Bankgeheimnisse

Berliner Abende In diesem Urlaub haben wir eine Bank gebaut. Wir waren auf dem Land, wie die Städter zu sagen pflegen, und die Seeleute sagen an Land. Die Bank ...

In diesem Urlaub haben wir eine Bank gebaut. Wir waren auf dem Land, wie die Städter zu sagen pflegen, und die Seeleute sagen an Land. Die Bank sollte auf dem Hof stehen, an der Stelle, wo abends noch am längsten Sonne ist, mit Blick auf die Scheune und die einstige Waschküche, in der heute leere Bienenkörbe lagern. Die Bank sollte bunt sein, gelb und orange und so leicht, dass man sie auch vors Haus tragen kann, was wir nie tun werden, denn vor dem Haus ist die Welt zu Ende.

Bevor wir in den Urlaub fuhren, waren wir noch an einem frühen Donnerstagabend in Spandau, um uns des Vergnügens am Selberbauen und Streichen zu berauben und eine fix und fertige Bank zu kaufen. Fürs Land. Es war möglicherweise mein letzter Besuch bei IKEA, denn zum ersten Mal überfiel mich das Gefühl, aus dem Laden nicht mehr rauszukommen. Und die Bänke, die es im Angebot gab, sahen aus wie IKEA und nicht wie Land. Das ist eine diffuse Beschreibung, aber unsere Gefühle waren auch diffus, an diesem Vorabend. Wir hatten das Dorf vor Augen und IKEA im Blick und fühlten uns nicht wohl. Wir kauften nichts. Nicht mal 150 Teelichter.

In diesem Urlaub saßen wir also viele Abende auf der gelb-orangenen Bank und mühten uns tapfer, die Stadt zu vergessen. Es gibt Fotos, wie wir da sitzen und die Stadt nicht vergessen können. Nein, das sieht man nicht auf den Fotos. Man weiß es nur. Wir sehen aus, wie hingebeamt, nur der Skapander fehlt.

Nach dem Urlaub haben wir die Stadt wieder in unser Leben aufgenommen. Alles war wie vorher. Nur sehe ich mir jetzt genauer an, welche Menschen auf welchen Bänken sitzen. Ich versuche, sie zu zählen, wenn ich abends nach Hause gehe. Ich überlege, warum wer auf welcher Bank sitzt. Der Abend ist eine gute Zeit dafür. Im Sommer jedenfalls. Da sitzen viele ohne Not auf Bänken.

Auf dem Alexanderplatz gibt es vier, die für Liebespaare reserviert scheinen. Gleich dahinter kann man jetzt Basketball spielen. Vorne liegen Liebespaare, und hinten spielen Muskeln. Wer vorbeiläuft bekommt viel zu sehen. Eine Bank reicht für ein Paar, denn immer liegt jemand, den Kopf im Schoß des anderen, und guckt in den Himmel. Nackte Zehen, nackte Bäuche und nackte Schultern, große Wasserflaschen, Kekse und Äpfel. Bratwurst nie.

Um den verdreckten Springbrunnen herum, der jetzt eingezäunt ist, sitzen in zaunlosen Zeiten die anderen. Die keine Liebespaare sind, die nicht wissen, was sie jetzt als nächstes tun wollen, die Erschöpften und Verzweifelten, die jungen Machos mit den goldenen Ketten, übergroßen Uhren und weißen, weit aufgeknöpften Hemden, ein paar Biertrinker.

Noch mehr Biertrinker belagern die Bänke vor dem Kaufhof, misstrauisch beschaut von den Sicherheitsleuten an den Eingängen des Konsumtempels. Manchmal versucht einer von den Biertrinkern, das Kaufhaus zu betreten und wird noch vor der Glastür abgewiesen: Bitte gehen Sie zurück. Wat, ick darf hier nich rein, bin dir wohl zu dreckig? Bitte gehen Sie zurück. Du kannst mir nich verbieten, hier reinzugehen. Bitte gehen Sie zurück. Unsereins wird hier immer wie der letzte Dreck behandelt, wat hab ick dir denn jetan? Bitte gehen Sie zurück. Du bist ein Wichser in deiner Uniform, hol doch die Bullen, wenn du willst. Bitte gehen Sie zurück.

Die letzten Einkäufer vor Ladenschluss schlagen große Bögen um die Szene, drehen sich zehn Schritte weiter um und beschauen sich die Angelegenheit aus sicherer Entfernung. Irgendwann schlurft der Biertrinker wieder auf seine Bank zurück, pickt sich irgendjemanden aus den vorbeieilenden Leuten heraus - meist ältere Damen - um sein Leid zu berichten. Es geschieht schon hin und wieder, dass eine solche Dame stehen bleibt und eine Weile zuhört. Dann läuft der Biertrinker zu Hochform auf, redet die Dame mit »junge Frau« an und hört auf, zu berlinern.

Es gibt auf dem Alexanderplatz und auch sonst in der Stadt kaum bequeme Bänke. Man kann also keinen ganzen Abend sitzend auf einer Bank verbringen. Das hülfe nur dem Chiropraktiker. In Köln und anderswo sind die meisten neuen Bänke so konstruiert, dass man nicht auf ihnen liegen und deshalb auch nicht auf ihnen schlafen kann. Die Sitzflächen sind geteilt, als hätte man Stühle mit Armlehnen aneinander geklebt. Es gibt Aufsätze und Dokumentarfilme darüber, thematisch gefasst unter »Ausgrenzende Architektur«. So weit hat es die Bank gebracht. Sie ist ein Topos geworden.

Auf dem Land hatten wir kurze Zeit überlegt, ob wir einfach eine Bank von einem Friedhof klauen, bunt bemalen und auf den Hof stellen. Natürlich ist uns so etwas normalerweise fremd zu denken. Aber das Land macht einen kirre. Und auf Friedhofsbänken könnte man wirklich schlafen. Es hätte auch keinen Sinn, einen Friedhof zum Versuchsfeld für ausgrenzende Architektur zu erklären.

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00:00 14.09.2001

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