Avanti, popolo!

Nicht in Berlin Auf der italienischen Insel Procida fährt man tatsächlich Elektrorad. Zur Verkehrslage am Golf von Neapel
Jens Renner | Ausgabe 25/2015

Was für eine tolle Stadt! Der Golf, der Vesuv, die Gassen, das Museo Nazionale. Aber jedes Mal, wenn ich in Neapel bin (ich nenne die Stadt Napoli, das klingt einfach schöner), will ich auf eine Insel flüchten – der Lärm, die Autos, die vielen Menschen … Aber auf welche Insel eigentlich? Capri und Ischia sind weltberühmt und also zu groß, zu überlaufen. Procida (sprich: Protschida, Betonung auf der ersten Silbe) kennen nur Eingeweihte, weil sich die Insel „dem Massentourismus verweigert“ und „ursprünglich“ geblieben ist – so steht es jedenfalls in einigen Reiseführern.

„Morgen fahre ich nach Procida“, verkünde ich Anna und Antonio, die mich in Napoli beherbergen. Er ist Innenarchitekt, sie Hausfrau, beide sind Anfang 60 und wundern sich über meine Wahl. Sie finden Procida ein bisschen selvaggia, wild, sie halten die Gegend für unterentwickelt. Ich lasse mich von ihrem Urteil nicht abschrecken. Mit dem Schnellboot bin ich in weniger als einer Stunde auf Procida, der kleinsten Insel im Golf von Neapel. Die Inselbewohner machen von dieser Verkehrsverbindung selten Gebrauch, und das müssen sie auch nicht. Es gibt schließlich alles: Straßen, fließendes Wasser, Strom und Internet. Bei meiner Ankunft bleibt der Kulturschock folglich aus.

Immer Il Postino

Im Hafen von Procida geht es zu wie an vielen anderen italienischen Ferienorten am Meer. Auch außerhalb der kurzen Hochsaison im Juli und August finden sich nicht nur Einheimische. In einer Hinsicht ist die Insel dem Rest der Welt – und Napoli allemal – sogar um einiges voraus: Das bevorzugte Verkehrsmittel ist das Fahrrad mit Elektromotor, la bicicletta elettrica. Man sollte nicht nur auf die eigene Muskelkraft setzen auf dieser ziemlich hügeligen Insel. Bergab sind die motorisierten Räder eine ernsthafte Konkurrenz für die wenigen Autos. So rasant wie Italiener Auto fahren, so halsbrecherisch geht es mit dem Fahrrad die Hügel hinunter.

Procida ist auch kulturell alles andere als rückständig. 1994 wurden hier wesentliche Teile von Michael Radfords großartigem Film Il Postino gedreht: die Geschichte des chilenischen Großdichters Pablo Neruda und seines Briefträgers Mario, der durch Neruda, der im Exil lebt, den Zauber der Poesie entdeckt. Der Film basiert auf der Romanvorlage Mit brennender Geduld von Antonio Skármeta. Das ist nun schon eine Weile her, doch die Kommunalverwaltung weiß das kulturelle Kapital immer noch zielsicher einzusetzen. Dass sie sich an einem (film-)historischen Ort aufhalten, wird den dann doch gar nicht so wenigen Touristen mehr oder weniger penetrant mitgeteilt. Es gibt zahllose Hinweise in den Veröffentlichungen der Kommune und auf Schautafeln, auch Individualreisen auf den Spuren der Dreharbeiten und zum Strand, an dem der Postbote mit dem Poeten über das Leben philosophierte, waren bereits im Angebot. Auch ich komme während der Rückreise ins Grübeln. Napoli oder Procida? Fast bin ich schon wieder geneigt, mich der Metropole zuzuwenden – dem Lärm, den Autos, den vielen Menschen …

Fast eine Fußgängerzone

Nähert man sich dem Hauptbahnhof Napoli Centrale am rechten Rand der Piazza Garibaldi, um einen Zug zu erreichen, landet man erst einmal nicht da, wo es Fahrkarten gibt, sondern in einer fast tempelartigen Feltrinelli-Buchhandlung, benannt nach dem sagenhaften linksradikalen Verleger Giangiacomo Feltrinelli, der 1972 bei dem Versuch, einen Hochspannungsmast zu sprengen, ums Leben kam.

Heute steht der Name Feltrinelli für eine florierende Handelskette. Nach mehrjährigem Umbau sieht nun auch Napoli Centrale aus wie viele andere Bahnhöfe: ein riesiges Kaufhaus. Schön ist das natürlich nicht, aber ich kann schnell noch mal nach Neuerscheinungen schauen und Umberto Ecos Roman Numero Zero kaufen, diese Parodie auf Massenmedien im Zeitalter des Berlusconismus … Aber, Entschuldigung, ich schweife ab.

Bei Anna und Antonio habe ich naturgemäß Bericht zu erstatten. Ich möchte sie nicht anlügen, also sage ich: Procida ist herrlich, man kann dort wunderbar einen Tag verbringen. Nach und nach kommt heraus, woher die Abneigung der beiden stammt: Sie hatten auf Procida mal ein Häuschen, und es gab ständig Stress, bei welchem Wetter sie denn hinfahren sollten: Antonio hat kein Problem mit der Hitze, Anna bleibt dann lieber zu Hause. Und was halten sie von Procidas Faible für zeitgemäße Fortbewegungsmittel? „Bene, bene!“, ruft Antonio. Aber er würde sich nie freiwillig auf ein Fahrrad setzen, ob mit oder ohne Hilfsmotor. Meine Begeisterung für die Elektro-Bike-Dichte auf der progressiven Insel kontert er mit der kühnen Behauptung, in zehn Jahren werde Napoli eine einzige verkehrsberuhigte Zone sein. Er sei keineswegs von gestern, sagt Antonio noch, er schätze zum Beispiel den autoritären Politikstil Matteo Renzis von der Partito Democratico. Das brauche Italien heute eben, „einen Diktator auf Zeit“.

Napoli braucht definitiv weniger Autos. Inzwischen wird sogar im Zentrum der Stadt verstärkt Fahrrad gefahren, was nicht selbstverständlich und einigermaßen gefährlich ist. Auch reine Fußgängerzonen dehnen sich aus. In der Via Partenope, einer am Meer entlangführenden Prachtstraße, darf kein einziges Auto mehr fahren. Fußgängerzone, area pedonale – dieses Wort ist allerdings etwas irreführend, weil dort wie überall in Italien junge Menschen mit ihren Rollern herumrasen. Und dann gibt es ja immer noch die U-Bahn, die Metropolitana di Napoli. Ihr neuestes Upgrade, die gigantische Station unter der Piazza Garibaldi, ist nach einer Bauzeit von 30 Jahren fast fertig.

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06:00 01.07.2015

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