Azubis als Auslaufmodell

50.000 ohne Lehrstelle Für die Unterschichten von morgen ist gesorgt

Zwischen Angebot und Nachfrage klafft eine offenbar nicht mehr zu schließende Lücke, muss die jüngste Lehrstellenbilanz der Bundesagentur für Arbeit (BA) allen Beschönigungsversuchen zum Trotz einräumen. Von 763.000 Bewerbern bleiben zu Beginn des Ausbildungsjahrs 50.000 unvermittelt. Damit habe man jedoch nur die "Spitze des Eisbergs" vor Augen, sagt IG-Metall-Vorstandsmitglied Regina Görner, eine weitaus größere Zahl werde von der Arbeitsverwaltung durch billige Qualifizierungsmaßnahmen "in unsinnige Warteschleifen" abgeschoben. Wir erleben keinen vorübergehenden Einbruch, sondern sind Zeugen eines Langzeit-Trends. Von daher hilft auch die übliche demographische Entschuldigung durch den Verweis auf "geburtenstarke Jahrgänge" nicht weiter. Tatsächlich befinden sich unter den Bewerbern um eine Lehrstelle erstmals mehr "Altfälle" als Schulabgänger des Jahrgangs 2006 - dieser Überhang wird in den kommenden Jahren vermutlich anschwellen.

Von der Nachfrageseite her verweist die Lehrstellenmisere darauf, wie sehr das dreigliedrige Schulsystem an einen toten Punkt geraten ist. Die alten Regelgleichungen, Hauptschule gleich industrielle und handwerkliche Lehre, Realschule gleich mittlere Büroausbildung und Gymnasium gleich Studium für akademische Berufe, gehen nicht mehr auf. Das hat viel damit zu tun, dass Bildung zum sozialen Privileg wird und entgegen allen Sonntagsreden staatliche Bildungsausgaben rigoros zusammengestrichen werden. Die Krise des Arbeitsmarkts verschränkt sich mit der Krise der Staatsfinanzen und in der Folge des gesamten Bildungssystems. Einerseits wird die Hauptschule systematisch kaputtgespart und entlässt immer mehr Jugendliche ohne qualifizierenden Abschluss, so dass die Chancen auf eine berufliche Ausbildung gegen null tendieren. Andererseits hat die strukturelle Arbeitslosigkeit inzwischen nicht nur Verwaltung, Handel, Banken und Versicherungen erreicht, sondern auch viele akademische Berufe. Da teilweise sogar Universitätsabschlüsse nur noch in die Perspektivlosigkeit einer unter- und unbezahlten "Generation Praktikum" führen, ist die Zahl der Lehrstellenbewerber mit Abitur und Fachhochschulreife allein in diesem Jahr um neun Prozent auf mehr als 100.000 gestiegen. Die finanziellen Lasten des Studiums tun ein Übriges: Am stärksten drängen Abiturienten aus den Bundesländern auf den Lehrstellenmarkt, die bereits Studiengebühren eingeführt haben. Folglich bleiben auch Hauptschüler mit qualifizierendem Abschluss auf der Strecke, weil sie jetzt mit den Abgängern von Fachoberschulen und Gymnasien konkurrieren müssen.

Dramatisch verschärft wird dies alles noch durch eine fortschreitende Reduktion des Angebots. Wurden 1999 noch 631.000 Ausbildungsverträge abgeschlossen, waren es 2005 nur noch 550.000, und 2006 werden es weniger als 500.000 sein. Berufsausbildung gehört zu den Kostenfaktoren, die unter dem Druck der globalen Krisenkonkurrenz als Ballast empfunden und abgeworfen werden. Bei etlichen Großunternehmen ist es der Hang zur Platzierung auf den Finanzmärkten, der mit der Güterproduktion auch die berufliche Ausbildung zur Manövriermasse degradiert.

Die Krise des dreigliedrigen Schulsystems erweist sich insofern zugleich als Krise des dualen Berufsbildungssystems, denn an den Berufsschulen werden immer mehr arbeits- und lehrstellenlose Hauptschulabgänger geparkt und haben damit schon ausgesorgt.

Die nach der gerade heftig diskutierten Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung auf acht Prozent der Bevölkerung geschätzte Unterschicht wird unter diesen Bedingungen in den kommenden Jahren Zuwächse nicht entbehren. Und die dürften sich bei weiterer Lehrstellenauszehrung nicht nur aus dem "Bildungsproletariat" rekrutieren, sondern auch aus abgedrängten Jugendlichen mit mittlerer Qualifikation. Der Kapitalismus entlässt seine Kinder.


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00:00 20.10.2006

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