Austro-Pop

A–Z Johann „Hans“ Hölzel alias Falco wäre diesen Februar 60 Jahre alt geworden. Von rebellischen Schmetterlingen, feschen Psychopathen und Tigern, die nach Schnaps stinken

A

Alm Berge, klare Luft, unfassbare Ruhe, ein Liegestuhl auf 1.530 Meter. Was braucht es mehr? Einiges, schließlich fährt man nach Kitzbühel oder Lech nicht etwa nur, weil man Ski fahren will, und noch seltener wegen der kabarettistischen Skifahrerlieder des Duos Christoph und Lollo.

Nein. „Hüttngaudi“ soll es sein. Und was wäre Après-Ski ohne Austro-Pop? Einfach nur traurig. Also auf den Kopf mit der verspiegelten Sonnenbrille, wenn DJ Ötzi (Mozart) mit Anton aus Tirol den Marsch des Abends bläst. Da kommt Stimmung auf, oder wie der Oberbarde Andreas Gabalier dichtet: „Happy Hour mittn in da Nocht. Sexy, alles donzt, alles locht.“ So hat das nämlich auf der Alm zu laufen. Und so beatet sich die Austro-DNA von den Gipfeln bis ins Alpenvorland. Denn auch die pure Tristesse des Münchner Oktoberfests wird erst durch den Austro-Soundtrack in ihr Gegenteil, die reine Freude verkehrt. 2016 landeten gleich zwei Hits aus Österreich an der Spitze der Wahl zum „Wiesnhit“. Benjamin Knödler

B

Bilderbuch Eine Band wie aus dem Bilderbuch: Vor allem Sänger und Gitarrist Maurice Ernst schaut super aus. Indie-Rock, Dancefloor-Pop, Glamour-Disco und Art-Funk zerschmelzen unter seiner Ägide wie Butter in der Pfanne. Gegründet hat man sich als Klostergymnasiastenband in Kremsmünster, Oberösterreich. Heute Wien und essenziell: ein herrlicher Surrealismus der Texte („Der Raum ist leer, doch ein Tiger ist da / Er stinkt nach Schnaps, und er arbeitet hart“), eine skurrile Lässigkeit, die sehr hübsch mit den blondierten Haaren von Ernst zusammengeht. Bilderbuchs hedonistische Popmusik klingt in etwa so, wie der Sportwagen im Video von „Maschin“ aussieht: knallgelb, catchy, total überkandidelt. „Es gibt zu wenig Sex (Neosexismus) in der deutschsprachigen Musik“, sagt die Band. Und arbeitet erfolgreich daran, etwas dagegen zu tun. Marc Peschke

D

Donauinsel Falco-Musical, Falco-Badesalz, Falco-Duftkerzen, Falco-Pralinen. „Er war Superstar, er war populär, er war so exaltiert, because er hatte Flair.“ Rock me Amadeus handelte eigentlich von Falco selbst, er war Vienna.

Falcos unfassbare Liebe zu Wien, der Geziertheit (Fesch) und zärtlichen Kaltblütigkeit der Sprache, ist vielleicht das größte Rätsel in diesem verschwenderisch talentierten Leben. „Herzlich willkommen bei uns zu Haus in Wien“, begrüßte er 1993 seine Fans beim legendären Donauinsel-Festival nach Abschluss des zweiten Lieds – eine fast naive, herzliche Ansprache, als wäre er Wiens erster Herbergsvater. Die rot-weiß-roten Streifen auf der US-amerikanischen Fahne sollen ihn so sehr an die österreichische Heimat erinnert haben, dass er unfähig war, nach Amerika zu ziehen, wo sie ihm den roten Teppich bis zum Pool auslegten. Und doch war die Donaumetropole zu klein für den Falken, zu viele Kommissare in den Gassen, um als verdrogter Superheld Kontemplation zu finden. Und so kam es, seufz, dass die Dominikanische Republik ein Vorort des Wiener Zentralfriedhofs wurde. Sarah Khan-Heiser

E

Europa Als Falco 1984 Junge Römer mit deutschen, englischen und italienischen Zeilen sang, steckte Europa mitten in den Schengen-Verhandlungen. Die Popmusik aber war längst all-europäisch bis transkontinental aufgestellt. Der Diplomatensohn Gazebo bekannte hochsensibel I like Chopin, das italienische Duo Righeira sang auf Spanisch Vamos a la playa und ließ im Video Atombomben explodieren, die deutsche BandAlphaville war Big in Japan unterwegs. Falco porträtierte eine geheimnisvolle Sorte Mensch, die er „Junge Römer“ nannte: eitle Nachtwesen, bisexuell, inzüchtig und so kompliziert gestrickt, dass er mit seinen Fans richtig Knatsch (Jeanny) bekam. Das Album floppte, zu Unrecht. SKH

F

Fesch Es gab eine Zeit in der Musik nach Falco und EAV, in der Dialekte ausschließlich Schlagersängern und Berliner Rappern vorbehalten waren. Dann kamen (Bilderbuch) Wanda und der Nino aus Wien, und plötzlich ist auch in Deutschland wieder alles „fesch, fesch, fesch im Spital, du Oarsch“.

Hier ein paar Tipps für den Umgang mit dem Wiener Dialekt: Ruhe bewahren, mehr trinken. Beobachtungen auf Festivals zeigen, dass die Sprachbarriere mit viel Alkohol gelöst werden kann. Um auch nüchtern mit der Entwicklung mithalten zu können, reicht es schon, mit einer Wäscheklammer auf der Nase einen Orgasmus vorzutäuschen. Simon Schaffhöfer

H

Heimatlied War es entscheidend im letztjährigen Kampf um das Amt des österreichischen Bundespräsidenten, gegen FPÖ und Rassismus? Kurz vor der Wahl holte sich Alexander Van der Bellen von Reinhard Fendrich die Erlaubnis, dessen I am from Austria unter einen Spot zu legen. Berge (Alm), Wiesen, Blaskapelle, nette Menschen, die Van der Bellen die Hand schütteln: Wer Heimatliebe hasst, wird diesen Spot so wenig mögen wie das Lied. Dabei nehmen beide den Rechten das weg, worauf sie heute so laut wie lange nicht einen Alleinvertretungsanspruch anmelden: Identifikation mit dem Ort, an dem man lebt – egal, wo man herkommt. „I kenn die Leit, i kenn di Ratten, die Dummheit, die zum Himmel schreit“ – Ende der 1980er war das Lied Fendrichs Reaktion auf die Wahl des Ex-Nazis Kurt Waldheim zum Präsidenten. Bis heute ist es ein Beweis, dass Heimat gut sein kann – wenn man sie nicht den Rassisten überlässt. Sebastian Puschner

J

Jeanny Was für ein hübscher Name, wie der Geist aus der Flasche, wie der Wunschtraum eines Mannes. Das ist sie ja auch, „such a lonely little girl in a cold, cold world“ – „Du brauchst mich doch, hmm?“ Muss gerettet werden. Wenn nicht freiwillig, dann mit Gewalt. Dabei kann schon mal der Lippenstift verwischen, ein Schuh verloren gehen.Ein Skandalsong wurde das und auch noch fortgesetzt.

Auch Nick Cave besang gut zehn Jahre später in Wild Rose die getötete Geliebte. Heute gäb’s eine Trigger-Warnung vor dem Video. Warum schockte Jeanny? Weil Falco eine Vergewaltigung besang? Jeanny ist ja eigentlich gar kein Song über eine Vergewaltigung, sondern über die zeichenhafte Entführung des Realen in die Welt des Imaginären (Schmetterlinge). Deswegen verspottet die Entführte Falco in der Gummizelle. Auf dem Weg dahin wird der Mörder-Sänger mit seinem Initial gekennzeichnet. Psychopath, Sänger, Mörder. In der Welt der Kunst eigentlich alles eins. Marlen Hobrack

K

Krocha 2008 machte ein Trend die Runde, der den Austro-Pop zeitweilig auf Platz zwei der alpenländischen Kulturgüter verwies. Krocha nannten sich die plötzlich aufgetauchten jungen Österreicher. Der Name leitete sich vom „einikrochn“ her, was so etwas wie „Spaß haben“ meinte, wörtlich aber reinkrachen (Zerschmettern) bedeutet. Das klingt nach Selbstbewusstsein, und das brauchte so ein Krocha auch. Denn er lief mit Vokuhila, neonfarbenen Caps, engst anliegenden Hosen, Ed-Hardy-Gewand und orange getöntem Gesicht herum. Muss man sich trauen. Der Trend hatte sich schnell wieder erledigt, bescherte den österreichischen Hip-Hoppern Die Vamummtn mit ihrer Krocha-Satire allerdings noch einen Hit. So befruchten sich Kulturen. Benjamin Knödler

M

Mozart Es war um 1780, und es war in Wien – das berühmteste Lied des Austro-Pops handelt natürlich von dessen berühmtestem Vertreter: Wolfgang Amadeus Mozart. Verewigt nicht nur in Falcos Hit (Jeanny ) von 1985 gehört seine Zauberflöte zu den am meisten inszenierten Opern. Fern von Pathos und Deutschtümelei seiner Nachfolger schuf der Salzburger Wunderknabe Meisterwerke für ein breites Publikum. Sein Schlaflied „Bona nox“ wiegt die Kinder des Bildungsbürgertums in den Schlaf, und während Titel wie „Leck mich im Arsch“ (Fesch) zu weniger Ruhm kamen, bleibt der Eindruck: ’s Wolferl is’ einer von uns. Auch dieses Jahr wird die Zauberflöte landauf, landab gespielt. Es heißt also in beiderlei Hinsicht: Rock me Amadeus! Leander F. Badura

N

Neosexismus Der Anfangshype um die Band Wanda wurde mit dem Clip Bussi Baby kurz von einem Shitstorm abgelöst. Ronja von Rönne, die den Artikel „Warum mich der Feminismus anekelt“ veröffentlicht hatte, räkelte sich im Video mit gespreizten Beinen. Der Frontsänger distanzierte sich von Sexismusvorwürfen, schließlich habe er auch seine Judith Butler gelesen. Der Sexismus also nur Ironie (Krocha)? Bei Textzeilen wie „Nimm sie, wenn du glaubst, dass du’s brauchst, steck sie ein wie 20 Cent“ fraglich. Doch gerade deswegen funktioniert Wanda so gut: eingängige Melodien, provozierende Texte und Machogedöns sind massentauglich. Und ein kleiner Skandal hat noch nie geschadet. Carolina Schwarz

S

Schmetterlinge Sie waren ein Unikat, es gab nur wenige dieses Formats in der linken Szene. 1969 in Wien gegründet, dauerte es, bis die Schmetterlinge endgültig aus ihrem Raupenstadium schlüpften und ihre unverwechselbare Form annahmen. Mit der Proletenpassion (Europa ), der breit angelegten Leidensgeschichte der Unterdrückten, sang sich die Rockgruppe 1977 über die Heimatgrenzen hinaus und bewies mit den eingängigen Texten von Heinz R. Unger auch unverkrampftes ideologisches Standing.

Die Erinnerung an das rote Wien und den im KZ ermordeten Dichter Jura Soyfer, die legendäre Volksabstimmung gegen das AKW Zwentendorf und die repressive Wende: Alles wurde aufgenommen und flügelschlagend übers Land getragen. „Jedes Gramm Demokratie in diesem Laden / haben wir erkämpft und mit Blut bezahlt“, tönt es noch etwas pathetisch in der Proletenpassion. In Herbstreise von 1979 dann nur noch die lakonische Aufforderung: „Das letzte Lied müsst ihr euch selber singen.“ Ulrike Baureithel

Z

Zerschmettern Von wegen Alpenharmonie (Alm). In Sachen Metal hat Österreich vier apokalyptische Reiter ausgesandt, die seit einem Vierteljahrhundert Bartl und Krampus die Hörner zerschmettern. Der Mozartkugel Salzburg sind Belphegor entsprungen. Stilprägend ist ihr Rumpel-Death nie gewesen, man verehrt sie vorrangig aufgrund ihres Alters. Dornenreich, die Schwarzmetaller mit den besten lyrischen Texten in deutscher Sprache, haben nach Gothic-Ausflügen zurück zum Gitarrenbrachialen gefunden. Konzerte der Nackenbrecher von Pungent Stench sind Pflicht für Stakkatofans. Nur weiß man nie genau, ob sie die Band gerade mal wieder aufgelöst haben. Atmosphärisch-epischen Ambient-Metal beschwören Summoning, die sich zu viel Zeit lassen mit ihrer nächsten Veröffentlichung. Anspieltipp: The Rotting Horse on the Deadly Ground. Tobias Prüwer

06:00 19.02.2017
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