Autonomie alter Meister

Klassik Wolfgang Amadeus Mozart, Claudio Monteverdi, Georg Friedrich Händel: Alle drei schufen sich Vorteile durch Eigensinn. Der Lauschangriff von Stefan Siegert

Autonomie und Gnade, Ivan Nagels roter Faden im gleichnamigen Mozartbüchlein von 1988, hat, obschon der adornitisch gedrängte Stil sich heute recht anstrengend liest, viel für sich. Mozarts späte Opern, so Nagel, handelten davon, wie der feudale Souverän im 18.Jahrhundert mit seiner Einzigkeit – in La Clemenza di Tito singt er gegen die Gesetze der Opera Seria sogar in Ensembles mit – auch die Gnadenfähigkeit verlor, die ihn mit an Autonomie gewinnenden Untergebenen verbunden hatte.

Schaut man sich die Feudalherren im Neoliberalismus an, wirkt das Maß an Autonomie, das sich deren Untertanen seit der französischen Revolution erkämpft haben, im Moment arg geschröpft. In der Kunst dagegen scheint die Entwicklung zu mehr Autonomie des kreativen Subjekts ungebrochen.

Die Väter von Claudio Monteverdi (1567-1643) und Georg Friedrich Händel (1685-1759) waren beide Wundärzte. Gehörten die Händels damit zu den hallensischen Honoratioren, musste sich Baldassare Monteverdi erst mühlselig emporarbeiten im Ansehen: vom zwischen Fischfrauen und Gemüsehändlern operierenden Quacksalber auf dem Markt von Mantua zum Medico in einem anderen Stadtteil, dem die Achtung der bürgerlichen Gesellschaft gehörte. Anders als Vater Händel war Monteverdi die Musikbegabung seines Sohnes recht.

Hätten die verschwenderisch reichen Herzöge von Mantua ihrem Maestro della musica gezahlt, was ihm zustand, Monteverdi wäre 1613 nie im Leben ins – stadtrepublikanische – Venedig gegangen, um dort die Leitung der weltberühmten Kirchenmusik an San Marco zu übernehmen. Mit Werken wie der Marienvesper hatte er, künstlerisch so autonom wie kaum ein Musiker zuvor und populär wie kein Avantgardist nach ihm, eine Weg weisende Synthese von alter und neuer Musik, Kirchenstil und monodisch angerichteter Weltlichkeit im Gepäck. Sie war wesensgleich mit Monteverdi-Opern wie dem Orfeo oder seinen ob ihrer Neuartigkeit von der musikalischen Scholastik angegifteten Madrigalbüchern. Sigiswald Kuijken gelingt in seiner Neuaufnahme der Eindruck von Unverbrauchtheit; die Musik erscheint bei aller Ordnung und Seelentiefe, virtuos, optimistisch, kraftvoll und farbenfroh bis auf den Tag.

Auch da die Analogie zu Händel. Wie kaum ein anderer genoss der die Zuneigung feudaler Herrscher, keiner hat sich ähnlich radikal in die gnadenlose Autonomie des Kapitalismus gestürzt (nach dem Bankrott seines ersten Opernunternehmens 1737 erlitt er einen Schlaganfall). Sein Umgang mit Tradition und Erfindung war frei von Konvention und Mode. Als der Londoner Opernmarkt zusammenbrach, schuf Händel mit Oratorien wie dem Messias eine Alternative, in der Gnadenhimmel und Menschenwelt, Kirche und Theater innovativ zusammenfanden.

Händel wusste, was Primadonnen für den Umsatz bedeuteten, ihr Mehrwert war bei ihm auch ästhetisch enorm. Von Christine Schäfers sich alle Gestalten der Seele machtvoll-geschmeidig anverwandelndem Sopran wäre er überwältigt gewesen. Joyce Didonato und vor allen Anne-Sophie von Otter zeigen, dass Mezzosoprane nicht wie Cecilia Bartoli singen müssen, um tief zu beeindrucken.

MozartLa Clemenza di Tito; Harmonia Mundi France HMC 801923.24. MonteverdiMarienvesper. Sämanns, M. Kuijken, Carmignani u.a., S. Kuijken; Challenge Records CC 72311. Händel Alcina Arien & Suiten. C. Schäfer; R. Kussmaul, Cavi 4260085531431. Händel Marien-Kantaten & -Arien. A.-S. v. Otter, Musica Antiqua Köln, R. Goebel Archiv/DGG 439866. Händel Furore. J. Didonato, Les Talents Lyrique; C. Rousset Virgin Classics/EMI 519038.

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17:05 20.05.2009

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