Bakus Sonne will nicht untergehen

Aserbaidschan Mit den Präsidentschaftswahlen Mitte Oktober steht das Land an der Schwelle zur Erbdynastie des Alijew-Clans

Seit sich Aserbaidschans Präsident Haidar Alijew Anfang Juli in ein renommiertes türkisches Militärhospital bringen ließ, reißen in Baku die Gerüchte nicht ab, der seit zehn Jahren herrschende Staatschef sei schwer erkrankt und amtsmüde. Ursprünglich wollte sich Alijew bei den Wahlen am 15. Oktober das Mandat für eine weitere Amtszeit holen - nun soll sein Sohn Ilham früher als ursprünglich vorgesehen das Erbe antreten, ohne dass es zu politischen Verwerfungen kommt.

Es war einmal ein Staatspräsident, der regierte 30 Jahr über sein Land und war so stark, dass ihn nicht der Untergang des Politbüros im fernen Moskau kümmerte und auch nicht die Mullahs mit den sorgsam gestutzten Bärten im benachbarten Teheran. Das kam vom vielen Öl, das im Meeresboden schlummerte, und von den wichtigen Herren mit den Geldkoffern, die ohne Unterlass auf dem Flughafen von Baku landeten und ihr Gepäck loswerden wollten gegen einen kleinen Vertrag hier oder da. Doch als der Staatspräsident fühlte, dass seine Zeit kam, sorgte er sich sehr. Denn sein Sohn - der Beste im Land nach ihm, dem Präsidenten - sollte seinen Platz übernehmen, aber plötzlich war Demokratie.

Der unsichtbare Präsident wird bald heimkehren

"Der Präsident", sagt Isa Gambar, der Oppositionsführer in Aserbaidschan, mit einer Beiläufigkeit, als ob es die selbstverständlichste Sache der Welt sei, "ist tot" und der ganze Wahlkampf in der Kaukasusrepublik sei ergo "ein Schmierenstück". Wochenlang stand der 80-jährige Haidar Alijew, den seit seinem Zusammenbruch am 8. Juli niemand mehr gesehen oder gehört hat, gemeinsam mit Sohn Ilham auf der Kandidatenliste für das Amt des Staatschefs - der Papa auf Rang eins, der Spross auf Platz zwei. Plakate mit dem Porträt des alten Präsidenten pflasterten die Schaufenster von Bakus Geschäften, Bars und Boutiquen, wo Modefummel aus Paris oder Mailand für wenigstens das Zehnfache eines durchschnittlichen Monatsgehaltes hängen, und erzählten doch langsam eine andere Geschichte: Sohn Ilham schob sich auf den Bildern allmählich in den Vordergrund: vom aufmerksamen Zuhörer des Vaters zum künftigen Regenten, der unter dem billigenden Blick des Haidar Alijew den achteinhalb Millionen Aserbaidschanern den Weg in eine lichte Zukunft weist. "Sabaha inamla ve Ilhamla!" reimen die Wahlplakate mittlerweile - "Morgen vertrauen wir Ilham!"

Die umsichtige Choreographie war nötig, denn das Dilemma des Führungszirkels ist groß: Haidar Alijew - früher einmal KGB-Lehrling unter Lawrenti Berija, später Chef der Kommunistischen Partei der Sowjetrepublik Aserbaidschan und Staatspräsident seit 1993 - ist trotz seines autokratischen Führungsstils populär im Land, sein Sohn aber für die Bevölkerung ein unbeschriebenes Blatt. Ilham Alijew war deshalb im August - angeblich auf ein Dekret des Vaters hin, das der von seinem Bett in einem türkischen Militärhospital versandte - sicherheitshalber schon einmal zum Premierminister ausgerufen und flugs vom Parlament im Amt bestätigt worden.

Staatsfunktionäre und Journalisten verbreiteten gleichzeitig beflissen das Gerücht von der baldigen Rückkehr von Vater Alijew aus den USA, wo er mittlerweile behandelt werden soll, doch die Fiktion von einer dritten Präsidentschaftskandidatur ließ sich nicht mehr aufrechterhalten. Knapp zwei Wochen vor dem Wahltermin am 15. Oktober zog Haidar Alijew seine Bewerbung zurück und überließ dem Sohn das Feld - "meinem politischen Nachfolger", wie es in einer im Staatsfernsehen verlesenen Erklärung hieß, die der unsichtbare Präsident verfasst haben soll.

"Die jetzige Regierung wird die Wahlen wieder fälschen", versichert Isa Gambar, der Oppositionsführer, der in seinem dunkel getäfelten Büro thront wie ein König im Exil, denn gewinnen werde sie in Wirklichkeit er - Gambar -, da hat der autoritär auftrumpfende Chef der rechtsnationalen Musavat-Partei nicht den geringsten Zweifel. Wegen der "sozialen Lage" nämlich. Haidar Alijew habe die Korruption im Land erst geschaffen und die Wirtschaft monopolisiert. Alle großen Unternehmen arbeiteten nur für die Alijew-Familie, behauptet Gambar, und zwei Millionen Aserbaidschaner hätten das Land verlassen, weil sie keine Arbeit fänden.

Nun hat aber auch Isa Gambar eine Vorgeschichte. 1992 regierte er die unabhängig gewordene Sowjetrepublik, fuhr zusammen mit seinen Volksfrontkoalitionären die Wirtschaft an die Wand und musste eine militärische Niederlage gegen Armenien einstecken, das seither fast ein Fünftel des aserbaidschanischen Staatsgebietes besetzt hält - das autonome Gebiet von Nagorny-Karabach eingerechnet. "Das eine Jahr unserer Regierung hat mehr für Aserbaidschan und sein Volk gebracht als die zehn Jahre Alijews", glaubt der Musavat-Chef ungerührt. Aber wäre nicht diese alte Hypothek der Opposition, der Übergang zur Erbmonarchie im politisch stabilsten und wirtschaftlich mit Abstand aussichtsreichsten Land des Kaukasus dürfte weniger glatt vor sich gehen.

Die Aserbaidschaner glauben nicht an ihre Politiker, sagt die Schriftstellerin Afaq Mäsud und will selbst eigentlich gar nicht über die Politik sprechen. Über den Machtanspruch Isa Gambars oder Etibar Mamedows, eines anderen der zehn Präsidentschaftskandidaten, ärgert sie sich dennoch. Erstaunlich finde sie das, meint Afaq Mäsud, nachdem die Opposition doch so viel zerstört habe. Auch westliche Diplomaten in Baku zeichnen das Bild zerstrittener Alijew-Kontrahenten, denen ein wirkliches Programm fehle. Warum - so fragen sie - sollten die Aserbaidschaner für einen Wechsel stimmen? Doch keine Frage über Macht und Politik ist unschuldig in einem Land mit so großen Öl- und Gasressourcen.

Die letzten Moskitowolken des Jahres fahren auf und nieder

Abends um sieben bleibt die Sonne tief im Westen jenseits der Bucht von Baku in einem gelben Dunst stecken und will nicht untergehen, während auf der anderen Seite des Kaspischen Meeres die Nacht heraufzieht. Bei wolkenlosen Himmel dauert dieses Schauspiel fast eine Stunde. Die Leute lehnen dann an der Kaimauer und schauen auf ihre Bohrtürme hinaus. Am Neftilar-Prospekt, der Seepromenade Bakus, ist Europa zu Ende. Mit dem "Jahrhundertvertrag" von 1994 nagelte Haidar Alijew seine Republik an den Westen und dessen Ölkonzerne und hielt doch recht geschickt die Balance mit Russland.

"Europa von Brest bis Baku", begeisterte sich ein französischer Außenminister zu jener Zeit, obwohl Frankreichs Schlachtschiff TotalFinaElf bei der Vergabe der Ölkonzessionen am Ende nur mäßige Erfolge verbuchen konnte und sich mit der Führungsrolle von British Petrol (BP) abfinden musste, dem größten Geldgeber im Land. Das Versprechen einer neuen "Belle Epoque" wie 1905, dem Jahr des großen Ölbooms in Baku, verschaffte Haidar Alijew viel Rückhalt im Westen - ebenso seinem Sohn, der jahrelang die staatliche Ölgesellschaft Socar leitete. Ilham Alijew, der Premier und präsumptive Nachfolger, hat erklärtermaßen bereits den Segen der Präsidenten Bush und Putin, die bekanntlich beide wissen, wie man ins Amt des Staatschefs hochgereicht wird. In den Wahlkabinen mag das allerdings kein Argument sein, erst recht nicht außerhalb der aufstrebenden Hauptstadt, wo nicht alle 50 Meter Geldautomaten Dollarscheine ausspucken und schwarze Limousinen durch die Straßen jagen.

Die letzten Moskitowolken des Jahres fahren an Bakus Gebäudemauern auf und ab wie ein Lift. Wie unruhig die Funktionäre der herrschenden Partei für ein Neues Aserbaidschan sind, zeigen die Prügeltrupps, die im Vorfeld der Wahlen regelmäßig Kundgebungen der Opposition stören. Zehntausende zieht es angeblich außerhalb Bakus zu den Wahlveranstaltungen der Anti-Alijew-Fronde. Aber keineswegs diese Bauern, sondern die eine Million Aserbaidschaner, die seit dem Krieg mit Armenien als Flüchtlinge im eigenen Land leben, sind der größte Unsicherheitsfaktor für die Alijews.

"Demokratie lässt sich nicht wie ein Zimmerlicht anschalten", glaubt der Leiter der OSZE-Mission in Baku, der Schweizer Peter Burkhard, der höchst selbst im Vorjahr vor einem Referendum Debatten zwischen Regierung und Opposition im aserbaidschanischen Staatsfernsehen moderierte und jetzt mit einigem Erfolg auf einen transparenteren Wahlmodus hinwirkte. Isa Gambar, der wahrscheinlich noch die meisten Chancen hat, eine Stichwahl gegen den Alijew-Sohn zu erzwingen, weiß, dass im Ausland die dynastische Erbfolge schon weithin akzeptiert ist. Die internationalen Verträge werde man nicht annullieren, versichert er und blickt recht gewieft durch seine Brille. Zumindest für die Ölkonzerne, die bereits 15 Prozent der Jahrhundert-Pipeline Baku - Tiflis (Georgien) - Ceyhan (Türkei) verlegt haben, ist das entschieden zu wenig.


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Aserbaidschans Ölreserven: 60 Millionen Tonnen jährlich für die nächsten 70 Jahre

Die 1.750 Kilometer lange Ölpipeline von Aserbaidschan über Georgien in die Türkei (Baku-Tiflis-Ceyhan/BTC) ist die wichtigste Ertragsquelle des neuen "Great Game" am Kaspischen Meer. Sie soll eine Milliarde Barrel am Tag transportieren und Ende 2004 fertiggestellt sein. Die USA wollten keine kürzere Route über Iran oder russisches Territorium.

Der staatliche Ölfonds SOFAZ soll die Einnahmen aus dem Ölgeschäft verwalten. Seine Reserven liegen derzeit angeblich bei 820 Millionen Dollar, ein Großteil dient der Finanzierung des aserbaidschanischen Anteils an der BTC-Pipeline, ein anderer Teil geht an die etwa eine Million Flüchtlinge aus dem Konflikt mit Armenien.

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00:00 10.10.2003

Ausgabe 39/2020

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