"Ausziehen!"

Hamburger Schikanen Ist Prostitution ein Beruf? Bei ausländischen Transsexuellen entscheiden die Behörden ganz pragmatisch

Hallo, schöner Mann! Hast du eine Zigarette für mich?" Anki (*) lächelt lasziv und lehnt sich an den Türrahmen. "Willst du Sex? Es kostet nur 50 Euro!" Ich grinse zurück, weiß mich in Sicherheit. Für dieses Geschäft habe ich das falsche Geschlecht. Möglicherweise auch die falsche Fantasie. Anki weiß das und hat bereits auf meinen fehlenden Bruder hingewiesen. Eine Grenze für das Flirten ist es nicht. So bleibt die Situation ein verwirrendes Theaterstück. Eine Prostituierte spielt Prostitution. Eine Journalistin stellt sachliche Fragen.
Laut Anki wollen die meisten Freier gefickt werden. Ist der Fall umgekehrt, fragt sie sich bisweilen, warum die Männer nicht zu "richtigen" Frauen gehen. Aber sie weiß, dass ihre Freier auf ein gewisses Etwas stehen. Hätte Anki keinen Schwanz, besäße sie eine andere Klientel. So bedient sie die Träume von Männern, die Camouflage lieben. "Ich bin eine Frau, ich fühle mich als Frau", sagt Anki. Trotzdem existiert ein Unterschied, um den die Freier wissen. Den die Männer sich wünschen, wenn sie Anki in der Schmuckstraße oder in Bars aufsuchen. "Die Freier wollen eine Frau, aber mit Schwanz", fasst Anki den Tatbestand zusammen. Anki ist eine Frau, die etwas anders ist. Und deren Lebensweg von der Tatsache ihres "Trans-Seins" geprägt ist.
Als sie achtzehn war, habe sie herausgefunden, dass sie eine Frau sein will. Dann habe sie sich im Freundeskreis als Frau verkleidet. Ihre Freunde hätten ihre Travestie akzeptiert. "Und die Familie?" - Auch die Angehörigen hätten ihr Frau-Sein angenommen. Bisweilen rutscht ihrer Mutter dennoch das falsche Personalpronomen heraus. "Sie sagt zwar, ich bin eine Frau, die mit vielen Männern schläft. Aber sie sagt auch: Er geht zu seinem Geliebten." Die Wahl zwischen Homosexualität und Transsexualität fällt Ankis Mutter schwer. Doch die töchterliche Tätigkeit als Prostituierte nimmt sie hin. Schließlich lebt in Ankis Heimatland in Südamerika eine ganze Familie von deren Broterwerb. Für Anki war das der ausschlaggebende Grund, nach Europa zu gehen. "In Südamerika habe ich als Friseurin gearbeitet. Dann wurde meine Mutter zuckerkrank und ich konnte das Geld für sie nicht mehr aufbringen. Also bin ich nach Europa gegangen, um mich hier zu prostituieren. Es war der einzige Weg, genügend für meine Familie zu verdienen."
Dass ihre Familie über ihr hiesiges Dasein als Prostituierte weiß, ist für Anki selbstverständlich. "Es ist besser, dass ich zu mir selbst stehe, als wenn jemand Gerüchte über mich in die Welt setzt. Zudem sind die Menschen in Lateinamerika nicht dumm. Sie wissen, dass in Europa das Geld nicht auf der Straße liegt. Wer Geld schicken kann, arbeitet in der Prostitution." Trotzdem hielten viele Kolleginnen ihre Identität und ihren Erwerb geheim. "Mein Mitbewohner ist beispielsweise schwul. Er arbeitet hier als "transformista", er zieht sich zum Arbeiten als Frau an. Zu Hause hat er weder über seine Homosexualität gesprochen, noch klärt er seine Familie über seine Arbeit auf. Ich finde das falsch. Wenn er jemals zu sich selbst stehen will, werden die Leute ihm sagen: Du hast uns belogen!" Trotzdem zieht ihr Freund es vor, mit einem unausgesprochenen Geheimnis zu leben. Im Heimatland ist Homosexualität zwar nicht mehr verboten, wird aber gesellschaftlich sanktioniert. Wer homosexuell ist, steht im Abseits und kann denunziert werden. Viele wählen deshalb den Weg des Schweigens.
Ich lasse den Blick durch Ankis Küche schweifen. Die Ärmlichkeit des Raums spricht dafür, dass Anki mich nicht belügt. Das Mobiliar ist spärlich. Über dem Küchentisch hängt eine Darstellung des Abendmahls. Das ist kein Trug- und Trashbild, denn Anki bekennt sich gläubig. In einer Ecke befindet sich ein Spiegel, an dem Fotos befestigt sind. Anki zeigt mir das Bild ihrer Mutter. Sie schaut zärtlich auf die Darstellung und befindet die Fotografierte "heilig". Nichten und Neffen schauen auf anderen Bildern fröhlich in die Kamera. Zweifellos liebt Anki ihre Familie. Wenn ihre Situation es erlaubt, besucht sie ihr Zuhause. Viel lieber bliebe sie dort. Deutschland, Hamburg, der Straßenstrich: Das ist jeden Tag Arbeit von der Dunkelheit bis zum Morgengrauen. Wenn Anki ausgeschlafen hat, bleiben ihr drei Stunden, um ein Privatleben zu führen. Dann geht sie wieder anschaffen. Ihre Tätigkeit findet Anki akzeptabel. Aber die Angst, von Polizei oder verdeckten Ermittlern aufgegriffen zu werden, ist schwer zu ertragen. Dauerhaft drohen Schikane, Demütigung, Abschiebung.
Was es bedeutet, von der Polizei aufgegriffen zu werden, hat Anki am eigenen Leib erfahren. Einmal wurde sie von einem Mann bedroht. Da sei sie zu zwei Polizisten gelaufen, die unweit ihre Streife schoben. Statt ihr zu helfen, nahmen die Gesetzeshüter sie mit zur Davidwache. Sie sei illegal, hätten die Männer gesagt, so viel habe sie verstanden. Es gab zunächst keinen Übersetzer, der ihre Sache hätte vortragen können. Die Polizisten hätten sie in einen separaten Raum befördert und gefragt: "Frau oder Mann?" Einer habe an ihrem Pullover gezerrt und "Ausziehen!" gefordert. Also habe sie sich ausgezogen, bis sie ganz nackt war. Da habe sie gestanden und die Polizisten haben sie angeglotzt und gewollt, dass sie ihre Beine ganz weit auseinander spreize.
Auch die transsexuelle Valeria hat Ähnliches erlebt. Sie sei auf dem Weg zu einem Zigarettenautomat gewesen, als plötzlich ein Polizeiwagen neben ihr hielt. Sie sei einfach weiter gegangen, damit die Polizisten nicht glauben, dass sie gerade als Prostituierte arbeite und vom Straßenrand aus Geschäfte betreibt. Trotzdem wurde sie angehalten und ihr Pass verlangt. Sie habe ihn ausgehändigt. "Daraufhin meinten sie, ich hätte keinen europäischen Stempel." Valeria wurde bezichtigt, dass sie arbeite und zudem illegal sei. "Ich sagte: Nein, ich bin nicht illegal, ich habe noch einen Monat und 17 Tage, die ich in Europa bleiben kann. Ich hatte ein dreimonatiges Visum im Pass und das war noch gültig." Valeria wurde mit zur Davidwache genommen, ein Dolmetscher wurde ihr mit dem Hinweis verwehrt, dass sie Deutsch verstehe. "Auf der Wache haben sie mir dann alles weggenommen. Sie haben meine Jacke eingeheimst und mir gesagt, ich solle mich ganz ausziehen. Sie fragten mich, ob ich ein Mann oder eine Frau sei. Zu den zwei Polizisten gesellte sich ein weiterer und schließlich kam noch einer mit Kamera. Die vier sahen mich an und lachten."
Warum die Polizei zum Zweck der Identitätsfeststellung einen Striptease fordert, ist fragwürdig. Als ich Rainer Albrecht anrufe, Rechtsreferent der Ausländerbeauftragten in Hamburg, weist er mich auf etwaige Begründungsmöglichkeiten hin. Fragen der Identitätssicherung könnten eine Rolle spielen. Oder es könne sich um "Fremd- und Eigensicherung" handeln. Falls ein Verdacht besteht, dass Waffen oder Drogen in Körperöffnungen verwahrt werden, dürfe die Polizei zur Beweissicherung so vorgehen. Warum allerdings vorhandene Papiere oder ein Hilfsgesuch auf eine Gefährlichkeit der Person schließen lassen, ist Herrn Albrecht schleierhaft. Auch das Prinzip der Verhältnismäßigkeit scheint ihm in diesen Fällen nicht gewahrt zu sein. Von polizeilicher Seite gibt es bisher zu den Vorfällen keine Stellungsnahme. Eine Ermittlerin der Davidwache, die ich telefonisch befrage, will keine Auskünfte geben.
Regelmäßig werden Transsexuelle auf St. Pauli von Polizei und verdeckten Ermittlern aufgegriffen. In der Regel wird ihnen der Pass entzogen - falls sie ein solches Dokument besitzen - und dann an die AusländerInnenbehörde verwiesen. Dort können sie ihre Ausweisungsverfügung entgegennehmen. Sie stehen unter dem Verdacht der illegalen Erwerbstätigkeit. Während das - im letzten Jahr viel diskutierte - "Gesetz zur Verbesserung der rechtlichen und sozialen Situation von Prostituierten" weit davon entfernt ist, Prostitution als Beruf anzuerkennen und nur die Sittenwidrigkeit aufhebt, lässt die ausländerrechtliche Praxis keinerlei Uneindeutigkeiten zu. Wer sich prostituiert, arbeitet und braucht eine entsprechende Erlaubnis. So heißt es in einer mit Prostitution begründeten Ausweisungsverfügung unumwunden: "Sie hätten vor der Einreise ein entsprechendes Visum einholen müssen." Ein schöner Gedanke, wenn er erfüllbar wäre. Bislang wurden aber in deutschen Auslandskonsulaten keine entsprechenden "Berufsausübungserlaubnisse" ausgestellt.
Auch in Marias Ausweisung steht als Begründung zu lesen, eine Erwerbstätigkeit sei ihr nicht erlaubt. Maria hat in der Schmuckstraße einen "Hauptgewinn" gezogen und einen verdeckten Ermittler in ihre Wohnung geholt. Es folgten die Stationen Davidwache und AusländerInnenbehörde. Ihre Ausweisung lässt Maria kalt. Sie arbeitet ohnehin in anderen Ländern und war in Hamburg nur zu Besuch. Doch die Behandlung in der Davidwache hat ihr gar nicht gefallen. "Ich bin noch nie von Polizisten so demütigend behandelt worden", schimpft sie. "Da sitze ich in einer Zelle und bekomme das Essen auf den Boden gestellt. Ich bin doch kein Hund!"
Während Maria immerhin in die Nähe eines Tatverdachts namens Prostitution gerückt ist, hat Julia keine einzige Straftat begangen. Sie wurde ausgewiesen, weil sie in "milieutypischer Frauenkleidung" zur falschen Zeit am falschen Ort war. Auf dem Weg zum Tanzen wurde sie an einem Ort angetroffen, "von dem allgemein bekannt ist, dass dort südamerikanische Transsexuelle und Transvestiten der Prostitution nachgehen." Obwohl Julia bestreitet, dass sie sich dort prostituiert habe, ist für den Einzelentscheider der AusländerInnenbehörde jede andere Einschätzung der Situation "lebensfern". So führt eine Nationalitäts- und Geschlechterzugehörigkeit zur Vorverurteilung. Kommt man aus Lateinamerika und ist zufälligerweise transsexuell, sind die aufgesuchten Örtlichkeiten gründlich zu überdenken. Die Schmuckstraße ist weiträumig zu umgehen, selbst wenn Freundinnen und Gleichgesinnte sich dort aufhalten könnten.
Valeria redet mit mir über ihre, wie sie es nennt, "Psychosen". Sie erzählt: "Wir haben immer Angst. Vor allem vor Deutschen, wenn sie sich uns nähern. Wir haben immer Angst, abgeschoben zu werden. So werden wir kühl durch die Ausgrenzung, die wir erfahren. Psychologisch macht es uns kühl, zwar auch rebellisch, aber hauptsächlich kühl. Es demütigt uns, es macht uns fertig." Anki beschreibt diesen Umstand sachlicher: "Die Menschen kommen mit dem Gedanken nach Europa, dass es ihnen hier besser geht. Dann werden sie hier schlecht behandelt und altern gleich doppelt so schnell." Da steht sie in ihrer Küche, die hübsche Anki mit dem großen Mut, sie selbst zu sein. Die hier in Deutschland mit der Angst im Rücken leben muss, um ihre Ziele zu erreichen. Morgen steht sie wieder auf der Straße und wird sagen: "Hallo, schöner Mann! Hast du eine Zigarette für mich?" Im Gegensatz zu mir weiß sie sich dabei nicht in Sicherheit.

(*) Alle Namen geändert

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00:00 08.03.2002

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