Ausmisten

WIE STOPPT MAN HAIDER? Kulturkampf in Österreich

Natürlich hatte es alles nichts miteinander zu tun. Es kamen ja keine Schlapphüte in bodenlangen Ledermänteln. Und noch war die neue Regierung in Österreich nicht im Amt. Doch als vergangene Woche in Salzburg zwei Staatskommissare dem renommierten Residenz-Literatur-Verlag îhre Aufwartung machten und den Programmleiter Jochen Jung in einer Nacht- und Nebel-Aktion vor die Tür setzten, meinte man unwillkürlich das Wort von Jörg Haider im Ohr zu haben, das einem während diverser Wahlkampfauftritte am nachhaltigsten in den Ohren gellte: "Ausmisten". Rechtspopulismus ist noch kein Faschismus. Und noch ziehen keine paramilitärischen Horden von Braun- oder Lodenhemden über den Wiener Ring. Doch die Tilgung der Differenz, wie sie in Haiders "Ausmisten" mitschwingt, steht immer am Anfang des Totalitären. Insofern sind die massiven Warnungen der EU überfällig. Auch die von der ÖVP-FPÖ angekündigte Abschaffung der Buchpreisbindung nährt das Misstrauen, dass aufgeräumt werden soll. Schon wurde in Linz ein Journalist entlassen, der es gewagt hatte, Jörg Haider zu kritisieren. Aber man darf den letzten Schritt, den Abbruch der Beziehungen, nicht als ersten gehen.

Alle fordern nun, den Leibhaftigen aus Kärnten politisch zu bekämpfen. Doch wie soll das aussehen? Elfriede Jelineks Verbot, ihre Stücke in Österreich aufführen zu lassen, ist ein zweifelhaftes Mittel. Es würde die "Geistesfeindlichkeit", die sie als Hauptnährboden für den Rechtspopulismus ortete, nur verstärken. Soll man das Volk, das man gegen Haider auf die eigene Seite ziehen will, mit Kulturentzug bestrafen, dem wichtigsten Differenzierungsmittel gegen die Vereinfacher? Und im Kulturkampf gewinnt man, wenn man (zunächst) in der Höhle des Löwen bleibt und laut Protest ruft. Boykott kann nur die ultima ratio sein. Gerade wer die antixenophoben Blutkörperchen im östereichischen Blut vermehren will, der sollte dem Ingeborg-Bachmann-Literaturwettbewerb, der Ende Juni wie jedes Jahr wieder in Haiders Klagenfurt, wenige Kilometer vom slowenischen Ljubljana, stattfindet, vielleicht zeitweise den Namen, nicht aber den Boden unter den Füßen wegziehen. Freilich könnte sich die Ästhetik der Vielfalt, die das Treffen so einzigartig macht, in diesem Jahr ausnahmsweise auch einmal vom Austragungsort Rom nach Österreich entfalten.

Mist, um ausnahmsweise in der Diktion zu bleiben, liegt meistens aber auch vor der eigenen Haustür. Die "Geistesfeindlichkeit", die Jelinek in ihrem Heimatland beklagt, grassiert auch in Deutschland. Kulturpolitik zieht sich mehr und mehr auf die Rolle des Beleuchters der Entertainment-Kultur zurück. Immer weniger gewährleistet der Staat unabhängige Strukturen. Und die Inhalte überlässt man den Global Musical Players. Insofern steht deutsche Kulturpolitik den FPÖ-Ankündigungen vielerorts kaum nach. Es ist wie mit der Asylpolitik, wo man mit den Rufen vom vollen Boot den Boden derjenigen erst bereitet hat, deren Erfolg man hinterher mit Krokodilstränen beklagt. Der "typisch sozialdemokratischen" Kulturpolitik, der Haider in Wien an den Kragen will, entledigen sich die Sozialdemokraten hier selber, sieht man einmal vom unermüdlichen Kulturminister Naumann ab. Die wohlfeile Empörung über Haider hat insofern etwas von Heuchelei.

Apropos Geistesfeindschaft: Einen latenten Antiintellektualismus gibt es auch bei Rot und Grün hierzulande. In den fortschrittlichen Parteien sind die Feinsinnigen seit eh und je in der Minderheit, werden von den nassforschen Standortstrategen mit dem zynischen Lächeln der kulturlosen Pragmatiker genauso an die Wand gedrückt wie von den immer noch grassierenden Affekten gegen das Kunstsinnige. Allzuviel "Verfeinerung" (André Heller) wird auch da nicht gern gesehen. Allzu kompliziert, anspruchsvoll, gar dekadent soll es auch da nicht sein. Das anspruchsvolle Programm des Residenz-Verlages war expliziter Hauptgrund für dessen feindliche Übernahme. Wer die Rochaden zwischen Fischer und Rowohlt im Hause Holtzbrinck in Deutschland verfolgt hat, weiß, dass der Virus des falsch verstandenen Volkstümlichen auch durch hiesige Köpfe geistert. Vielleicht führt der Druck der Ereignisse in Österreich ja wenigstens zu einer Renaissance der Kulturpolitik in Europa.

Ob sich das bürgerliche Lager in Österreich über die Verantwortung im klaren ist, die es sich aufgeladen hat? Was, wenn nicht Haider durch Umarmung erdrückt wird, sondern es selbst von den Schlammfluten, die sich durch den Mann aus Kärnten ermutigt fühlen werden, hinweggespült wird? Sich hinterher dafür brav zu entschuldigen, wie es derzeit bei Politikern Mode ist, dürfte dann nicht mehr reichen.

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00:00 11.02.2000

Ausgabe 42/2021

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