Auszeit fürs Hirn

Coesfeld und so weiter Wer den "archaischen Kämpfer" als Muster hofiert, riskiert das Durchbrennen zivilisatorischer Sicherungen. Davor schützt auch die Wehrpflicht nicht

Unsere intelligente Armee" - mit dieser Liebeserklärung an die Bundeswehr hatte die ausgewiesene Wehrexpertin Susanne Gaschke ihre jüngst in der Wochenzeitung Die Zeit abgedruckte Eloge auf die allgemeine Wehrpflicht betitelt. Schon immer gehörte jener gerade in Führungskreisen der Bundeswehr so beliebte Slogan von der Wehrpflichtarmee, die aus Freiwilligen bestehenden Streitkräften an Intelligenz weit überlegen sei, zum verteidigungspolitischen Dummdeutsch dieses Landes. Unübersehbar demaskiert nun der Skandal von Coesfeld das von traditionsbeflissenen Militärs und Verteidigungspolitikern bei jeder sich bietenden Gelegenheit hochgelobte Wehrpflichtsystem als das genaue Gegenteil von intelligent.

Dabei hatte doch Verteidigungsminister Struck anlässlich der Fachtagung der SPD zur Zukunft der Wehrpflicht am 13. November noch getönt: "Die Wehrpflichtigen nehmen Aufgaben wahr, die militärisch nicht nur sinnvoll, sondern unverzichtbar sind. Und diese Aufgaben nehmen sie sehr professionell wahr. Denn Professionalität ist nicht allein eine Frage der Dauer, sondern auch und vor allem der Qualität der Ausbildung für die individuellen Aufgaben. Zur Professionalität gehört die hohe soziale Kompetenz unserer Soldatinnen und Soldaten aller Dienstgrade, die auch immer wieder von allen Seiten gelobt wird. Auch das ist ein direktes Resultat unserer Wehrform, die die Bundeswehr zwingt, sich mit den Auffassungen der jungen Leute verschiedenster Prägung und Herkunft fortwährend auseinander zu setzen."

Innere Führung, "Inneres Gewürge"

Wirklich überraschen können Exzesse wie die von Coesfeld und anderswo ohnehin nur den, der solch verteidigungsministerielle Phraseologie für bare Münze nimmt. Dennoch verdienen zwei Fragen eine intensivere Betrachtung. Wie konnte es einerseits geschehen, dass die Täter, angeblich unbemerkt von militärischen Vorgesetzten und Kameraden, eine monatelange Auszeit fürs Hirn nehmen und entgegen allen geltenden Grundsätzen und Dienstvorschriften ihnen unterstellte Grundwehrdienstleistende erniedrigen, entwürdigen, misshandeln und quälen? Und wie ist es andererseits zu erklären, dass die wehrpflichtigen Opfer so widerspruchslos eine menschenverachtende Ausbildungspraxis über sich ergehen ließen?

Die Antwort auf Frage eins verweist auf den seit Gründung der Bundeswehr schwelenden Konflikt zwischen den "Reformern", die sich dem Konzept der Inneren Führung, wie sie General von Baudissin einst formuliert hat, verpflichtet fühlen, und den "Traditionalisten", die das Militär als eine Organisation "sui generis" mit einem spezifischen militärischen Wertekodex verstehen. Letztere planten die Bundeswehr von Anfang an als eine Art "optimierte Wehrmacht". Für die entscheidenden Prinzipien der Inneren Führung - Wahrung der fundamentalen Menschenrechte des "Staatsbürgers in Uniform", Integration der Streitkräfte in die demokratisch-pluralistische Gesellschaft sowie Friedenswahrung als existenzbegründenden Auftrag - hatten die Traditionalisten stets nur Distanz und Verachtung übrig. Folglich diffamierten sie Innere Führung als "Inneres Gewürge".

Nach dem Ende des Kalten Krieges witterten die Traditionalisten erst richtig Morgenluft. Nun war die aus dem nuklearen Patt resultierende Lähmung überwunden, und die Bundeswehr konnte in eine "Einsatzarmee" transformiert werden. Schritt für Schritt setzte die politische und militärische Führung unter der Devise "Kampfmotivation" in den Streitkräften ein wehrmachtinspiriertes militärisches Selbstverständnis durch. Das schloss einen neotraditionalistischen Kämpfer-Kult ein, der Kriegstüchtigkeit als Maß aller Dinge definierte. Schon 1991 konstatierte der gräfliche General von Kielmansegg: "Gar keine Frage: Der Zivilisierungsmöglichkeit einer Armee, die einsatzfähig sein soll, sind verhältnismäßig enge Grenzen gesetzt." Quod erat demonstrandum darf nach Coesfeld hinzu gefügt werden.

Im Kern geht es der traditionalistischen Position um einen Soldatentypus, mit dem der kriegsnah ausgebildete, allzeit gefechtsbereite, selbstlos dienende und unbedingt gehorchende Kämpfer zur fraglos akzeptierten Norm erklärt wird. Der amtierende Inspekteur des Heeres, General Hans-Otto Budde, hatte zu Beginn des Jahres von einem "archaischen Kämpfer" gesprochen, "der den High-Tech-Krieg führen kann." Und ein ehemaliger Kampfgefährte sekundierte kongenial: "Diesen Typus müssen wir uns wohl vorstellen als einen Kolonialkrieger, der fern der Heimat bei dieser Existenz in Gefahr steht, nach eigenen Gesetzen zu handeln." Denn: "Eine ›neue Zeit‹ in der Militärstrategie und Taktik verlangt natürlich einen Soldatentypen sui generis: Der ›Staatsbürger in Uniform‹ ... hat ausgedient."

Wenn sich die oberste Bundeswehrführung zu derartigen Latrinenparolen hinreißen lässt, braucht man sich über die Entstehung von Kloaken nicht zu wundern. Es müsste stattdessen gefragt werden, ob sich die Täter von Coesfeld nicht von höchster Ebene zu ihrer jetzt inkriminierten Ausbildungspraxis quasi angestiftet fühlten.

Dummheit dient, Intelligenz verweigert

Ungemein aufschlussreich ist in diesem Kontext die Schilderung des Wehrpflichtigen Stefan Becker(*), der bei den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall diente, einer üblicherweise hochgelobten Elitetruppe. Seine Vorgesetzten, so lässt er wissen, hätten ihm den Eindruck vermittelt, "kleinen Monarchen" zu sein, die unablässig um ihre Autorität fürchteten und schon aus diesem Grund keinerlei konträre Ansichten zuließen. Als probates Mittel, um Untergebene zu "überzeugen", gelte "Erziehung durch Selbsterziehung", auch das in der freien Wirtschaft nicht eben seltene "Mobbing" komme zu seinem Recht.

Diese Erfahrung erscheint symptomatisch für die Lage der Grundwehrdienstleistenden, die sich stets auf der untersten Ebene der Militärhierarchie wiederfinden und bei weitem nicht den Einfluss haben, den "Staatsbürger in Uniform" zu beanspruchen hätten. De facto dient die Masse der Wehrpflichtigen den Streitkräften als wohlfeile Arbeitskraft für unbeliebte Verrichtungen und Dienstleistungen. Nicht zufällig bleiben daher junge Männer mit militärkritischer Einstellung - darunter überproportional viele Abiturienten -, die in gewissem Maße ein Korrektiv gegen unreflektiert affirmative Haltungen bilden könnten, der Bundeswehr fern, indem sie den Kriegsdienst verweigern. "Dummheit dient, Intelligenz verweigert", lautet dazu der sarkastische Kommentar in der Truppe.

Die Idee, die Wehrpflichtigen könnten das Berufsmilitär quasi "von unten" kontrollieren oder es gar domestizieren, wäre daher bestenfalls naiv zu nennen. Schon vor 40 Jahren brachte Fritz Erler als verteidigungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion dies auf den Punkt, als er anmerkte, dass "der Geist und die Haltung einer Armee nicht von gezogenen Rekruten, die nichts zu sagen haben, sondern von der Zusammensetzung des Führer- und Unterführerkorps bestimmt wird". Daraus folgt: Wehrpflichtige sind und bleiben - gleich in welcher Armee -, was sie schon immer waren: Statisten in Uniform. Der Skandal von Coesfeld stellt daher keineswegs ein zufälliges Einzelereignis dar, sondern gründet in den jedem Militärapparat immanenten Macht- und Gewaltstrukturen. Coesfeld droht überall, wie gerade der Wehrbeauftragte des Bundestages, Wilfried Penner, zu verstehen gab, als er auf weitere Vorfälle im nordrhein-westfälischen Ahlen und an anderen Standorten anspielte, die jener Geisel-Übung von Coesfeld durchaus ähnlich sind.

(*)s. Stefan Becker: Lauter kleine Monarchen. Erfahrungen eines Gebirgsjägers: Viel Leerlauf, stumpfsinnige Befehle, Denken nicht erwünscht, in: Wohin marschiert die Bundeswehr? ZEIT Punkte - Das Magazin zu Themen der ZEIT, Nr. 4/2000.

Dipl. Päd. Jürgen Rose ist Oberstleutnant der Bundeswehr. Er vertritt in diesem Beitrag nur seine persönlichen Auffassungen.


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00:00 03.12.2004

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