Avancierte Zensur per Update

Kindle-Skandal Amazon.com handelte sich Ärger ein, weil es Buchdateien von den Lesegeräten seiner Kunden löschte. Die Wut beruht auf einem Missverständnis, macht aber ein Grundproblem deutlich

"Wir haben die Kritik völlig verdient." Nach Tagen schlechter Presse und anschwellendem Protest der Kundschaft entschuldigt sich Amazon-Chef Jeff Bezos schließlich doch und findet deutliche Worte. "Dumm, gedankenlos und völlig gegen die Prinzipien" des Unternehmens sei es gewesen, dass die Firma Textdateien auf dem elektronischen Lesegerät Kindle mancher Kunden gelöscht hat.

Der Internethändler hatte Buchdateien verkauft – unter anderem Harry Potter von Joanne K. Rowling und die Orwell-Titel Farm der Tiere und 1984  – obwohl er nicht die entsprechenden Vertriebsrechte besaß. Als dann Klagen drohten, entfernte man die Bücher kurzerhand aus dem Speicher und erstattete den Kaufpreis zurück. Sogar die Randnotizen, mit denen die Leser ihr elektronisches Buch versehen hatten, waren über Nacht verschwunden.

"Ich war gar nicht auf die Idee gekommen, dass Amazon das Recht oder auch nur die Möglichkeit hat, etwas zu löschen, was ich gekauft habe", zitierte die New York Times einen Betroffenen. Die Empörung über das Vorgehen der Firma ist nun groß und verständlich, aber sie beruht auf einem Missverständnis. Ein elektronisches Buch ist mit seinem Vorgängermodell aus Papier eben nicht zu vergleichen. Was man schwarz auf weiß besitzt, darf man getrost nach Hause tragen, im Badewasser versenken und weiter verschenken. Wer Amazon eine Textdatei abkauft, erwirbt das Recht, diese zu lesen (offensichtlich in manchen Fällen nur eine Berechtigung auf Zeit). Der Käufer darf das Buch nur auf bestimmten Geräten betrachten, darf es auf keinen Fall weitergeben – so steht es ausdrücklich in die Geschäftsbedingungen.


Über digitale Protokolldateien überwachen Unternehmen wie Amazon oder auch Sony, auf welchen Festplatten ihre Dateien gespeichert sind. Erleichtert wird die Kontrolle dadurch, dass sich die Lesegeräte nur über eine Internetverbindung bestücken lassen. Wenn die aktuelle Fernlöschung dazu beträgt, dass sich diese Erkenntnisse verbreiten, hatte sie ihr Gutes.

Der Zugriff auf die Festplatten der Kunden, wie ihn Amazon jetzt demonstriert hat, ist ein extremes, aber treffendes Beispiel. Alle Hersteller von E-Readern versuchen, die Leser zu zwingen, für bestimmte Literatur ein bestimmtes digitales Lesegerät zu benutzen. Ob sie damit allerdings langfristig Erfolg haben werden, ist zweifelhaft. Der Kampf der Musikindustrie gegen die (kosten)freie Zirkulation von MP3-Dateien jedenfalls steht unentschieden.

Aber noch setzen Konzerne wie Amazon darauf, zusätzlich zu den Geräten auch an den Medien zu verdienen. Das ideale Geschäftsmodell heißt für sie pay-per-view – jeder Zugriff kostet. Dieses Modell widerspricht der technischen Funktionsweise des Internets eigentlich eklatant – schließlich ist jede Übertragung von Text, Bild oder Ton ein Kopiervorgang. Im digitalen Markt ist Knappheit künstlich, und der Mangel wird mit aufwendigen Schutzmaßnahmen erst erzeugt. Das heißt dann euphemistisch Digital Rights Management (DRM). Es dient immer und ausschließlich den Rechten der Urheberrechtsinhaber und der Zwischenhändler, nicht den Rechten der Nutzer.

Monopolisierung des Informationsmarktes

Es geht in diesem Fall aber nicht nur um Verbraucherschutz. Auch wenn Kindle und Co. noch nicht massenhaft in Gebrauch sind, mittelfristig werden sich die Lesegeräte verbreiten. Damit wächst die Macht der Hersteller von E-Readern und der Medienkonzerne, die – zwar in wechselnden Koalitionen, aber ohne Ausnahme – versuchen, den elektronischen Literatur-und Nachrichtenmarkt zu monopolisieren. In ihrem Selbstverständnis sind sie nichts als Informations-Zwischenhändler. In Wirklichkeit agieren sie als Herausgeber. Mit ihren Geschäftsentscheidungen gestalten sie die Öffentlichkeit.

Unter den von Amazon rabiat entfernten Büchern war auch 1984 von George Orwell. Wir erinnern uns, der Held des Romans ist im „Ministerium für Wahrheit“ beschäftigt, das fortwährend die Vergangenheit der aktuellen Parteilinie anpasst und zu diesem Zweck historische Aufzeichnungen fälscht. Ein Heer von Bürokraten ist damit beschäftigt, Fotografien zu retuschieren und Leitartikel umzuschreiben. Wie umständlich und anachronistisch: Heute ist avancierte und spurlose Zensur möglich mit der automatischen Update-Funktion.

11:52 27.07.2009

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