Ausser Betrieb

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Manchmal, alle paar Wochen, gehe ich in unser Büro im Berliner "Haus der Demokratie und Menschenrechte", zweiter Hof, Seitenflügel. Meines Wissens das einzige Büro, das die VL, die "Initiative Vereinigte Linke", noch unterhält. Ein nicht sonderlich großer Raum, zwei zusammengestellte Tische darin, ein paar Stühle, mehrere Metallregale, zwei Schränke, ein Schreibtisch. Ein Kühlschrank ist auch vorhanden, aber außer Betrieb. Daneben, seit langem schon, ein vergessener Regenschirm. Hoch oben eine nackte Glühbirne als Beleuchtung.

Vor zwei Jahren sind wir von der Friedrichstraße hierher in die Greifswalder gezogen. In einer Ecke stehen seitdem unausgepackte Kisten - die Sachen von den "Kritischen Gewerkschaftern", die über Jahre unsere Räume mitgenutzt haben. Ebenso wie die ALi, die "Alternative Linke", eine Linksabspaltung von der AL. Die haben sogar mal in hoher Auflage ein Blatt produziert, Barracuda, vier oder fünf Nummern. Der größte Teil davon blieb unverkauft, lag dann jahrelang in einem unsrer Räume.

Damals, erste Hälfte der Neunziger, hatten wir noch mehr Platz, fast eine halbe Etage im HdD. Anfang ´90, ´91, war da auch den ganzen Tag über Leben: Leute kamen, gingen, stritten, Telefone klingelten. Jetzt ist es still. Auf einem der Schränke verstaubt die Fahne des Landes, das es nie gegeben hat: schwarz-rot-gold mit dem Emblem "Schwerter zu Pflugscharen".

Auf dem Tisch Post, ungeöffnet. Die "Allambra" für die Gruppe "Avanti", die DDR-Trotzkisten der Mandel-Richtung. Die gibt es schon sehr lange nicht mehr. Daneben die neueste Nummer der Soz, herausgegeben von der VS, früher "Vereinigte Sozialistische Partei", jetzt "Verein für soziale Politik". Vor ein paar Wochen habe ich mal in der Straßenbahn jemanden gesehen, der das Blatt las. Dann Telefonrechungen, Einladungen, ein Brief für die "Ökologische Linke", ebenfalls Mitnutzer unseres Büros. Viel Stellfläche beanspruchen sie nicht, nur ein Regal, vollgepackt mit alten Exemplaren der Ökolinx. Obenauf eine dicke Rolle Plakate, noch zusammengeklebt, Werbung für eine Diskussion mit Jutta Dittfurth, Sommer 2000.

Raum um Raum haben wir im alten HdD aufgegeben. Haben weggeworfen und nochmals weggeworfen. Hunderte von Readern von unserem 1. Arbeitstreffen etwa, November ´89. Ein kleiner Stapel davon liegt noch im Regal neben mir. Eine Etage tiefer Ordner: "Strömung (ZASILO)", "Linke Liste/PDS", "Runder Tisch von unten (historisch)", "Kommunalwahlen 1990". Alles wohlsortiert. Die Schreibtischplatte ist leer. In einer der Schubladen auf einer Untertasse eine Handvoll VL-Buttons: schwarzer Grund, rote Schrift, roter Stern. Meinen habe ich schon lange nicht mehr getragen.

Ich setze mich an den Tisch, warte eine Weile. Vielleicht klingelt doch das Telefon ...

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