Bange Herzen

Medien Unsere Kolumnistin stellt sich vor: Zwei Intendanten beim Papst (Director’s Cut)
Bange Herzen
Und vergib uns unsere Rundfunkgebühr, denn auch wir vergeben unseren Zuschauern

Foto: Imago/Ulmer/Lingria

„Papst würdigt öffentlich-rechtlichen Rundfunk“, hieß es kürzlich in einer knappen Meldung beim ZDF. Die Sender seien „Bollwerke, die für Freiheit und Menschenwürde stehen“. Übervoll des Lobes scheint der Pontifex gewesen zu sein, als die Intendantinnen und Intendanten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten bei einer Audienz in Rom antraten. Dabei hätten die Chefs von ARD und ZDF sicher auch einiges zu beichten gehabt. Eine Glosse.

„Wir möchten in Demut und Reue unsere Sünden bekennen“, hebt der ZDF-Intendant an. „Sprecht, Brüder“, sagt Franziskus. „Was bedrückt euch?“ Die beiden Senderchefs blicken auf das Holzgitter des Beichtstuhls. „Habt keine Scheu. Der Allmächtige weiß ohnehin, was euch quält.“

Der ARD-Vorsitzende räuspert sich: „Ich billige weiterhin, dass all die großartigen Dokumentationen in unserem Nachtprogramm versteckt werden. Wir strahlen jetzt zum Beispiel Wildes Herz aus. Über die Doku wurde viel diskutiert. Es geht um eine Punkband, vor allem um den Sänger und sein antifaschistisches Engagement. Aber wir wollen niemanden brüskieren. Deshalb gibt es in der Primetime vor allem Krimis, Quizshows, Kloster-Serien oder mittelmäßige Spielfilme.“ „Was ist falsch an Kloster-Serien?“, fragt der Papst. „Nichts“, entgegnet der ARD-Vorsitzende schnell. „Also, nicht grundsätzlich, aber wir könnten schon kritischer sein und die Menschen häufiger dazu anregen, sich mit dem ein oder anderen unbequemen Thema auseinanderzusetzen, statt sie an vielen Abenden nur zu berieseln.“

Bevor der Papst etwas entgegnen kann, hebt auch der ZDF-Intendant an: „Das Problem ist die Quote. Wir schielen zu sehr auf die Quote, Vater. Und ehrlich gesagt freue auch ich mich jeden Monat wieder, wenn wir verkünden können, dass wir höhere Marktanteile hatten als die ARD. Entschuldige bitte, Uli.“ „Aha“, sagt der Papst. „So ist das also. Hochmut treibt euch an, nicht nur das Bestreben, euren bescheidenen Beitrag zur individuellen und öffentlichen Meinungsbildung zu leisten und so zu einem funktionierenden demokratischen Gemeinwesen beizutragen?“ Die beiden Männer schauen wieder zu Boden. „Ähm“, sagt der eine. „Manchmal vielleicht ein bisschen“, schiebt der andere hinterher. „Einsicht ist der erste Schritt auf dem Weg zur Läuterung“, lobt Franziskus. „Wie könnten Sie sich wieder dem Wesentlichen zuwenden?“

„Das ist ja das Problem, wir geben nach außen nicht gern Fehler zu, stimmt’s Thomas?“, beichtet der ARD-Vorsitzende. „Ja, ihr besonders nicht“, pflichtet der ZDF-Intendant bei und grinst. „Hättet ihr bei der Diskussion um euer Framing-Papier nicht so gemauert, hättet ihr weniger auf die Mütze gekriegt.“ „Komm, ihr mit eurem intransparenten Fernsehrat seid auch nicht besser“, zischt der Blonde. „Ihr veröffentlicht doch auch nur Infos, wenn ihr dazu gezwungen werdet.“ „Silenzio!“, ruft der Papst. „Allein Gott ist euer Richter. Nun betet eben 27 Ave-Maria und fünf Rosenkränze. Dann bin ich Euch los. Dio mio. Ego te absolvo a peccatis tuis …“

„Ach Thommy, das war doch gar nicht so schlimm“, sagt der ARD-Chef nach der Beichte grinsend. „Recht hast du, Uli. Lass uns die Ave-Maria doch eben drüben in der Chiesa di Santo Spirito beten. Dann ist das Gewissen wieder rein. Ich muss gleich noch die Sendeplanung absegnen. Jetzt, wo Rosamunde Pilcher den Löffel abgegeben hat, müssen wir Ersatz suchen …“

Nora Frerichmann, Jahrgang 1990, ist freie Journalistin. Sie berichtet über Medien- und Gesellschaftsthemen, unter anderem für den MDR und epd Medien. Sie schreibt fortan alle vier Wochen diese Kolumne

06:00 16.04.2019
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