Autor, wo stehst du?

Literatur Norbert Bolz behauptete jüngst, es gebe keine Dichter „von Weltrang“, die „links gewesen“ seien. Ob er recht hat? Wir haben nachgesehen
Autor, wo stehst du?

Illustration: der Freitag; Foto: Ali Ghandtsch/Berlinale

Was soll man dazu sagen? Ein nicht ganz unbekannter Literatur- und Medienwissenschaftler verkündet auf einem Kurznachrichtendienst, es gebe keinen einzigen Dichter von Weltrang, der links gewesen sei. Was ein Problem sei für Deutschlehrer und Literaturwissenschaftler. Wie erwartet ließen die Gegenstimmen nicht auf sich warten: Ob denn Pablo Neruda nicht zähle, was mit Anna Seghers und Christa Wolf sei, welche bedeutenden Autor*innen denn nicht links gestanden hätten usw.?

Alle diese Einwände sind sicher richtig. Doch schauen wir einmal gemeinsam etwas genauer hin. Und wir bemerken: Es fehlt noch immer ein Messinstrument, um „rechte“ und „linke“ Autorinnen und Autoren segmentieren und auf einer Skala einordnen zu können. Deshalb schlagen wir ein Gesinnungsmessgerät für Schriftstellerinnen und Schriftsteller vor. Es quantifiziert die weltanschaulich-politische Haltung von Autoren und zeigt mit unbestechlichem Blick die Wahrheit über ihre Position auf einer Skala von 1 (nicht links bzw. rechts) bis 5 (ganz links).

Entscheidend sind wie überall die Parameter. Berücksichtigt werden: Weltanschauung, Haltung zu Gleichheit bzw. Ungleichheit, Macht- und Herrschaftsvorstellung, Einstellung zu Aneignungs- und Besitzverhältnissen.

Unten die ersten Ergebnisse des Literatur-Politometers (geordnet nach Lebensdaten der Dichter*innen).

Friedrich Gottlieb Klopstock (1724 – 1803)

Kennen heute nur noch wenige Germanisten, war in seiner Zeit aber der erste Superstar der deutschen Poesie. Dichtete von einer utopischen Gelehrtenrepublik (mit Bildung statt überkommener Privilegien) und begrüßte die Französische Revolution als „edelste Tat des Jahrhunderts“. Was angesichts der deutschen Skepsis vor gewaltsamen Umbrüchen ziemlich mutig und links gewesen wäre, hätte es diese Unterscheidung schon gegeben. Doch Klopstock träumte auch von germanischer Vorzeit und einem heroischen Hermann; nun ja. Eine Drei.

Heinrich Heine (1797 – 1856)

Träumte von Zuckererbsen für alle Menschenkinder und vom Himmelreich, das hier auf Erden zu errichten sei. Aus den zurückgebliebenen deutschen Zuständen ging er ins fortschrittliche Frankreich und war mit Karl Marx befreundet. Heine begrüßte eine Revolution, fürchtete jedoch, dass man in kommunistischen Zeiten sein Buch der Lieder als Einwickelpapier für Kaffee und Schnupftabak gebrauchen würde. Stets mutig und mit scharfer Zunge, eine knappe Vier.

Elfriede Jelinek (*1946)

Zu ihrer Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Österreichs (bis 1991) steht die Dramatikerin und Erzählerin. Gegen kapitalistische Eigentumsformen und Unterdrückung richten sich nicht nur ihre Texte, sondern auch ihre Veröffentlichungspraktiken von Werken im WWW; Open Access für Literatur. Der Kampf gegen patriarchalische Verkrustungen und Verfilzungen im Donauland hat böse Reaktionen hervorgerufen. Irritierend ihre Unterstützung für Nobelpreisträger-Handke, deshalb insgesamt eine Vier.

Anna Seghers (1900 – 1983)

Aus ihrer Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Deutschlands und später der SED machte die namhafte Erzählerin kein Geheimnis. Schon in ihren ersten Werken schilderte Anna Seghers die Kraft der Schwachen und die Macht von Solidarität. Der Roman Das siebte Kreuz über die Flucht aus einem KZ war so gut, dass er in den USA nicht nur prominent verfilmt, sondern auch als Comic gestaltet wurde. Aufrecht, bescheiden, links. Maximale Punktzahl!

Bertolt Brecht (1898 – 1956)

Der wohl bedeutendste deutschsprachige Dramatiker des 20. Jahrhunderts fand zum Marxismus und stand der kommunistischen Bewegung nahe, auch wenn er sich parteilich nicht festlegte. Von tiefer Ablehnung privatkapitalistischer Besitzverhältnisse zeugt auch seine Laxheit in Fragen des geistigen Eigentums, die ihn zu vielfältigen Übernahmen fremder Texte in eigene Werke berechtigte. Andererseits war BB ein passionierter Liebhaber moderner Automobile und ein Ausbeuter der für ihn arbeitenden Frauen. Zwei plus.

Friedrich Hölderlin (1770 – 1834)

Auch er war begeistert von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit; mit den Freunden Hegel und Schelling tanzte er in Tübingen um einen Freiheitsbaum und versuchte, einem Frankfurter Bankier die Ehefrau auszuspannen (was nicht ganz gelang, dennoch als ziemlich links gelten kann). Sein Wahnsinn wurde als Mittel der Flucht vor politischer Verfolgung interpretiert, weil er gemeinsam mit Gleichgesinnten einen Umsturz der Fürstenherrschaft geplant haben soll. Wunderbare Verse, kühne Ideen. Insgesamt: 4 von 5 Punkten.

Friedrich Schiller (1759 – 1805)

Heute bekannt als Verfasser der Europa-Hymne, in der Millionen umschlungen und der Welt ein Kuss aufgedrückt werden soll (Links-Faktor 5). Zugleich dramatisierte er einen Tyrannenmord samt Apfelschuss und entwarf eine ästhetische Erziehung, die den Menschen im Spiel die Freiheit einüben lässt (ziemlich linksliberal). Andererseits ließ er in seiner Zeitschrift Die Horen weibliche Autoren nur anonym veröffentlichen; von anderen Rollenzuweisungen an die „züchtige Hausfrau“ zu schweigen. Eine Zwei.

Else Lasker-Schüler (1869 – 1945)

Die bedeutsame Lyrikerin bewegte sich in Dimensionen, die mit Kategorien wie „rechts“ und „links“ kaum zu erfassen sind. Nach eigenen Worten suchte sie „allerlanden eine Stadt, die einen Engel vor der Pforte hat“. Immerhin war sie mit Herwarth Walden verheiratet, der die expressionistische Zeitschrift Der Sturm herausgeben und als KPD-Mitglied in die Sowjetunion emigrieren sollte. Insgesamt: Nicht zu bewerten..

Peter Handke (*1942)
Wer als Beschimpfer von Publikum und von Gruppe 47 seine literarischen Sporen verdiente und in den aufgeheizten 1960er-Jahren gegen das Establishment rebellierte, darf beim Gesinnungstest natürlich nicht fehlen. Doch auch der Nobelpreisträger des Jahres 2018 ist messtechnisch nicht zu greifen: Wer von Homer kommt, von Cervantes und von Tolstoi, scheint weder links noch rechts zu sein, sondern insgesamt: Außer Konkurrenz.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 07.03.2020

Ausgabe 32/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Film der Woche
Der letzte Mieter

Beklemmender Berlin-Thriller zum Thema Gentrifizierung: Das letzte unsanierte Haus in einer schicken Wohngegend wird geräumt. Die meisten verbliebenen Mieter fügen sich ihrem Schicksal, doch Dietmar (W. Packhäuser) weigert sich. Das Spielfilm-Debüt des deutschen Regisseurs Gregor Erler überzeugt seit seiner Weltpremiere auf zahlreichen Festivals

Kommentare 18

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Dieser Kommentar wurde versteckt