Bangkok, Stadt der Frauen

Sextourismus In Thailand ist Prostitution allgegenwärtig. Thomas Feix merkt bereits an seinem ersten Tag, dass man sich ihr als westlicher Tourist nur schwer entziehen kann

Zum McDonald’s in der Silomstraße führte eine Freitreppe rauf. Ich setzte mich auf die oberste Stufe. Wie vorher am Einkaufszentrum Sukhumvit, Ecke 4. Straße, Ploenchit, Bangkok, nur dass ich jetzt ein Bier dabei hatte. Wieder kam ein Mann heran. Auch er nickte und lächelte, setzte sich zu mir. Er sah aus, als wollte er etwas sagen, wahrscheinlich dasselbe wie der Mann vorhin auf den Stufen zum Einkaufszentrum. Ob ich eine Frau will. Ich stand auf, trank das Bier aus und ging. Der Mann blieb sitzen.

Abends halb acht. Ich sah in die Straße rein, während ich ging, Hochbahntrasse, Autoströme, Leuchtreklame. Die Straße war lang, das Ende nicht zu sehen. Ich war am Anfang, ich überlegte. Ich könnte ins Hotel zurück. Dann fiel mir ein, dass ich mir ein neues suchen wollte, eines, bei dem die Fenster nicht von den Mauern der Nachbarhäuser verstellt sind.

Nach einer Weile ging ich in eine Seitenstraße. Keine Bars, Restaurants oder Geschäfte, keine Touristen, die kauften und guckten. Holzkohlerauch in der Dunkelheit, gelbes Licht aus Fenstern und Türen, Leute an den Tischen der Garküchen, kleine Tische, kleine Stühle. Knoblauch, Ingwer, gegrillter Fisch, die Leute aßen, tranken, unterhielten sich. Ich schmeckte den Geruch. Keine Experimente, sagte ich mir. Hast gerade Burger mit Pommes gehabt, wie gut. Burger und Pommes sind überall gleich.

Bring ihr Blumen, sag ihr, wie sehr du sie magst

An einem der Tische zwei Ausländer, weiße Haut, weißes Haar, dünne Körper. Ich trat auf sie zu, hallo, und fragte nach einem Hotel. Bangkok Travel Inn, sagte der eine. Einfach die Gasse runter, da stößt du drauf. Und wenn du eine Frau suchst, sagte der andere. Auch ganz einfach. Beide lachten. Setz dich, sagte der, der als erster gesprochen hatte. Nimm einen Drink. George, sagte er. John, sagte der andere. Australien. Und du? Deutschland? Aha.

Schnaps aus der Literflasche, Thaiwhisky, Marke Mekong, John schenkte ein. „Wenn dir eine gefällt“, sagte er, „sprich sie an. Bring ihr Blumen, sag ihr, wie sehr du sie magst. Sie wird mit dir gehen, verlass dich drauf.“ Er und George prosteten mir zu. Ganz einfach. Ich prostete zurück. So einfach. „Warte“, sagte George, „ich zeige es dir.“ Er meinte das Bangkok Travel Inn. „Habe ein Zimmer dort, seit 15 Jahren, John auch.“ Er nahm noch einen Schluck vom Whisky. John ging nicht mit.

Je näher George und ich dem hellen Licht am Ende der Gasse kamen, desto mehr wurde es ein Haus, und als wir davor waren, war es das Bangkok Travel Inn, schmutzigweiße Front, dunkel verglaste Fenster, es sah wie ein Bürohaus aus. Wir gingen rein.

Sterne am Himmel, Ratten am Boden

Alt roch es in der Lobby, staubig und alt. George grüßte die Frauen, die hinter der Rezeption waren. Er sagte etwas zu ihnen, das ich nicht verstand, fremde Sprache, die Frauen lachten. Es waren sechs. Welche Aufgabe sie hatten, war nicht zu erkennen. Alle hatten sie die Ellenbogen auf der Rezeption und hatten den Hintern rausgestreckt. Standen da wie eine Reihe Kühe am Futtertrog und sahen uns an. Eine von ihnen erhob sich von den Ellenbogen, drehte sich halb um, langte sich einen Schlüssel vom Haken und reichte ihn an George weiter. Dann fiel sie auf die Ellenbogen zurück.

„Da“, sagte George zu mir. „Such dir eine aus.“ Er machte einen Kussmund zu der, die ihm den Schlüssel gegeben hatte. Sie sah ihn an, als würde sie ihn verachten. „Siehst du“, sagte er, „sie mag mich. Die alle mögen mich.“ Wir gingen rauf in sein Zimmer. Rosa Übergardinen, kleines, schiefes Bett, kleiner, schiefer Fernseher. Wie die Lobby, staubig und alt, nur die Sicht zum Fenster hinaus ging, keine Mauer. Na, sagte George. Hmmm, sagte ich. Die Frauen waren immer noch da, alle sechs, auf den Ellenbogen, Hintern raus. Wie sie uns ansahen, als George und ich runterkamen.

Milde Luft draußen, nicht mehr heiß, es war nach neun. Sterne am Himmel, Ratten am Boden, hinter Müllsäcken, im Gebüsch. Ich wollte ein Taxi, ich wollte in mein Hotel. George sagte, dass ich zurück zur Hauptstraße müsste. „Man sieht sich“, sagte ich. „Yeah“, sagte George. „Viel Glück mit den Frauen.“ Er hob die Hand und ging zu John und zum Whisky zurück.

Zwischen den Wolkenkratzern der Horizont

Bis jetzt hatte ich einige Frauen gesehen, aber mit keiner von ihnen gesprochen, außer mit der am Touristenschalter des Flughafens. Sie hatte mir das St. James empfohlen, das Hotel, in dem die Fenster zu Mauern rausgehen und in dem ich jetzt wohnte. Das reichte, ich wusste Bescheid.

Dann war ich wieder auf der Hauptstraße, Silom, und da waren Taxis. Ich machte von einem die Tür auf, Beifahrertür, rauf auf den Sitz, Tür zu. Suchte die Karte des St. James, fand sie zusammen mit dem kleinen Prospekt, beides hatte mir der Portier zugesteckt. Ich hielt dem Fahrer die Karte hin, er machte Licht, kniff die Augen zusammen, buchstabierte, nickte. Dann fiel sein Blick auf den Prospekt mit den halbbekleideten Frauen drauf.

Er nickte noch mal, zeigte nach vorn. Ich nickte ebenfalls und zeigte nach vorn, ich glaube, ich habe noch „bestens“ gesagt. Wir fuhren los, in Richtung St. James, so hatte ich zumindest gedacht.

Rot die meisten Ampeln und dann die Staus. Dann ging es auf einmal schneller voran. Über tiefe Straßen fuhr das Taxi, über hohe Straßen, auf und ab. Hochhäuser, Wolkenkratzer, dazwischen der Horizont. So stellte ich mir Metropolen vor. Das Taxi bog um einige Ecken, dann wendete es scharf, bremste, wir waren da.

Ein Lächeln, das stetig und gut beleuchtet ist

Blick aus dem Fenster, grelle Lampen, breite Treppe, Leuchtschrift über zweiflügliger Tür: Pink Panther. Nicht mein Hotel, nicht St. James. Ich blickte auf den Prospekt, Pink Panther, stand da, und da waren die halbbekleideten Frauen. Wenn du schon mal da bist, sagte ich mir. Der Fahrer wehrte ab, als ich bezahlen wollte, er machte eine Handbewegung, die durch die Luft ging und hinter seinen Kopf. Klar, er wollte mich zurückfahren. Er zeigte auf meinen Regenschirm und auf die Kamera. Er will sicher sein, dass ich wiederkomme. Ich gab ihm beides, er legte es auf die Rückbank. Ich durfte aussteigen und ging die Treppe rauf.

Die Tür öffnete sich, beide Flügel, und ich war drin. Vorraum und dann ein Saal, Tische, Stühle und eine Bar, Stille, keine Musik. Am anderen Ende eine Glasscheibe, eine Glaswand, dahinter Stufen, mit rotem Samt verkleidet. Darauf zehn Frauen, bunte Kleider und ein Lächeln, das stetig und gut beleuchtet war. An der Schulter hatte jede Frau ein Schild mit einer Zahl.

Vor der Scheibe eine rote Schranke, rot auch der dunkle Saal. Ich blieb stehen, niemand da außer mir und den Frauen. Ich winkte ihnen zu und wandte mich zum Gehen. Da kam hinter der Bar ein Mann hervor, massig, groß, Chef. Als wären wir Freunde, alte Freunde, die sich lange nicht gesehen haben, so kam er auf mich zu, die Arme ausgebreitet, den Kopf vorgestreckt, als sähe er nicht richtig. Er griff nach meiner Hand und zog mich zu sich heran.

„Alle zehn. Ich weiß, dass du sie willst.“

Er zog mich weiter an einen Tisch, drückte mich auf einen Stuhl und setzte sich mir gegenüber, holte Block und Stift hervor und begann zu reden. Dass ich sein Freund bin, sein Bruder, dass er sich wie wahnsinnig über meinen Besuch freut. Er redete schnell, viele Gebärden, er hatte Ringe an den Fingern, und der Stift schimmerte golden.

Er wolle mir ein Angebot machen, sagte er. Ein Geschenk. Er war fast zu mir rübergekrochen. Zwei Frauen zum Preis von einer, eine Stunde lang. Aber nur, weil ich sein Freund bin, sein Bruder, und deshalb ist es kein Angebot, deshalb ist es ein Geschenk.

Ich sah die Frauen hinter der Scheibe, sah, wie müde sie wirkten, und dann sah ich ihn an. Ich sagte nichts. „In Ordnung“, sagte er. Er kroch zurück, beugte sich über den Block und beschrieb das Papier. Er winkte mich mit dem Stift zu sich ran, er hatte mir etwas mitzuteilen. Ich gehorchte, ich kroch fast zu ihm rüber. Geburtstag habe er heute, das war die Mitteilung. 60 Jahre, und ich als sein Freund, sein Bruder darf ihn nicht enttäuschen. Er zeigte mir den Block, zehn Kreuze untereinander, waagerechter Strich, darunter eine Fünf und zwei Nullen, dann Doppelstrich, eine Rechnung.

„Alle zehn“, sagte er. „Ich weiß, dass du sie willst.“ Er lehnte sich zurück, er triumphierte. „500 Dollar“, sagte er. „Und solange du willst.“ Er steckte das eine Ende des Stifts in den Mund. „Denk drüber nach.“ Er beobachtete mich. „Das Taxi“, sagte ich. „Ich muss.“ Jetzt lehnte ich mich zurück und legte dabei die Hände auf den Tisch.

"Wie schön sie sind"

„Oh“, sagte er. „Mein Geburtstag, und ich als dein Freund, dein Bruder, kriege kein Geschenk von dir?“ Er berührte mich an der Schulter. „Wie schön sie sind.“ Ich zeigte in Richtung Glas. „Sind sie nicht Geschenk genug.“ Die Frauen hinter der Scheibe bewegten sich. „Du machst mich sehr, sehr unglücklich“, sagte er. Er konnte sehr, sehr betrübt gucken.

Ich war an der Tür, er war mir gefolgt. „Ich komme wieder,“ sagte ich, „morgen schon, und das Geschenk, Freund, Bruder, vergesse ich nicht.“ Der Fahrer trat die Zigarette aus und verabschiedete sich von den Kollegen. Chef winkte hinterher.

Wir fuhren wieder hoch und runter, auf Straßen und unter Straßen hindurch. Die Ampeln kriegten wir jetzt bei Grün, dann fuhren wir durch kurvige Gassen, und ich dachte bei mir, das geht nicht gut. Ging es aber. Erst kam der Massagesalon mit den vielen Frauen, den hatte ich mir gemerkt, dann kam das St. James. 600 zeigte der Taxameter an, ich holte die Scheine raus, zog einen Tausender, zeigte mit den Fingern eine Acht. 200 wollte ich wieder.

Der Fahrer steckte das Geld ein, zeigte auf die Scheine in meiner Hand und zeigte auf sich. Ich zeigte auf den Taxameter, das verstand er, ich sah es an seinem Gesicht. Ich legte die Hand auf seinen Arm, er drehte sich weg und sah zum Fenster raus. Wie ein Paar, das Streit hat, er die Frau, ich der Mann.

Die Tür des St. James ging auf. „511“, sagte ich zum Portier, der derselbe vom Mittag war, da war ich angereist. Ich fuhr in die fünfte Etage rauf, froh, dass der erste Tag zu Ende war. Um zwei Uhr nachts das Telefon, Musik, Kichern, weibliche Stimmen, eine wollte was sagen. Ob ich eine Frau wolle wahrscheinlich. Ich legte auf.

Sextourismus in Thailand

Wenn in Europa und den USA Weihnachten näher rückt, beginnt für die Prostituierten Thailands die Hochsaison: Touristen, die den europäischen Winter fliehen, bedeuten Arbeit. Aus dem ganzen Land strömen Frauen in die Touristenorte (Pattaya, Chiang Mai, Phuket) und Bangkok.

Studien zufolge gab es 2004 rund 2,8 Millionen Sexarbeiter in Thailand (bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 65 Millionen Menschen), vermutlich ist beinahe die Hälfte von ihnen minderjährig. Trotz ihrer weiten Verbreitung ist Prostution gesellschaftlich geächtet. Ein weiteres Problem der Sexarbeiter ist die hohe Aids-Rate. Offiziell ist Prostitution illegal, geahndet werden Verstöße aber selten nicht zuletzt wohl deshalb, weil Prostitution, insbesondere Sextourismus, ein profitabler Wirtschaftszweig ist.

Bereits während des Vietnam-Krieges etablierte sich Thailand, neben den Philippinen, als beliebtestes Reiseziel für Sextouristen: Damals nahmen US-Soldaten auf Fronturlaub die Dienste thailändischer Prostituierter in Anspruch. Auch heute kommen die meisten Sextouristen in Thailand aus den USA, gefolgt von Briten und Deutschen. Als grundlegende Ursache für die weitreichende Verbreitung der Prostitution in Thailand und anderen südostasiatischen Ländern gilt die Armut. NJ

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13:00 11.12.2009

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