Barfuß durch die Wüste

Reformer Abdullah Die Fäulnis der Monarchie tilgen

Ibn Saud, der Wüstenkrieger, der 1932 die rebellischen Stämme der saudischen Halbinsel unterwarf und vereinte und sein Land in alter arabischer Tradition nach sich selbst benannte, hatte auch aufschlussreiche Auffassungen von Kindererziehung. "Ich gewöhne meine Kinder daran, barfuß zu gehen, zwei Stunden vor Sonnenaufgang aufzustehen, wenig zu essen, nackt auf Pferden zu reiten, den Koran, die Sunnah sowie die arabische Geschichte zu studieren", wird der erste König Saudi-Arabiens gern zitiert.
Solche Härte ist heute im ölreichsten Land der Erde nicht mehr vorstellbar. Die begüterten Prinzen des Herrscherhauses sind eher in Gucci-Mokassins durch klimatisierte Paläste unterwegs, als dass sie barfuß durch die sengende Wüste marschieren. Aber wenn einer der 37 Söhne des Staatsgründers die Lektion von einst gelernt hat, dann ist es Kronprinz Abdullah Ibn Abd al-Aziz. Er hält sich regelmäßig für Wochen in den Zelten seiner Beduinen auf, liebt das karge Leben in der Wüste und vor allem sture Disziplin.
1924 kam Abdullah als Sohn Fahdas - der achten von sechzehn Frauen Ibn Sauds - zur Welt. Seit 1962, als ihn der legendäre König Faisal berief, ist er auch Kommandeur der 60.000 Mann starken Nationalgarde, eine der heiligsten Institutionen des Königreichs, die aus den besten der kriegerischen Beduinen rekrutiert wird. Ohne diese Armee der Elite wäre die Staatsgründung durch Ibn Saud kaum denkbar gewesen.
Zwar dominiert der 77-jährige Abdullah schon seit längerem die Politik des Wüstenstaates, doch seit er nach König Fahds Hirnschlag vor sieben Jahren als offizieller Nachfolger die Regierungsgeschäfte übernommen hat, deuten sich in dem bislang in politischer Isolation und religiöser Tradition erstarrten Königreich Veränderungen an. Abdullah drängt auf die Mitgliedschaft Saudi-Arabiens in der Welthandelsorganisation (WTO) und tritt für eine Versöhnung mit dem Irak ein. In Interviews - auch dies ein Novum für saudische Politik - mit der New York Times sowie der Washington Post ließ Abdullah kürzlich keinen Zweifel an seinem Ärger über "die einseitige Haltung der USA" im Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis. Diese Politik "kann nicht verteidigt werden", hieß es. Washington habe die meisten Araber verärgert, weil es vor dem Mord an palästinensischen Zivilisten durch israelisches Militär die Augen verschließe. Abdullah: "Es sind Kinder, die durch israelische Kugeln getötet werden, Häuser werden zerstört, Menschen verhaftet, ganze Gebiete konfisziert, Frauen getötet. Kinder kommen an Kontrollpunkten der israelischen Besatzungstruppen zur Welt."
Solche Töne sorgen für Prestige in der arabischen Welt. "Es wird viel über Abdullahs vermeintlich antiamerikanische Haltung geredet", urteilt Gregory Gause, Direktor für Studien des Mittleren Ostens an der Universität von Vermont, "aber ich sehe das nicht so dramatisch. Noch immer sind US-Truppen auf der Prinz-Sultan-Basis südöstlich von Riad stationiert. Als das Königreich vergangenen Sommer ausländische Ölfirmen einlud, ihre Angebote für ein 50 Milliarden-Dollar-Gasprojekt zu unterbreiten, gingen die US-Unternehmen mit dem Löwenanteil nach Hause."
Ganz sicher ist Abdullah kein Befürworter einer Demokratie nach westlichem Muster. Auch wird er nicht den shador der Frauen lüften oder den Minderheiten gleiche Rechte einräumen. Dennoch sind seine inneren Reformen gemessen an saudischen Normen ein Erdbeben. Ohne viel Lärm zu veranstalten, versucht der Kronprinz, den Augiasstall der Korruption in der königlichen Familie auszumisten, den Prinzessinnen und Prinzen etliche ihrer sakrosankten Privilegien zu entziehen.
Schon verleumden ihn konservative Kritiker im Land, er wolle gar die Wahhabi-Traditionen aufheben, die seit dem 18. Jahrhundert das Leben auf der saudischen Halbinsel dominieren. Damals verbündete sich die al-Saudi-Familie mit Muhammad Ibn Abd al-Wahhab, einem entschlossenen Krieger, der eine der strengsten Formen des Islam predigte. Doch angesichts der Vorwürfe radikaler Moslems, die al-Saudis seien nur willfährige Randfiguren im globalen Spiel des Westens, könnte es durchaus sein, dass Abdullah mit seinen Reformen der richtige Mann zur richtigen Zeit ist, um die Stabilität seines Landes und die der Weltwirtschaft zu sichern, deren Funktionieren vom nahöstlichen Öl abhängt. Man könne Revolutionen nicht einmal in Saudi-Arabien ausschließen, schrieb der Christian Science Monitor, doch seien sie "höchst unwahrscheinlich, so lange Abdullah lebt".

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00:00 08.03.2002

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