Außer Thesen nix gewesen

Backlash Hat Corona die Emanzipation zurückgeworfen? Das wird zwar oft behauptet – aber nur selten belegt

In Krisenzeiten beklagen Frauenbewegung und Frauenpolitik oft einen „Backlash“, eine verschärfte Benachteiligung des weiblichen Geschlechts. Nicht selten haben die Protagonistinnen mit dieser Diagnose recht, manchmal aber schießen sie über das Ziel hinaus. Auch während der Pandemie war dieses Phänomen zu beobachten: Obwohl Männer signifikant häufiger an Covid-19 verstarben, erklärten feministische Forscherinnen schon bald die Frauen zu den Verliererinnen der Virus-Krise. Die empirische Grundlage für solche von Klischees geprägten Behauptungen ist dünn.

Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), fand gleich im ersten Lockdown drastische Worte: Frauen und vor allem Mütter erlebten als Auswirkung der Corona-Maßnahmen eine „entsetzliche Retraditionalisierung“, sagte sie im Mai 2020 in der Talkshow von Anne Will. Die Aussage der Soziologin stützte sich zu diesem Zeitpunkt eher auf Spekulation als auf verlässliche Daten. Eine nicht repräsentative WZB-Umfrage hatte ergeben, dass Mütter nach den Schul- und Kita-Schließungen in geringerem Stundenumfang weiter Erwerbsarbeit leisteten als Väter, manche gaben ihre berufliche Tätigkeit sogar komplett auf. In vielen Familien übernahmen in der Tat meist weibliche Ersatzlehrerinnen den improvisierten Heimunterricht. Als die öffentlichen Bildungseinrichtungen dichtmachten und Kinder und Jugendliche weitgehend sich selbst überlassen wurden, sollte es die gute alte Kleinfamilie, und vor allem die Hausfrau, richten.

Ungewohnte Erfahrungen

Eine Rolle rückwärts? Wurde die Emanzipation wirklich „um 30 Jahre zurückgedreht“, wie Allmendinger etwas vorschnell behauptet hatte? Auch Männer haben in der Pandemie ungewohnte Erfahrungen gemacht, vor allem wegen der stark zunehmenden Nutzung der Arbeitsform Homeoffice. Ein Projekt der Universität Bielefeld und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) präsentierte im Juni 2020 auf der Basis des „Sozio-oekonomischen Panels“ erstmals genauere Fakten. Das Wissenschaftlerteam hatte nachgefragt, wie viel Zeit Eltern mit minderjährigen Kindern im April 2020 für Betreuung und Hausarbeit aufgewendet hatten. Mütter kamen nach diesen Daten auf 7,6 Stunden, Väter auf 4,2 Stunden pro Tag. Im Vergleich zur Vor-Corona-Ära errechnete sich eine Belastung von rund zwei Stunden zusätzlich für beide Geschlechter. Die These vom Rückfall in alte Verhaltensmuster untermauert die Studie also gerade nicht: Frauen leisten zwar nach wie vor deutlich mehr unbezahlte Sorgearbeit, doch die vor allem durch den Heimunterricht entstandene Mehrarbeit teilten die meisten Paare relativ paritätisch unter sich auf.

Bereits 2019 hatte das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung die Zeitverwendung von Männern und Frauen im Homeoffice untersucht. Die von der Geschlechterforscherin Yvonne Lott erstellte Studie kam zu genderpolitisch wenig ermutigenden Resultaten: Demnach nutzten Väter die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, eher für berufliche Überstunden als für familiäre Care-Tätigkeiten. Doch lässt sich dieses Ergebnis einfach auf die Sondersituation der vergangenen anderthalb Jahre übertragen?

Eine Erhebung des Wiesbadener Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) über „Eltern während der Corona-Krise“ weist die Backlash-These noch expliziter zurück als die DIW-Studie. Die Beteiligung der Männer an Care-Tätigkeiten habe während der Pandemie sogar zugenommen. Zuvor habe der Anteil bei 33,3 Prozent gelegen, sei dann aber auf 41,5 Prozent gestiegen: „Die Aufgabenteilung stellt sich egalitärer dar als vor Corona“, so das Fazit von Familienforscher und BiB-Direktor Norbert Schneider. Der Wissenschaftler geht allerdings davon aus, dass die männliche Bereitschaft zu Haus- und Erziehungsarbeit wieder zurückgeht, wenn Schulen und Kitas dauerhaft und zuverlässig geöffnet sind. Doch vor allem zu den Verschiebungen im Geschlechterverhältnis während des zweiten, erheblich längeren Lockdowns im vergangenen Winter fehlt noch fundiertes Material. Durchaus möglich, dass sich in dieser späteren Phase tatsächlich ein Gender-Gap zu Lasten von Frauen und Müttern aufgetan hat, die für Väter eher schmeichelhaften Forschungsergebnisse von 2020 also nicht mehr haltbar sind. Darauf deutet hin, dass die männliche Tätigkeit im Homeoffice im Vergleich zu den ersten Monaten der Corona-Krise deutlich zurückgegangen ist. Die gesellschaftliche Bedeutung der professionellen Heimarbeit wird ohnehin überschätzt: Selbst zu Beginn der Pandemie saßen maximal 40 Prozent der Erwerbstätigen im Homeoffice. Verkäuferinnen, Busfahrer oder Krankenpflegerinnen hatten diese Option nie.

Frauen, die „Stille Reserve“

Unter einem anderen Aspekt trifft der umstrittene Begriff „Retraditionalisierung“ jedoch zu: Kontaktbeschränkungen und Besuchsverbote führten zum Rückzug in die eigenen vier Wände und zu einer auch mentalen Fixierung auf durch Verwandtschaft definierte Kerngruppen. Die Sozialwissenschaftlerin Gisela Notz nennt das „Familismus“. Andere Netzwerke an den Rändern des Freundes- und Bekanntenkreises dagegen funktionierten in Corona-Zeiten lange nicht oder höchstens stark reglementiert. Private Verabredungen, Chorproben, Kartenspiel-Runden oder Fußballtrainings fielen über Monate aus. Nicht nur der berufliche Zugang zum Arbeitsplatz war versperrt, auch öffentliche, den Horizont erweiternde Bildungsräume wie Volkshochschulen, Konzertsäle, Museen oder Bibliotheken wurden geschlossen und verloren so zeitweise an Bedeutung.

Für die staatliche Krisenpolitik gilt unter Gender-Aspekten das inzwischen abgeschmackte Bonmot des verstorbenen Soziologen Ulrich Beck von der „verbalen Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre“. Nach anfänglichem Beifallklatschen auf Balkonen für das überwiegend weibliche Gesundheitspersonal folgte wenig konkrete Unterstützung. Manche (aber längst nicht alle) „systemrelevanten“ Pflegekräfte erhielten Sonderprämien, gravierende tarifliche Hochgruppierungen und damit Gehaltssprünge nach oben aber blieben aus. Die „Rettungspakete“ der Politik, vor allem das aufgestockte Kurzarbeitergeld, dienten vorrangig der Beruhigung einer männlichen Arbeiterklientel. In den Kulturberufen hingegen, wo der weibliche Anteil erheblich größer ist als in der Autoindustrie oder im Maschinenbau, hat der Staat nur fehlgesteuert und von Prüfungsandrohungen begleitet geholfen. Eine Studie des DIW zu den Pandemiefolgen für kleine Selbstständige stellt fest, dass vor allem Frauen ihre freiberufliche Tätigkeit aufgegeben haben. Wie in vergangenen Zeiten haben sie sich zurückgezogen in die „Stille Reserve“, wie die Arbeitsmarktforschung das nennt: Sie begnügen sich mit ihrer Rolle als Mütter, arbeiten nur noch als prekäre Minijobberinnen oder leben von Hartz IV.

Insofern lag Allmendiger nicht vollkommen daneben, als sie im Mai 2020 bei Anne Will Rückschritte im Geschlechterverhältnis an die Wand malte. Berechtigt war die Warnung der Soziologin, dass Frauen mit der Übernahme von Sorgetätigkeiten berufliche Nachteile in Kauf nehmen müssen – und so die Gefahr einer „feminisierten Armut“ vor allem für alleinerziehende Mütter wächst. Doch „um Jahrzehnte zurückgeworfen“ hat Corona die Gleichstellung von Männern und Frauen nicht.

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06:00 21.10.2021

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