Ay, Ay

Istanbuler Abende Macht in zwei Himmelsrichtungen. Mancher deutsche Kanzler gäbe was dafür, wenn er sie hätte. Wenn ein historisches Erdbeben sie ihm dann plötzlich ...

Macht in zwei Himmelsrichtungen. Mancher deutsche Kanzler gäbe was dafür, wenn er sie hätte. Wenn ein historisches Erdbeben sie ihm dann plötzlich beschert, zerreißt sie ihn fast. Sultan Ahmed Han muss sie noch besessen haben. Was er mit dem sechseckigen, smaragdbesetzten Pendel wohl gemacht hat? Auf dem Ottomanenthron gesessen und es so lange raffiniert hin und her geschwungen, bis sein riesiges Reich befriedet war? Die filigrane Miniaturvoliere an Goldketten von 1616 in Istanbuls Topkapi-Palast sollte den Herrschern der Hohen Pforte Macht nach Ost und West verleihen. Heute steht das Pendel still. In der Schatzkammer des alten Sultanssitzes paradieren verschwitzte Touristen glotzäugig an dem winzigen Kleinod vorbei. Der 86 Karat schwere Kasikci-Diamant ist halt doch aufregender.
Zwischen Europa und Asien schwingt heute ein Asphaltpendel an riesigen Stahltrossen namens Atatürk-Brücke. Eine aufregend hybride Philosophie hat der Zusammenprall der Kulturen an der Furt zwischen Ost und West nicht unbedingt wachsen lassen. "Ich finde es Scheiße, alt zu werden" fasst eine der eleganten Society-Damen in altrosa Pergament und späten Tigerblusen ihren Existentialismus zusammen. Muss man verstehen. Heute ist Nationalfeiertag: Tag der Jugend und des Sports. Auch die Osteinwanderer, die seit mehr als zwanzig Jahren aus Anatolien über die Brücke drängen, mögen die larmoyanten Ladies nicht so sehr.
Wo ist eigentlich der Doppeladler der Byzantiner für ihr Vielvölkerreich geblieben? Der nach Ost und nach West schaut? Ne Mutlu Türküm Diyene - Glücklich, wer von sich sagen kann, ein Türke zu sein - an jeder Bushaltestelle bleut Atatürk seiner Republik das nationalistische Einheitsbekenntnis ein. Ein vergilbtes Foto des Mannes mit dem straff zurückgekämmten Haar und dem melancholischen Blick, stets tadellos im Frack, hängt in jedem Friseurgeschäft. Doch nicht nur die vielen verschleierten Frauen wehren sich gegen den westlichen Habit. Schwester Sevgi fallen die vielen Wasserpfeifen-Restaurants am Ufer auf, als wir uns zum Shoppen nach Kadiköy einschiffen, der griechischen Urzelle Istanbuls. Die sensible Pendlerin zwischen Berlin und der Türkei mit dem weichen kurdischen Herzen ist irritiert: "Es ist alles viel arabischer".
An unsterblicher Präsenz wird der Vater aller Türken inzwischen nur noch von einem doppelgesichtigen Sexsymbol übertroffen - dem amerikanischen Türken Tarkan. Wie türkischer Honig quillen aus jeder Kebab-Ecke seine lasziven Remakes spätosmanischer Liebespoesie. Auf allen Musikkanälen läuft sein neues Video für die türkische Fußballnationalmannschaft. Der immer etwas moppelige Elvis vom Bosporus mit Wohnsitz in New York hat sich zum waschbrettbauchbewehrten Guerillero workgeoutet. Mit Löwenmähne und Bartschatten wirbelt er in einem Meer von Halbmondfahnen. Doch der lautstarke Nationalismus Ost verträgt sich besser mit der Kultur West, als man denkt. Die Zuschauer des Internationalen Theaterfestivals bejubeln im Atatürk-Kulturzentrum Heiner Goebbels´ minimalistische Musikperformance Hashirigaki nach Texten von Gertrude Stein. Kein Wunder. So groß sind die Unterschiede zwischen The Making of Americans und Atatürks erfundener Nation nun auch nicht, finden Gülcin, die extravagante Hauptdarstellerin Charlotte Engelkes aus Stockholm und ich bei der Premierenfeier sophisticated auf dem Dach eines Istanbuler Grandhotels. Auf weichen Teppichen nippt man zuckersüßen Sherbet, knabbert salzige Sonnenblumenkerne und plaudert über She She Pop in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.
Es hätte also noch ein schöner Berliner Abend werden können. Doch in dieser lauen Mainacht schwingt plötzlich das Pendel. Die Kuppel der Hagia Sophia, von Yusuf Nabi als achter unter den Planeten besungen, leuchtet auf nachtblauem Samt backsteinrot. Über Sultan Ahmets Blauer Moschee steht der Halbmond. Ihre stolzen sechs Minarette glänzen wie goldene Zypressen. Im Rücken glitzern die Lichter Istanbuls wie über die Ufer des Bosporus gesäte Edelsteine. Von fern klagt der Muezzin zum Nachtgebet. Was kümmert einem auf dem Diwan irgendein Kanon oder Martin Walser? Wenn nicht Tarkans klebriger Schmachtruf ein paar Stockwerke tiefer in der Hoteldisco herausgeschallt wäre: Ay, Ay / Ich male Deinen Namen an den Himmel / Mit vielen Sternen - es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte mich mit dem Gesicht nach Westen auf den Boden geworfen und gerufen, was alle Busse und Laster, die Tag und Nacht mit ohrenbetäubendem Lärm durch die engen Gassen hinaus auf die steinigen Felder Anatoliens jagen, als Segensspruch auf der Karosserie tragen: Allah Korusun.

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00:00 07.06.2002

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