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"Fährst du mit nach!"

"Was? Ich? So weit?"

So weit hatte sie nicht zu denken gewagt, obwohl es das Naheliegendste war, mit dem nächsten Verwandten in das fernste Land zu fliegen, weil dort ein dem nächsten Verwandten naher Verwandter nur noch bis - wohnhaft sein würde, wo man schließlich wohnen können würde und am Weg dorthin würde man eben vorher auch gleich - mitnehmen, wenn man schon in der Gegend sei. Ihre Erinnerungen an Reisen mit dem nächsten Verwandten sind dumpf - oder waren es die Reisen selbst? Meistens sind sie nicht gereist, sondern nur abgefahren in Streit und wieder angekommen in Streit und dazwischen Ski gefahren in der Sonne oder im Schneegestöber oder im See geschwommen, der den anderen Badenden zu kalt war, und danach an die Blockhütte gelehnt am Steinboden gesessen, der den anderen Badenden zu hart war, in der Sonne, die den anderen Badenden zu heiß war, ein Buch in der Hand haltend, er eines, das ihr nicht passte, sie eines, das ihm nicht passte, die Worte zurückhaltend, deren Schreie den anderen Badenden nicht zuzumuten wären.

Es gibt ein Foto. Sie sitzen beide an die Blockhütte gelehnt am Steinboden. Sie strecken die Mädchenflachbrust und den Männerspitzbusen in die Sonne. Sie halten nichts in den Händen. Sie schauen in die Kamera. Und es ist nicht zu sehen, dass sie irgendwelche Worte zurückhielten.

Wer hätte gedacht, dachte sie, als sie das Foto in der Hand hielt, dass zwischen den Rippen und den Knochen einmal eine Taille, auf dem Bauchbrett ein Monatsbauch und auf der Flachbrust zwei Handvoll Busen sei würden, die für viele Jahre in einem Bikini verschwinden würden, was andere Fotos zeigen, auf denen sie nichts mehr in die Sonne streckt.

Dass das Mädchen neben dem Mann, dem sie an Robustheit in nichts nachsteht, einmal eine Frau sein wird, die es sich aussuchen kann, mit dem Mann, der noch immer ein Mann ist, ein älter gewordener Mann, eine weite Reise zu tun. Kann sie es sich aussuchen?

Den Mann. Die Reise. Ein Angebot, wie es noch nicht da war, wie es nicht mehr das sein wird. "Ja. Warum nicht. Ja, gerne. Wann. Wie lange."

"Wenn", dann müsse es schon zwischen - und zwischen - sein, "und unter drei Wochen" gehe da nichts.

"So lange." So lange fort mit dem nächsten Verwandten. So lange fort vom Geliebten. Ein leises Stöhnen, aber keine Worte über die Gefahren einer langen Zeit wie dieser mit ihm gemeinsam. Sie reden über Destinationen und Visum und Impfungen und Geld, das er haben wird müssen. Sie bittet ihn nicht. Sie unterstellt ihm seine Zahlungsfähigkeit. Er unterstellt ihr ihre Zahlungsunfähigkeit.

Die Entscheidung ist vernünftig. Sagen ihr alle, die auch schon so lange so gerne verreisen wollen. Allein kommst du nie so weit. Was soll geschehen? Ja, was soll ihnen geschehen. Die Reise wird vorübergehen. Bilder werden bleiben.

Lange denkt sie nicht an die Reise, an die magische Ferne. Sie denkt an ihn. Denkt über ihn nach, wie schon lange nicht mehr. Denkt darüber nach, wie er sich wohl im fernsten Land gebärden würde. Mit ihr. Ob es ihm die Sprache verschlüge. Denkt über sich nach, ob sie es schaffen würde. Mit ihm nicht an ihn und seine Sprache zu denken.

Langsam beginnt sie, an ihr Gepäck zu denken, das leicht sein soll, weil es dort viel zu kaufen gäbe, das man hier nicht bekäme oder sehr viel teurer. Das eingemottete Frühlings- und Sommergewand aus den Winterkoffern räumen. Sie erkundigt sich nicht beim nächsten Verwandten, der ein Wetterspezialist ist. Sie verlässt sich auf ihre Freunde, die Sehnsuchtsexperten sind.

Wenigstens gehört Flugangst zu den wenigen Ängsten, die nicht zu ihr gehören. Aber so könnte sie sich wenigstens vor etwas fürchten, was vorbeigeht. Könnte etwas einnehmen dagegen. Sie ist von Flugangstexperten umgeben.

Wir fliegen am - von - nach, bleiben dort bis - fliegen ab nach - bleiben dort bis - fliegen ab nach - bleiben dort bis - fliegen zurück -

Und. Nichts. Visum, Hepatitis A B. Tetanus noch gültig? Nachfragen! Auffrischen! Sonst nichts? Nein. Hast du deinen Pass bei dir? Wo soll er denn sein?

Jetzt startet sie los in die Städtische Bücherei. Packt sich den Rucksack voll mit Lügen und Wahrheiten über dort. Wer hat rechter, die Journalisten, die Historiker, die Reiseführerschreiber, die Fotografen, die Bilder. Die Zeichen, die immer recht haben, weil sie schön sind. Unversehrt von ihr. Sie beginnt mit dem, was dort von da unterscheidet. Was ein Gesellschaftsformat dem anderen voraushat oder nachträgt. Sie sammelt Wissen, das ihr gegen seine Lebenserfahrung helfen wird sollen.

Sie sollten endlich ihre Vorstellungen von dort austauschen. Sie operieren weiter mit Vorsichtsmaßnahmen gegen die Tücken des Landes, in das sie reisen werden. In den Erledigungen tun sich Gemeinsamkeiten auf, die sie telephonisch austauschen, die sich erschöpfen werden, sobald alles erledigt sein wird, was erledigt werden kann, solange sie noch hier sind und erledigen können, bis sie dort sind und erleben müssen.

Sie werden sich die Fremde teilen müssen wie 18 Jahre lang 80 Quadratmeter. Sie wird neben ihm liegen müssen als seine Frau, die nicht mitfahren wollte. Sie wird nicht ertragen, wie er seine Wäsche ausbeutelt. Er wird nicht hinnehmen, dass sie alles auf einen Haufen haut. Sie wird sich ins Kameraauge verkriechen, damit sie den Blick freikriegt von seinem Adlerauge. Sie wird blind werden vor Hoffnung, dass ihm die Augen übergehen. Er wird ihr einen Vortrag über richtige Lichtverhältnisse und wichtige Motive halten.

Sie lässt sich impfen. Während der Körper seine Armeen postiert, wandelt sie auf verlorenem Posten. Lässt sich vom bürokratischen Fieber anstecken.

Was sie alles fernhielt von ihm. Was sie alles fernhält von ihm. Was sie alles fernhalten wird müssen von ihm im fernsten Land.

Dabei ist er durchlässiger, als seine Außenschicht glauben macht, glaubt sie. Die Angst, abgewiesen zu werden muss doch auch endlich zu seinen Ängsten gehören, seit er nicht mehr Anweiser einer Abteilung in einer weltweit bekannten Fabrik ist, glaubt sie.

Wird ihnen ein gemeinsames Lachen gelingen, wenn er ihren Spaß schon auf 200 Kilometer Distanz nicht verstehen kann? Dazu fehlt ihr die Lebenserfahrung, die immer kleiner bleiben wird als seine, solange er lebt.

Sie wird die Fähigkeit wieder lernen müssen, die Hand auszustrecken und Bitte und Danke zu sagen zu einem ihrer frühesten Händehinhalter. Wenn sie je einmal Hand in Hand gegangen sind, sie werden es nicht mehr tun können. Obwohl sie wieder das Mädchen sein wird und obwohl sie seine Frau sein wird, die nicht mitfahren wollte und mit der sie Hand in Hand geht, obwohl sie von ihrer Hand immer weg wollte, als sie ein Mädchen war.

Bis zum Vortag des Abreisetages steckt sie in der Arbeitshaut. Die Arbeit steht ihr gut. Der Haut geht es schlecht. Sie wird sich in der Ferne erholen müssen. Aber vorher wird sich noch die nahende Blutung über Tage hinweg ankündigen und dann, wenn sie schon im fernsten Land sein wird, austragen müssen.

Wird sie soviel Anstrengung mit dem nächsten Verwandten aushalten können. Seite an Seite. Bett an Bett. Soll sie ihn vorher warnen oder uninformiert in die Reise mit ihr schicken, damit er nicht die Augen rollt.

Die Reise. Bald ist es soweit. Bald wird er sein Auto von der Stadt, in der er lebt in die Stadt, in der sie lebt, lenken und da sein mit seinem Gepäck, das sorgfältig und die 20-Kilogrenze nicht überschreitend gepackt sein wird, mit seinen Dokumenten, die auch ihre sein werden und auf die sie Acht geben wird müssen, mindestens so wie er, denn er will bestimmt nicht länger als geplant im fernsten Land bleiben.

Dann wird er anläuten und eintreten in ihre kleine Wohnung mit der Frage nach einer Zigarette. Sie werden ihr Abendessen wie immer in der Pizzeria ein paar Straßen weiter einnehmen. Sie wird sich hüten, die vorgetäuschte Ordnung mit Ingredenzien- und Geschirrsuche durcheinander zu bringen.

Ein Tee mit Milch in der Früh und eine Zigarette werden reichen müssen. Den Rest wird der Flughafen zur Verfügung stellen müssen.

Zwischendurch saugt sie, putzt sie, bezieht sie das Bett neu, räumt sie soviel als möglich von den Sichtzonen der Wohnung in die Geheimplätze ein, schreibt die Arbeit druckreif, trägt sie die Diskette durch die Bezirke zu ihren computerreichen Freunden, lässt sie ausdrucken, heftet das Ausgedruckte zusammen, fügt ein paar persönliche Worte dazu, steckt alles in ein großes Kuvert, adressiert es an die Gastprofessorin im Nachbarland, trägt es auf die Post und packt wieder, ein und aus. Morgen ist es soweit. Morgen wird er kommen.

Sie besucht den Geliebten im Geschäft. Er verspricht, auf einen kurzen Abschiedssprung vorbeizuschauen. Sie bittet ihn, pünktlich zu sein.

Sie redet sich ein, sie redet sich aus in den letzten Telefonaten mit den Mitgliedern des Freundinnenbaums. Gleich heißt es, hinein in die Pizzeria, wo der nächste Verwandte schon sitzen wird, denn sie hat bestimmt eine völlig unrealistische Uhrzeit ausgemacht.

Gut, dass sie ins fernste Land reisen und nicht das fernste Land zu ihnen kommt, denkt sie, als sie ihn beobachtet, wie er den Kellner beim Sprechen beobachtet. Jetzt wäre es höchste Zeit zu fragen, ob er Angst hat. Angst? wird er sagen, wieso denn Angst, ich hab doch meine Karte und eine Rückholversicherung, die du hoffentlich auch abgeschlossen hast. Hat sie.

"So etwas Gutes", sagt er, "werden wir jetzt länger nicht zu essen bekommen." Sie sieht ihn schon mit skeptischem Eifer süßsauren oder scharfen Mischmasch wickeln. Mit der Gabel, denn die passen sich ja auch nicht an bei uns. Mit einer Pizza Hawai, die er immer isst, wenn er mit ihr in der Pizzeria ein paar Straßen von ihrer Wohnung entfernt isst.

Er schüttelt den Kopf. Aber freundlich. Er kann auch anders. Davon wird sie noch genug bekommen. Vom Kopfschütteln aller Art auf der Reise im fernsten Land.

Elke Papp wurde 1973 in Linz geboren. Sie ist freie Autorin, gibt Performances und ist Teil der "Grauenfruppe", mit der sie kürzlich den Siemens-Literatur-Preis gewann. Im Herbst wird Das Lexikon der Lust erscheinen. Elke Papp lebt in Wien.


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00:00 01.04.2005

Ausgabe 42/2021

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