Bald wieder auf Hochtouren

Corona Die Krise als Motor der Veränderung? Unwahrscheinlich. Nur wenige werden nach ihr weitere Neuerungen oder Einschränkungen auf sich nehmen wollen
Bald wieder auf Hochtouren
Wird das eine seltenes Bild bleiben?

Foto: Christof Stache/AFP /Getty Images

Wer in Westdeutschland aufwuchs und heute zu den ‚Best Agers’ zählt, wird sich an die Ausstrahlung von Wolfgang Menges Fernsehspiel Smog erinnern. Am 15. April 1973 gesendet, war dies ein sogenannter Straßenfeger: Die Einschaltquoten waren sensationell, die Straßen entsprechend leer. Der Film zeigte exemplarisch, was passiert, wenn das öffentliche Leben heruntergefahren werden muss. Damals waren Radio und Fernseher noch die Leitmedien.

Dabei ging es nicht um solche Katastrophengeschichten, wie sie seinerzeit im Kino gerade so erfolgreich wurden. Vielmehr zeigte das Dokudrama Politik, Verwaltung, Medizin und Medien an den Grenzen ihres jeweiligen Vermögens. Geschildert wurden die Schicksale von Menschen in der Bewährung wie im Scheitern: Ärzte und Immissionsschützer gaben den Takt des Handelns vor. Die Wirtschaft sorgte sich um Aufträge. Hamsterkäufe grassierten. Mit Atemschutzmasken wurde Geld verdient. Und gerade Privilegierte hielten sich nicht an die Fahrverbote. Von Ausnahmen abgesehen, bewährten sich jedoch alle Verantwortlichen. Es war eine “Stunde der Exekutive“.

Noch im selben Jahr 1973 brach in Europa die erste Erdölkrise aus, wurden in Deutschland autofreie Sonntage dekretiert und leere Straßen tatsächlich zur Symbolen der Krise. Ob fiktiv oder real: Im Rückblick war beides vor allem psychologisch einschneidend. Der westdeutsche Wohlfahrtsstaat stand vor einer Wende. Sie verknüpfte sich sinnfällig mit dem Leitfossil des Wiederaufstiegs, dem Automobil, sowie mit seinem bevorzugten Revier, der Autobahn. Das hierdurch angestoßene Umdenken zu ökologischer Nachhaltigkeit zieht sich freilich zäh bis heute.

Wofür wird die Corona-Krise einmal stehen? Während gesellschaftliche Skandale meist Debatten um Werte anstoßen, führen Krisen und Katastrophen erst einmal zu technischen und medizinischen Reaktionen. Nach der Londoner Smog-Katastrophe von 1952 wurde ein beispielgebender „Clean Air Act“ beschlossen. Die Spanische (1918-1920), die Asiatische (1957/58) Grippe und andere Pandemien, die vielen Millionen Menschen das Leben kosteten, trafen auf weithin unvorbereitete Öffentlichkeiten. In den Laboren wurde umgehend und „fieberhaft“ geforscht.

Verkehrsträger als Risiko

Deutlich langsamer modulierte sich fast immer das Alltagsverhalten der Bevölkerung. Denn es ist auf Routinen und auf Verlässlichkeit aufgebaut. Je mehr wir zirkulieren, umso stärker muss unser Vertrauen darin sein, dass die Systeme, die wir nutzen, funktionieren – und hygienisch sind. Gerade deswegen waren Experten für nationale Gesundheit und Sicherheit schon immer alarmiert, wenn der Verkehr ständig zunahm und sich schwer kontrollierbar über alle Grenzen hinweg erstreckte.

Der internationale Schiffsverkehr ist daher seit langem von Quarantänemaßnahmen begleitet. Seit dem Aufstieg des Flugverkehrs nach dem Ersten Weltkrieg sind Ansteckungen zwischen Kontinenten aber innerhalb von Tagen oder sogar Stunden möglich. Epidemiologen sind daher seit mindestens einem Jahrhundert in ständiger Alarmbereitschaft.

Nun war jeder Verkehrsträger von Beginn an mit Fragen einer Risiken- und Güterabwägung verbunden. Das Automobil, anfangs ein Sportgerät für Reiche, konnte die enormen Zahlen an Toten und Verletzten nur rechtfertigen, weil nach und nach ein ganzer Wirtschaftskomplex darauf aufbaute. In Aschaffenburg eröffnete schon 1904 eine erste Autolenkerschule. Sie verteilte Führerscheine, um professionelle Chauffeure von normalen Autofahrern abzuheben.

Seitdem ist das Einüben in ein verkehrsgerechtes Verhalten und eine angemessene Kommunikation zu einem volkspädagogischen Großprojekt geworden. Es begleitet uns von der Wiege bis zur Bahre. Am täglichen Geschehen der Gesellschaft teilzunehmen gelingt nur durch jahrelanges Einüben in habitualisierte Verhaltensweisen. Unser Gefahrensinn funktioniert so gut, dass es einem Wunder gleichkommt, wie wenig Tag für Tag passiert.

Die Angst schlummert weiter in uns

Wir haben gelernt, dass Freizügigkeit mit transparenter Information und mit Rücksichtnahme verknüpft ist. Die Akzeptanz der Opfer des frühen Straßenverkehrs wäre heute kaum noch vorstellbar. Dagegen wäre früher kaum vorstellbar gewesen, wie stark wir uns heute in die Abhängigkeit von technischen und sozialen Infrastruktursystemen begeben haben. Beides ist historisch weiter erklärungsbedürftig.

Zwar schlummert eine Ahnung möglicher Gefährdungen weiter in uns. In den vielfach verschalteten, auf rasche Anschlüsse gepolten Verkehrs- und Kommunikationsnetzen bewegen wir uns dennoch routiniert und mit eingeübtem Vertrauen in deren Sicherheit. Terroristen verüben ihre Anschläge daher gerade an solchen Stellen, die eine maximale Irritation ausüben. Denn sie zielen auf die Mobilisierung untergründiger, oft sorgfältig ins Unterbewusste verschobener Ängste.

Wenn dann doch etwas passiert, kommt es aller Erfahrung nach auf ein rasches Risikomanagement an. Das war bei einer Epidemie wie AIDS schwierig, die in den 1980er und 1990er Jahren die öffentliche Imagination fesselte. Über Herkunft, Gefahr und Ansteckung wurde lange und ausgiebig spekuliert. Vermutlich trug gerade dies dazu bei, ein libertäres Zeitalter der sexuellen Experimente zu beenden.

Vertrauensverluste

Auch die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl im April 1986 provozierte zunächst Hilflosigkeit und manche Überreaktion. Besonders die inadäquate Informationspolitik der osteuropäischen Regime führte jedoch zu massiven Vertrauensverlusten bei der Bevölkerung. Die in der Atomkraft symbolisierten Versprechen in die Zukunft erwiesen sich als baufällig und die Regierungen als unfähig, ihre Bevölkerungen zu schützen. Das Ereignis bereitete die politischen Umstürze der Jahre 1989 bis 1991 entscheidend mit vor.

Wo immer die Ursachen von Katastrophen komplex sind, wuchern Verschwörungstheorien und bieten sich einfache Erklärungen an. Sie sind gerade deswegen so erfolgreich, weil unser risikominimierter Alltag noch immer auf ungeheuren Verdrängungsleistungen beruht. Und die können durch terroristische Akte oder die Verbreitung von Gerüchten rasch brüchig werden.

Viele Infrastrukturen versorgen uns einerseits mit allem Lebensnotwendigen wie Wasser, Kraft oder Informationen. Andererseits ermöglichen sie die Befriedigung solcher Bedürfnisse wie Neugier, Unterhaltung und Zerstreuung. Die Kennzeichnung als „Infrastruktur“ signalisiert, dass irgendeine zentrale Stelle dafür sorgen soll, dass diese Einrichtungen funktionieren, up-to-date gehalten und nach Möglichkeit auch weiter ausgebaut werden. Das ist inzwischen zu einem wesentlichen Maßstab für gute Regierung geworden. Umgekehrt erzeugt der Rückbau von Infrastrukturen die ungute Empfindung, als nicht mehr zukunftsfähig zu gelten.

Kontakt als Chance und Gefahr

Wie ist diese Zentralität von Infrastrukturen zu erklären? Unsere westlichen Gesellschaften sind seit mehr als zweihundert Jahren darauf aus, einen zirkulativen Imperativ zu verwirklichen. Sie haben sich nun eine Zeitlang heruntergebremst, indem sie alle entbehrlichen Anlässe, vor die Tür zu gehen, reduzieren. Dabei steckt in der allseitigen Rastlosigkeit, die unsere westliche Gesellschaft spätestens seit dem 18. Jahrhundert erfasst hat, die bürgerliche Utopie eines möglichst engen Sozialkontakts.

Erwartet wird, dass durch die frei gewählte Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher Fähigkeiten und unterschiedlicher Bedürfnisse Handel und Wandel entstehen, Kreativität freigesetzt, vielleicht sogar der Weltfrieden befördert wird.

Unter den momentanen Vorzeichen finden jedoch alle diejenigen Gehör, die es eher andersherum sehen. Sie nehmen vornehmlich die Gefährdungen des Kontakts und der Partizipation wahr, statt deren Möglichkeiten. Weil die gegenwärtige Pandemie in ihren Dimensionen kaum Erfahrungswissen für sich beanspruchen kann, überlassen wir es gern den „Experten“ zu definieren, was nun geht und was nicht.

Infrastruktur wird dabei in zweifacher Weise zu einer „kritischen“. Erstens werden die öffentlichen Räume der Zirkulation und der Begegnung nun zu problematischen Ansteckungsherden. Zweitens muss diejenige Infrastruktur geschützt und aufrechterhalten werden, ohne die eine moderne und arbeitsteilig organisierte Gesellschaft nicht zu überleben vermag. Das dazu gehörige Personal hat nun freilich ein Übermaß an Lasten und Gefahren zu tragen.

Nationale Zuständigkeiten in Zeiten der Globalisierung

Solange dies noch funktioniert, kann der Rest der Bevölkerung sogar etwas aufatmen, sich eine Zeitlang aus den Zwängen der Termine und der Suche nach den nächsten Anschlüssen herausnehmen. Zumindest für die analogen Infrastrukturen können sie praktizieren, was der Medienwissenschaftler Guido Zurstiege zuletzt „Taktiken der Entnetzung“ genannt hat. Dabei merken wir auch, was alles in unserem ansonsten überfrachteten Alltag ohne Not fortgelassen werden kann. Jetzt zeigt sich überdeutlich, welche Einrichtungen als „systemrelevant“ und überlebenswichtig gelten müssen, welche dagegen eher der Steigerung unserer Lebensqualität dienen.

Das gilt natürlich nicht für das Netz aller Netze, das Internet. Ein Digital Detox machen wir nun gerade nicht, im Gegenteil. All diejenigen, die selten an ‚Zimmermeisen’ leiden, mögen dabei in ihrer Annahme bestärkt werden, dass es zu Hause eben doch am schönsten ist. Es bleibt abzuwarten, was nach dem Abflauen der Krise überhaupt restituiert wird: Wird die soziale Distanzierung in manchen Facetten beibehalten? Wird man sich mittelfristig wieder die Hände schütteln?

Die Erfahrung früherer Katastrophen und Krisen zeigt, dass man so rasch wie möglich zu alten Routinen zurückkehren wird – schon weil es anstrengend genug war, die Krise zu überstehen und Einsicht zu zeigen. Nur wenige werden geneigt sein, nun weitere Neuerungen oder Einschränkungen ihrer Freiheiten auf sich zu nehmen. So deutete es 1973 auch der Smog-Film an.

Relativ stabil

Die Soziologin Eva Barlösius hat jüngst festgestellt, dass sich am Ensemble der Infrastrukturen gesellschaftliche Diagnosen stellen lassen. Was also sehen wir? Die gegenwärtige Lage ist sicher eine nachdrückliche Bestätigung für die tatsächlich bereits erfolgte Globalisierung in unserem Alltag. Die Schutzmaßnahmen greifen mit geringen zeitlichen Verzögerungen nahezu weltweit. Was auf den ersten Blick nach einer Rückkehr zu nationalen, regionalen oder lokalen Alleingängen aussieht, ist wohl eher der „subsidiären“, also abgestuften Zuständigkeit zuzuschreiben, die eine solche ungreifbare Gefährdung fast notwendig mit sich bringt. Tatsächlich folgen fast alle Gemeinden, Städte, Regionen und Nationen den international etablierten Standards der Gesundheitsvorsorge.

Auch die Kommunikation ist bislang relativ stabil und vergleichsweise homogen, mit deutlichen Vorteilen bei den sogenannten Echtzeitmedien. Frühere Epidemien waren teilweise durch Informationsverzögerungen mitbedingt und deutlich verschärft worden. Auch das macht eher optimistisch.

Allerdings erweist sich jetzt auch eine soziale Schichtung, die mit der Umcodierung unserer Infrastruktur verbunden ist. Das gilt gerade für diejenigen, die in der zirkulativen Welt bislang weitgehend auf eigenes Risiko surften und die jetzt vollkommen berechtigte Existenzängste haben. Die weiteren Folgen solcher und anderer nicht intendierten Seiteneffekte sind bei einem derart gravierenden Eingriff in die hochkomplexe Gesellschaft der Gegenwart kaum abzusehen.

Der Exekutive und den Wirtschafts- und Gesundheitsexperten auf dem Fuß werden nun die übrigen Wissenschaftler tätig werden, um diesen außergewöhnlichen Vorgang mit seinen seltsamen Beschleunigungs- und Bremsprozessen wenigstens rückblickend zu verstehen. Nur eines ist sicher: Unsere Gesellschaft wird sehr bald wieder auf Hochtouren drehen.

Dirk van Laak arbeitet an der Universität Leipzig als W3-Professor für Deutsche und Europäische Geschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts. Der Text erschien zuerst auf dem ReCentGlobe-Blog seiner Universität

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06:00 23.04.2020

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