Avantgarde der Andersmacher

Wirtschaft Harald Welzer und Bernd Sommer haben einen Plan gegen die Wachstumslogik
Bettina Hartz | Ausgabe 41/2014 6
Avantgarde der Andersmacher
Die Bilder dieses Spezials sind Arbeiten des Streetfotografen Siegfried Hansen
Foto: Siegfried Hansen

Materiell betrachtet, ging es noch nie so vielen Menschen so gut, war die Lebenserwartung so hoch, die Kindersterblichkeit so niedrig, lebten so viele in einem Gesellschaftssystem, das sich den Menschenrechten verpflichtet fühlt, ließ sich so einfach über Kontinente hinweg kommunizieren, war die Möglichkeit politischer Partizipation so groß. Doch all diese Errungenschaften haben eine Kehrseite: das Wirtschaftsmodell, das diesen Entwicklungsstand ermöglicht hat. Obwohl es in vielen Teilen der Welt die Menschen noch nicht einmal aus der Zone des Mangels geführt hat, sind die Grenzen der ökologischen Belastbarkeit lange erreicht, wenn nicht überschritten – Stichworte Verschmutzung, Überfischung, Bodenerosion, Artensterben, Klimaerwärmung.

Allerspätestens seit dem Bericht des Club of Rome von 1972, Die Grenzen des Wachstums, ist klar, dass die kapitalistische Wirtschaft nicht in der Lage ist, die Probleme zu lösen, jedenfalls nicht auf friedliche Art. Das Wissen führt jedoch nicht zu einer anderen Praxis. Das zeigen auch Umweltkonferenzen und Klimagipfel. Sie folgen selbst der Wachstumslogik, immer mehr Teilnehmende halten immer mehr Vorträge und verfassen immer umfangreichere Berichte. Das alles vermittelt den Eindruck, es werde etwas getan, Experten lösten die Probleme.

Harald Welzers und Bernd Sommers Ansatz ist ein anderer, simpel und zugleich anspruchsvoll. Durchdrungen von der Skepsis in das Expertentum, vertrauen sie auf die Kompetenz und Erfahrung, den Erkenntnishunger jedes Einzelnen und seiner Fähigkeit zum Wandel. Aus Einsicht, nicht durch Zwang. Und so machen sie sich an eine Fortschreibung des Emanzipationsprozesses der Aufklärung – nicht als Masterplan, zu dem dieser in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts verkommen ist, sondern als schrittweise Veränderung in Segmenten.

Untersuchungsgegenstand sind die früh industrialisierten, spätmodernen freiheitlich-demokratischen Gesellschaften, in denen Überfluss herrscht und Mangel allein auf Verteilungsungerechtigkeit zurückzuführen ist. Dort kann es gelingen, „Gesellschaften, die sich in einem Zustand struktureller Nicht-Nachhaltigkeit befinden, in Richtung Nachhaltigkeit“ umzubauen, unter der Vorgabe, das erreichte zivilisatorische Niveau mindestens zu bewahren.

Die Bilder des Spezials

Was für viele Menschen nur ein Brückenpfeiler ist, ein Rohr aus Stahl oder ein Riss im Beton, ist für Siegfried Hansen ein Motiv.

Hansen, geboren 1961 in der Nähe von Hamburg, gehört zu den bekanntesten Streetfotografen der Welt. Seine Arbeiten sind vielfach präsentiert in Gruppen- und Einzelausstellungen, nicht nur in Europa, auch in den Vereinigten Staaten kennt man sie.

Die Sujets findet der Fotograf auf Streifzügen durch deutsche Großstädte. Schatten, Ausschnitte, Linien, Farben – im Zentrum von Hansens Kunst stehen der urbane Kosmos und die Ästhetik des Zufalls.

Menschen, Gesichter, vorbeilaufende Passanten werden zu Statisten im Raum. Dabei bestechen Siegfried Hansens Bilder durch ihre Mischung aus Intuition und dem Vermögen, das nächste Motiv vorherzusehen.

siegfried-hansen.de

Die von vielen als notwendig erkannte, aber innerhalb des bestehenden Wirtschaftssystems so schwer anzugehende wie umzusetzende Transformation kann, davon sind Sommer und Welzer überzeugt, nur über lokale und regionale Versuchslabore, innovationsfreudige, alternative Gruppen, sogenannten Postwachstumsavantgarden gelingen, die nicht am Ende des Wertschöpfungsprozesses ansetzen und dasselbe anders etikettieren, sondern eigene Produktionsstrukturen besitzen, eigene Wirtschaftskreisläufe aufbauen, eigene Verteilungssysteme generieren (und kontrollieren).

Diese segmentäre Transformation schreibt sich damit in die seit gut zehn Jahren erfolgreich agierende Transition-Town-Bewegung ein, eine heterogene Kultur lokal gebundener alternativer Wirtschaftsformen und Lebensstile, deren Ziel umfassende Selbstermächtigung ist.

Welzer und Sommer betonen: Die Kombination aus einer anderen sozialen Praxis, der Aneignung und Weiterentwicklung von Fähigkeiten sowie das Verfügenkönnen über eigene Ressourcen, Produktionsweisen und -mittel ist auf Dauer erfolgentscheidend. Nur so kann es gelingen, eigene Strukturen aufzubauen, die sich der Wachstumslogik widersetzen und die im Ernstfall nicht erpressbar sind. Denn klar ist, es geht bei all dem um Herrschaft und Macht. Und die jetzigen Inhaber gewaltiger Privilegien werden auf diese nicht kampflos verzichten.

Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne Harald Welzer, Bernd Sommer oekom 2014, 240 S., 19,95 €

 

06:00 22.10.2014

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