Bärchen-Fieber

Bambi in Weiss Die Nürnberger Eisbär-Story als Symptom für den Mangel an guten Nachrichten

Bayern hat wieder einen Problembären - einen ganz kleinen. Das Bärchen hat im Gegensatz zum Titelverteidiger, dem ausgewachsenen Rüpel Bruno, eine gänzlich weiße Weste. Während dem wilden Braunbären Raub und Mord an Honigbienen und Kaninchen zur Last gelegt wurde und sein unberechenbares Verhalten ihn letztendlich das Leben kostete, haben den kleinen Eisbären im Nürnberger Zoo einfach alle lieb.

Keine zwei Jahre nach Bruno und gerade mal im Jahr eins nach Knut hat Deutschland einen neuen bärigen Medienstar: Der Rummel um Knut findet in Nürnberg eine Neuauflage, wenn nicht gar eine Steigerung. Reporter berichten für Nachrichtensendungen live aus dem Zoo, das Krisengebiet Eisbärengehege direkt hinter sich im Bild. Es menschelt gewaltig in der Berichterstattung um den Mini-Bären, dessen kurze Lebensgeschichte den in Naturverständnis an Disneys Bambi geschulten Menschen so nahegeht.

Zwei Eisbärenweibchen des Nürnberger Zoos, Vilma und Vera, haben in abgeschlossenen Wurfhöhlen jeweils mindestens ein Junges zur Welt gebracht. Nach wenigen Wochen waren Vilmas Jungtiere verschwunden - vermutlich von der Mutter aufgefressen. Zu dieser Form des Kannibalismus kommt es bei Raubtieren, wenn es sich für das Elterntier nicht lohnt, Energie in die Aufzucht der Jungen zu investieren, weil diese zum Beispiel krank sind. Was dem Menschen schaurig erscheint, ist ein biologisch sehr vernünftiges Recycling von Proteinen - immerhin leben Eisbären in der Arktis, einem Lebensraum, in dem Nahrung knapp ist und mühevoll gesucht und gejagt werden muss. Als kurz darauf die Bärin Vera begann, ihr Junges im Gehege herumzuschleppen, entschied sich die Zooleitung, den letzten überlebenden jungen Eisbären von der Mutter zu trennen und von Hand aufzuziehen. Bisher mit Erfolg: Das Sorgenkind der Nürnberger Tierpfleger - bei Bären überlebt nur jede zweite Handaufzucht - hält sich bisher wacker, schreit, zahnt und öffnet allmählich die Augen.

Während am Nordpol das Eis schmilzt und der Eisbär, Ursus maritimus, auf schwindender Scholle dem Tod durch Ertrinken oder Verhungern entgegentreibt, erweicht der junge, quasi-verwaiste Eisbär die Herzen der Menschen in der Stadt Nürnberg, dem Rest der Republik, ja, der ganzen Welt. Dass aus dem Bärchen einmal ein 300 Kilo schweres Raubtier mit den Ausmaßen eines Kleinwagens wird, nimmt das Publikum derzeit nicht wahr. Für Kontroversen zum Artenschutz eignet sich die Geschichte vom einsamen Tierkind auch nicht: Das Eisbärenjunge ist klein, weiß und plüschig. Es erfüllt alle Kriterien des Kindchenschemas. Wer jemals einen Teddybären besessen hat, sieht in dem kleinen Eisbären dessen zum Leben erwecktes Pendant. Es weckt auch im Laien den Trieb zur Brutpflege und dazu kommt die Geschichte von der Rabenmutter, die ihr Jungtier herumschleppt und fallen lässt. Schon sind die Tasten gedrückt, um alle Symptome des Bärchen-Fiebers auszulösen. Deutschland ist wieder im Eisbären-Rausch. Eisbären-Fans legen die eisbäreigene Website mit einer Fülle von Abrufen lahm, reichen für das Jungtier Hunderte von mehr oder weniger kreativen Namensvorschlägen ein und lassen die Besucherzahlen auch anderer Zoos in ungeahnte Höhen schnellen. Das Bärchen-Fieber ist das Symptom eines Mangels an guten Nachrichten. Her mit dem Happy end! Menschen mögen Märchen, Menschen mögen Bärchen, und der Bär soll wie Bambi sein. Deshalb beglücken die Bilder vom Eisbärenkind in seiner Schlafkiste, mit seinen ganz fest zugekniffenen Augen. Der menschliche Betrachter ist entzückt vom flaumigen Fell, den wohligen Grunzern, dem Schnarchen und der im Schlaf heraushängenden Zunge. Dazu macht das Eisbärenkind noch einige tapsige Bewegungen, als ob es träumte. Objektiv betrachtet alles Dinge, die auch ein ausgewachsener Hund tagtäglich tut. Aber der ist zu profan. Den kann man ja selber streicheln.

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