Banale Kritiker

Medientagebuch Vom Orchester zum Solo: Das Aufklärungsritual namens Literarisches Quartett hat abgedankt

Mynheer Peeperkorn? Schon mal gehört? Was sagt Dir der Name?" Die drei angetrunkenen Jungs mit den falsch herum aufgesetzten Kappen, die im Nachtbus vom Grunewald nach Kreuzberg vergangene Woche die neu eingestiegenen Fahrgäste mit einem geheimnisvollen Quiz malträtieren, sind sich ihres Überraschungseffektes gewiss. Eine alte Frau schaut starr aus dem Fenster. Sie hat es schon hinter sich. Mit verschlagenem Gesicht schauen die drei jetzt mich an. Und warten auf das Schulternzucken. Die Ärmsten konnten natürlich nicht damit rechnen, dass ein Literaturredakteur einsteigt. Ich runzele die Stirn, simuliere angestrengtes Nachdenken und murmele dann beiläufig "Zauberberg". Das magische Wort. Jetzt sind sie baff. "Echt Sahne. Respekt, Alter", staunen sie. Lässig lehne ich mich zurück und verzichte auf vertiefende Nachfragen.

Die bizarre Szene nächtens im ÖPNV beweist natürlich gar nichts. Aber sie ist viel zu schön, als dass man sie sich als Beleg für die These entgehen lassen könnte, dass Marcel Reich-Ranickis geliebte deutsche Klassik auch ohne das Literarische Quartett überleben wird. Seines Schlussplädoyers für den Ersatzgott Numero Eins aus Weimar in der letzten Runde vergangenen Freitag im Schloss Bellevue hätte es womöglich gar nicht bedurft. "Ich sage nur Pisa!" schien Bundespräsident Johannes Rau den versammelten Bildungsbürgern zuzurufen, die es sich da im milde belichteten Klassizismus des bescheidenen Bürgerolymps zwischen Gotthard Graubners gut gepolsterten Kissenbildern gemütlich gemacht hatten. Doch wenn schon ein paar abgefeimte Streetkiddies den Ersatzgott Numero Zwo des fidelsten Kritikergreises als semiotische Abstandswaffe nutzen, ist vielleicht doch noch nicht alle Hoffnung auf die deutsche Lese-Kultur verloren.

Die Beförderung ins Bellevue war sozusagen der Hosenbandorden für die deutsche Literaturkritik. Und für einen ihrer Mitbegründer. Mit der sprachkräftigen Hilfe dieses polnischen Juden deutscher Geistesnation hatte sie sich aus der Gosse des Nachkriegs nach oben gearbeitet. Und auf dem Höhepunkt ihrer telegenen Ausstrahlung hat ihr bekanntester Ausleger die Größe bewiesen, rechtzeitig Schluss zu machen. Zwar war es ihres Übervaters einsamer Entschluss. Doch der war eine der klügsten Entscheidungen der Pop-Geschichte. Man muss das Objekt der Begierde bekanntlich verklären, bevor es zum Gespött seiner selbst herabsinkt. Das hat das Quartett den Rolling Stones voraus. Schon überwuchern das Kleeblatt auf allen Kanälen und Hinterbühnen Epigonen und Persifleure. Bei den Beatles war es genauso. Spätestens seit sie die Queen in den Buckingham-Palast gebeten hatte, war ihr revolutionärer Nimbus dahin. Auch für das Quartett wird gelten: Als Erinnerung sind die vier mächtiger, als sie es als Rentnerband je hätten werden können.

Trotzdem war das Bellevue-Finale nicht das schlechteste Symbol. Mit seiner Einladung hatte Johannes Rau das Ritual der Selbstaufklärung der bürgerlichen Gesellschaft zwar irgendwie verstaatlicht. Aber auch noch einmal explizit zur Staatsraison erhoben, wo es sich in den letzten Monaten mehr als einmal zur Selbstverdunkelung zu neigen schien. Leicht erhöht saßen vier Souveräne an der Stelle, von der sonst ein Staatsoberhaupt resonanzarme Ansprachen hält. Um so schwerer wiegt, dass das Kammerorchester der vielen Stimmen nun zu einem polemischen Trompetensolo schrumpfen soll. Hans Castorp saß einst im Davoser Lungensanatorium Berghof noch vor der Attraktion des Hauses, einem Plattenabspielgerät mit dem schönen Namen "Polyhymnia". Fortan soll MRR ohne Einspruch der Sekundanten seine Statements zur geistigen Situation im Lande über das Medium bellen, ohne dass Literaturkritik kaum noch denkbar ist.

Wem das nicht behagt, kann sich mit der Erinnerung trösten. Spätestens nächste Weihnachten kann man sich bei Feuerzangenbowle im Freundeskreis die CD-Rom mit allen Quartett-Folgen in den DVD-Player einlegen. Die Sendung ist auf dem Weg zum Retro-Klassiker wie einst die erste deutsche Science-Fiction-Serie Raumpatrouille oder die Tagesschau von 1971. Die letzte Ausgabe wird nicht zu seinen Höhepunkten zählen. Zwar setzten die Diskutanten ihre Argumente so abgewogen, dass die seitlich auf der Lauer liegende Kamera Mühe hatte, im Publikum die üblichen Reflexlacher auf Ranickis kalkulierte Eruptionen einzufangen. Als ob die vier nach den jüngsten Aufregungen um Ulla Hahn und die Prosafähigkeit der Lyrik beweisen wollten, dass es auch ohne großen Theaterdonner ginge, parlierten die Argumentefischer so hin und her. Doch spätestens, wenn der Chefdompteur mit seinem Standardparadox: "Ich bin mit allem einverstanden. Aber ich finde das Buch fabelhaft" die Mehrheitsmeinung der Runde medienwirksam ins Gegenteil verkehrte, schnappte die Falle der postkritischen Rhetorik wieder zu. Auf diese Taschenspielertricks wartet man seit Jahren wie auf Keith Richards abgegriffene Gitarren-Riffs - Signal zum Fall in die Rockstarre beim Auftakt jedes Stones-Konzerts. Danach folgt Ranickis Klageritual, dass sich die deutsche Gegenwartsliteratur hinter juvenilen Erzählern verstecke. Sehr weit kommt Ranicki aber auch nicht hinter der Denkmalstrias Goethe, Kafka, Mann hervor. Zum Ritual gehört seine Klage über die vielen "banalen Bücher", die man ihn zu lesen gezwungen hatte. Aber eigentlich waren für einen Abend die Kritiker die Banalen. Die einen mochten Durs Grünbeins gelehrsam zum Tagebuch aufgehäuftes Strandgut des Humanismus. Die anderen eben nicht. Begründungen zur Regelpoetik aber suchte man vergebens. Stattdessen wurden mit Donnergebärde Trostpflästerchen aus der literaturkritischen Hausapotheke verteilt: "Das ist nicht die schlechteste Literatur, die Mitleid hervorruft." Durch die Abitursprüfung wären die Herrschaften mit ihrem atemlosen Staunen über Goethes Jugendwerk nicht gekommen. Zum Fall Grünbein dekretierte der Chef schließlich: "Tagebücher sind einfach Krampf. Wenn einer nichts kann, schreibt er Tagebuch." Oder lässt sich beim Literaturpalaver filmen. Für diese Dampfplauderei braucht man keinen Zauberberg im Scheinwerferlicht. Dafür reicht schon ein schlecht beleuchteter Doppeldecker.

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00:00 21.12.2001

Ausgabe 43/2021

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