durch die sich aufhellende Stadt, die im Gegensatz zu ihm, der durch die kalte Morgenluft und den konzentrierten Versuch, nicht mehrfach umzustürzen, immer blauer wird.

Zidane liegt um dreizehn Uhr immer noch im Bett. Heute braucht er einen Regenerationstag. Regeneration ist wichtig. Einige gute Lieder entstehen in seinem Kopf gegen fünfzehn Uhr, als er noch einmal aufwacht und vom Aufstehen träumt, doch er hat keinen Stift neben dem Bett liegen und macht den entscheidenden Fehler, die Augen nochmals zu schließen und vergisst und schläft und steht am Abend kurz auf, um zu duschen, zu essen, zu fernsehen. Figo ruft kurz an, er will was trinken gehen, aber Zidane ist ausgepowert, und sie verabreden sich daher erst mal locker für nicht heute, aber vielleicht morgen.

Felicia Zeller, geboren 1970 in Stuttgart, arbeitet hauptsächlich als Dramatikerin und als Medienkünstlerin.


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00:00 26.01.2007

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