Bankrott den Ungläubigen

Strategie der Terroristen Al-Qaida führt seit 9/11 durch Anschläge und Guerilla-Operationen vorrangig einen ökonomischen Dschihad und ist damit erfolgreicher, als der Westen wahrhaben will

Als der britische Historiker Paul Kennedy 1987 sein epochales Werk Aufstieg und Fall der großen Mächte veröffentlicht, ahnt er nicht, dass er damit einmal eine strategische Blaupause für die gefährlichste Terrororganisation der Welt liefern würde. In seinem Buch prophezeit Kennedy, die beiden damaligen Supermächte, die Sowjetunion und die USA, könnten zusammenbrechen. Beide würden sich militärisch mehr zumuten, als sie sich wirtschaftlich leisten können.

„Imperiale Überdehnung“ nennt Kennedy dieses Phänomen, das später auch die Führungsleute von al-Qaida fasziniert. Vor allem Aiman Al-Zawahiri, der heutige Al-Qaida-Chef, sei von Kennedys Analyse fasziniert gewesen, schreibt Abdel Bari Atwan, Chefredakteur der in London erscheinenden Zeitung al-Quds al Arabi. Nach der Lektüre von Kennedys Buch soll Al-Zawahiri davon überzeugt gewesen sein, dass die USA den Höhepunkt ihrer militärischen und wirtschaftlichen Macht bereits überschritten hatten. Es bedürfe nur eines weiteren Anstoßes, um den Sturz der Schutzmacht Israels und der arabischen Regimes zu befördern.

Verwundbare Globalisierung

Osama bin Laden sah dies ähnlich. In einer Videobotschaft aus dem Jahr 2007 zitierte der Gründer von al-Qaida jenen „europäischen Denker“, der den Niedergang der Sowjetunion vorausgesagt habe. „Es würde Euch helfen“, rief er den Amerikanern zu, „wenn Ihr lesen würdet, was er über das Schicksal der amerikanischen Weltmacht schreibt.“ Bin Laden nannte keinen Namen, doch es ist klar, wen er gemeint hat: Paul Kennedy.

Was genau fesselt die Führungsleute von al-Qaida an diesem Buch? Was veranlasst sie, daraus ihre Strategie im Kampf gegen den Westen abzuleiten? Kennedy, ein britischer Historiker, der an der amerikanischen Yale-University lehrt, untersucht in seinem fast 1.000 Seiten starken Werk detailliert die Gründe, die zum Aufstieg und Fall von Weltmächten führen. Und genau darum geht es al-Qaida: um den Sturz einer Weltmacht. Kennedy analysiert dabei besonders die Veränderungen in der Wirtschaftskraft – ein Punkt, der für die spätere Strategie von al-Qaida von zentraler Bedeutung ist. Der Autor kommt zu dem Ergebnis: Wenn sich eine große Nation in zu viele Kriege stürzt, wenn sie ihre Macht stärker ausweitet, als ihr wirtschaftliches Potenzial dies hergibt, birgt dies zugleich die Gefahr des Sturzes in sich. So war es bei den Habsburgern, so war es bei Napoleon und beim Britischen Empire. Und so wird es – prophezeit Kennedy – auch den Vereinigten Staaten ergehen.

Genau hier setzen die Terroristen von al-Qaida an, sie machen sich Kennedys Erkenntnisse zu eigen, spitzen sie zu und bauen sie in ihre eigene Ideologie ein. Den islamistischen Terroristen geht es darum, jenen Prozess der „imperialen Überdehnung“, den Kennedy den USA voraussagt, zu beschleunigen. Und weil sie wissen, dass al-Qaida den USA und ihren Verbündeten militärisch niemals ebenbürtig sein wird, setzen sie auf eine perfide Doppelstrategie: Zum einen die westlichen Industrieländer mit ihren Anschlägen provozieren und in einen langen, teuren Zermürbungskrieg hineinziehen – einen kleinteiligen Guerilla-Konflikt an vielen Fronten. Vor allem aber wollen sie den Wohlstand der Amerikaner und Europäer sprengen und die wirtschaftliche Basis ihrer Macht ins Wanken bringen. Oder wie es Osama bin Laden bereits vor Jahren formuliert hat: Al-Qaida will die USA und ihre Verbündeten finanziell „ausbluten“ und „in den Bankrott treiben“.

An diesem Ziel wird bis heute festgehalten, wie Aiman Al-Zawahiri vor wenigen Monaten deutlich gemacht hat. Im März 2011, wenige Woche vor der Tötung bin Ladens, sagte er: „Auch wenn wir derzeit nicht in der Lage sind, Waffen herzustellen, die mit denen der Kreuzzügler mithalten, so können wir doch ihr kompliziertes Wirtschaftssystem und ihre Industrie ruinieren.“

Millionen von Jobs

Deshalb bomben die islamistischen Attentäter genau dort, wo unsere globalisierte Wirtschaft besonders verletzlich ist: Sie nutzen Flugzeuge als Waffen – und damit das wichtigste Verkehrsmittel der globalen Wirtschaft; sie zünden Bomben in jenen Pendlerzügen, die die Menschenmassen in den großen Metropolen zur Arbeit bringen; sie sprengen Pipelines und Ölförderanlagen in die Luft, attackieren Öltanker und Raffinerien – und damit jene Versorgungssysteme, die der Weltwirtschaft ihr wichtigstes Schmiermittel liefern: das Öl.

Die Terroristen zielen in dem Bewusstsein auf das Nervensystem der Globalisierung, hier den größtmöglichen Schaden anrichten und die Industrieländer an ihrer empfindlichsten Stelle treffen zu können. Schon mit den 9/11-Anschlägen zielten sie mitten hinein ins Herz der westlichen Wirtschaft: Die Terrorpiloten um Mohammed Atta trafen mit dem World Trade Center eines der zentralen Symbole des Kapitalismus. Auch in den Jahren danach wurden immer wieder Terrorpläne publik, die darauf zielten, Banken, Börsen oder Zentren des Handels zu treffen.

In den Vereinigten Staaten und Europa hat man diese Strategie bis heute nicht richtig verstanden. Immer noch hält sich bei Politikern, Medien und Sicherheitsbehörden die Auffassung, dass al-Qaida vorrangig darauf abzielt, die „Ungläubigen“ im Westen mit dem Islam zu überziehen. Tatsächlich jedoch geht es dem Terrornetzwerk darum, den wirtschaftlichen Niedergang des Westens zu beschleunigen. Wenn Amerikaner und Europäer hinreichend geschwächt sind – glauben die Strategen von al-Qaida –, werden sich die „Kreuzzügler“ aus der muslimischen Welt zurückziehen und die Despoten ihre Macht verlieren. Dann ist der Weg geebnet, in den arabischen Staaten einen islamischen Gottesstaat zu errichten. Der ökonomische Dschihad ist also Mittel zum Zweck.

Al-Qaida ist mit diesem Wirtschaftskrieg weitaus erfolgreicher, als es der Westen wahrhaben will. Mit ihren steten Attacken, mit Hunderten von Anschlägen in den USA, in Europa, in Asien und Afrika haben die islamistischen Terroristen im zurückliegenden Jahrzehnt Millionen von Jobs zerstört und Billionenvermögen vernichtet, sie haben mit ihren Bomben die Börsen erzittern und Aktienkurse abstürzen lassen, sie haben die Wirtschaft gelähmt und ihr zusätzliche Kosten auferlegt – nicht bloß Sicherheitskosten. Öl wurde teurer, der weltweite Handel gefährlicher, Fliegen riskanter, die Börsen labiler, weil die Unsicherheit in der Ökonomie durch den Terror gewachsen ist.

In Schulden versunken

Die islamistischen Attentäter haben damit entscheidend zur größten Wirtschaftskrise seit acht Jahrzehnten beigetragen. Sie haben den Westen – besonders die USA – gezwungen, sich nach dem 11. September 2001 mit sehr viel billigem Geld der Notenbanken, mit gewaltigen Steuersenkungen und Konjunkturprogrammen gegen eine Rezession zu stemmen, die es ohne die Anschläge in dieser Schärfe nicht gegeben hätte. Sie haben den Westen in einen Krieg gedrängt, der zermürbend und teuer ist, und in eine Politik der gigantischen Schulden getrieben. Eingeleitet wurde sie von jenem Mann im Weißen Haus, der den Anti-Terror-Feldzug begann: von George W. Bush. Kein anderer Präsident vor ihm hat derart ungeniert Kredite angehäuft – und dies, obwohl er von seinem Vorgänger im Jahr 2001 riesige Überschüsse geerbt hatte. Bush hielt die USA für unverwundbar und behauptete nach den 9/11-Anschlägen, die Wirtschaftskraft des Landes sei ungebrochen. Tatsächlich jedoch begann damals der schleichende Niedergang, den Paul Kennedy vorausgesagt hat. Nach den Kriegen in Afghanistan und im Irak, nach dem teuren Kampf gegen den Terror im eigenen Land und in aller Welt sind die USA heute ein Land, das in Schulden versinkt.

Natürlich konnten Osama bin Laden und die Terrorpiloten des 11. September nicht vorhersagen, welche komplexen Prozesse sie in Gang setzen würden, welche fatalen Fehler der westlichen Politik der Terror provozieren – und was am Ende dieser Prozesse stehen würde. Im Nachhinein ist das nicht entscheidend – entscheidend ist, dass al-Qaida die USA und ihre Verbündeten empfindlich treffen wollten. Und zwar ökonomisch, nicht militärisch.

Dass diese Strategie ausgerechnet aus den Ideen eines westlichen Historikers abgeleitet ist, mag verwundern. Andererseits ist es konsequent und erklärt sich aus der Geschichte von al-Qaida. Denn als Kennedys Buch 1987 erschienen ist, kämpfte Osama bin Laden gerade gegen die Sowjets, gemeinsam mit einer Truppe aus Mudschaheddin, die er in Afghanistan um sich scharte. Wie bedeutsam dieser Einsatz war, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen. Bin Laden war davon überzeugt, dass er maßgeblich dazu beigetragen hatte, die Rote Armee aus Afghanistan zu verjagen und damit das Ende der Sowjetunion zu befördern – jenes Ende, dass Kennedy auch in seinem Buch vorausgesagt hat.

Ulrich Schäfer ist leitender Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Sein Buch Der Angriff: Wie der islamistische Terror unseren Wohlstand sprengt ist soeben bei Campus erschienen. Mehr dazu unter http://blog.der-angriff.de.

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11:40 05.09.2011

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