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Trocken VW schießt in Mexiko auf Wolken. Bauern beklagen Ernteausfälle
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Der Konzern hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet. Bei so gottgleicher Draufsicht ist Wettermachen der nächste logische Schritt

Foto: Jose Castanares/AFP/Getty Images

Volkswagen will nicht, dass noch mehr Journalisten kommen und sich den Stein des Anstoßes ansehen. Oder besser gesagt: die mehrere Meter hohe, trichterförmige Maschine, die auf einem Fabrikgelände in Puebla zwischen Tausenden von funkelnagelneuen Geländewagen steht. Und die für einen verheerenden Dürresommer in der Gegend verantwortlich sein soll.

Deshalb hat der deutsche Autobauer neben der Fabrik in Puebla, etwa 700 Kilometer südöstlich von Mexiko-Stadt, einen Graben in den eigentlich öffentlichen Feldweg gerissen, einen Meter tief. So sollen keine Autos mehr bis zu der Stelle am Maschendrahtzaun vorfahren können, von der aus man die sogenannte Anti-Hagel-Kanone sehen kann.

Alle paar Sekunden ein Knall

Genützt hat es wenig. Seit Anfang August berichteten zahlreiche mexikanische und deutsche Medien über die Kanone, die ein Gemisch aus Sauerstoff und Acetylen-Gas zur Explosion bringt und damit einen lauten Knall abfeuert, sobald sich am Himmel dunkle Wolken zusammenbrauen. Dadurch sollen diese aufgelöst und die in dieser Gegend Mexikos besonders häufigen Hagelschauer vertrieben werden, die laut VW allein 2016 Schäden in Höhe von 17 Millionen Euro an Neuwagen verursacht haben, die vor dem Werk geparkt waren. 2017 hat die Werksleitung die Hagelkanonen einrichten lassen, und seit Mai diesen Jahres wird die Technik der Wettermanipulation nun massiv eingesetzt. Seitdem klagen die Bauern in der Region über Dürre.

Die Maisfelder von Francisco Clemente liegen nur wenige hundert Meter Luftlinie von einer der Kanonen entfernt, im kleinen Ort La Resurrección. „In unserem Dorf leben wir alle von dem, was der Boden uns gibt“, sagt der 58-jährige Landwirt. „Normalerweise ernten wir auf einem Hektar etwa vier bis sechs Tonnen Mais. Davon essen wir, und was übrig bleibt, verkaufen wir. Mit der Dürre dieses Jahres haben wir aber so gut wie alles verloren.“ Für ihn und die anderen Bauern aus La Resurrección ist der Verantwortliche für die Trockenheit klar. „Die Regenwolken kommen immer vom Vulkan La Malinche, den man von der Stadt aus gut sehen kann. Sobald es da dunkel wird, beginnt VW wie verrückt in die Luft zu feuern, alle sieben Sekunden ein Knall, und das für zwei Stunden, und dann sind die Wolken verschwunden“, erzählt Francisco Clemente aufgebracht.

Von angeblichen Entschädigungsangeboten seitens VW, die es laut mexikanischer Presse gegeben haben soll, wissen er und die anderen Landwirte in La Resurrección nichts. „Mit uns hat die Firma nicht gesprochen. Und jedes Mal, wenn wir versuchen, die Schallkanone zu filmen, um zu zeigen, wie schnell sie die Wolken vertreibt, kommt der Wachschutz und vertreibt uns mit Beschimpfungen und Drohungen“, berichtet Francisco Clemente.

Die Campesinos sind sauer

Auch im etwa 30 Kilometer entfernten San Francisco Totimehuacán sehen sich die Bauern als Opfer der Umweltmanipulationen des deutschen Autobauers. Óscar Huey und Herón García stehen inmitten ihrer komplett ausgetrockneten Felder. Wütend hält Óscar Huey einen mittelfingergroßen Maiskolben in die Höhe. „Hier hätten wir schon vor zwei Wochen ernten sollen. Aber seit Anfang Mai hat es nicht geregnet und jetzt haben wir unsere ganze Ernte und alles, was wir in diesem Jahr in unsere Felder investiert haben, verloren.“

Obwohl die Gemeinde nicht in der Nähe des VW-Werks liegt, wo die Schallkanonen eingesetzt werden, sind sich die beiden sicher, dass diese für die Dürre verantwortlich sind. „Wir kennen den Regenzyklus hier genau. Und die Zeit zwischen Mai und August ist extrem wichtig für den Anbau. Natürlich gibt es manchmal trockenere Jahre. Aber dass es 60 Tage am Stück keinen Regen gibt, obwohl der Himmel immer wieder komplett von dunklen Regenwolken bedeckt ist? Das haben wir noch nie gehabt“, sagt Herón García.

Deshalb bereitet García eine Klage vor, mit der er von VW ein Ende des Einsatzes der Schallkanonen und Entschädigungszahlungen für die verlorene Ernte einfordern will. „VW geht es wie allen multinationalen Konzernen nur um Gewinn. Um ihre Autos vor dem Wetter zu schützen, verändern sie sogar den natürlichen Zyklus, der doch erst das Leben auf dieser Erde möglich macht“, sagt García kopfschüttelnd.

Dabei genießt der Konzern aus dem niedersächsischen Wolfsburg in Puebla eigentlich einen guten Ruf. Seit mittlerweile mehr als 50 Jahren gehört VW fest zur viertgrößten Stadt Mexikos. Mit mehr als 17.000 Angestellten und 460.000 hergestellten Autos pro Jahr ist das mexikanische Werk der wichtigste VW-Standort außerhalb Deutschlands. „Die Präsenz von VW ist wesentlich für die lokale Wirtschaft“, sagt Patricia Gutiérrez, Journalistin der linken Tageszeitung La Jornada. „Das heißt aber auch, dass VW großen Einfluss in der Stadt hat. Früher gab es manchmal Auseinandersetzungen mit der Gewerkschaft, aber an größere Skandale kann ich mich nicht erinnern. Diese Sache könnte zu einer echten Bewährungsprobe für VW in Puebla werden.“

Mittlerweile gehen mexikanische Medien von bis zu 10.000 betroffenen Bauern aus. Die Reaktion von Volkswagen war zunächst eher verhalten. Einen Tag nach einer Straßenblockade vor dem VW-Werk durch wütende Bauern am 8. August veröffentlichte der Konzern die einzige Pressemitteilung zu dem Thema. Darin erklärte VW angesichts der Proteste, die Schallkanonen solle nur noch manuell und im Fall von akut drohendem Hagel eingesetzt werden. Zudem kündigte der Autokonzern an, in Hagelnetze über seinen Parkplätzen zu investieren, behielt sich jedoch zugleich den Einsatz der Schallkanonen als weiteres Mittel gegen den Hagel vor.

Ende August hat es wieder geregnet in Puebla. Die Dürre scheint vorbei zu sein. Doch der Konflikt zwischen den lokalen Bauern und dem deutschen Autokonzern ist damit noch lange nicht beendet. „Wir fordern die Rücknahme der Genehmigung durch die Staatsregierung von Puebla“, sagt Francisco Clemente aufgebracht. „Die sollen einfach ein Hagelnetz spannen.“ Auch der Lokalpolitiker Rafael Ramírez setzt sich für die Zurücknahme der Genehmigung ein. „Es gibt andere Wege, die Autos zu schützen, die nicht in den natürlichen Kreislauf eingreifen. Hier darf die Regierung keine Zugeständnisse an VW machen, sondern muss sich auf die Seite der mexikanischen Bauern stellen“, fordert er.

Anfang Oktober wurde in lokalen Zeitungen berichtet, dass VW bei den zuständigen Behörden einen Antrag auf Erlaubnis für ein Hagelnetz gestellt hat, das den Einsatz der Schallkanone überflüssig machen soll. Es scheint, als hätten der öffentliche Druck und die Beschwerden der Bauern Früchte getragen.

Dabei ist alles andere als klar, ob die Hagelkanone überhaupt eine Wirkung hat. In einem dreiseitigen Gutachten vom 23. August, das die Nationale Autonome Universität Mexikos (UNAM) extra wegen des Konflikts in Puebla anfertigen ließ, kommen zwei Wissenschaftler zu dem Schluss, dass es keine gesicherten Beweise dafür gebe, dass die Hagelkanone überhaupt einen Effekt hat.

Für die betroffenen Bauern ist das Gutachten wenig überzeugend. „Wir haben unser ganzes Leben lang Landwirtschaft betrieben. Wir wissen aus unserer Erfahrung heraus genau, wann es regnet und wann nicht“, meint Herón García aus Totimehuacán. „Wir brauchen mehr Untersuchungen zu dem, was genau diesen Sommer hier passiert ist.“

Deshalb dürfte es für VW trotz des späten Einlenkens in den nächsten Wochen und Monaten unbequem bleiben. In den mexikanischen Medien ist von ersten Forderungen über 3,2 Millionen Euro Entschädigung zu hören. Wie viele derartige Klagen auch immer darauf noch folgen, sicher ist: VW hat in diesem Sommer viele Sympathien in Mexiko verspielt.

Alexander Gorski arbeitet als freier Autor in Mexiko-Stadt

06:00 06.11.2018

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