Barrikade, rufende

KEHRSEITE Berliner Abende

"Hörst du, wie das Volk erklingt, von unsrer Wut erzählt der Wind. Das ist die Symphonie von Menschen, die nicht länger Sklaven sind." Graubärtige Herren in diversen Sportsware-Kombinationen, neben prima Muttis in praktischer Einsatzkleidung ("stürmisch - streitbar - siegessicher!"), offenbar kürzlich aus der Sklaverei befreit, wüten äußerst friedfertig das "Lied des Volkes" von der Bühne der "Arena" in Treptow, ein Ort, an dem sonst eher die von den Zersetzungsprozessen und der Fäulnis der ökonomischen, politischen und ideologischen Kräfte des kapitalistischen Gesellschaftssystems Angesteckten oder Verführten ihre Orgien feiern. Es ist der Ruhrchor unserer Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD), der, am Vorabend der jährlichen Gedenk-Demonstration für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die ordentlich gefüllte Halle auf die Rede unseres Parteivorsitzenden Stefan Engel einstimmt.

Die erste große Rede zur ersten großen Versammlung im neuen Jahrtausend, wenige Wochen nach Verabschiedung des neuen Parteiprogramms, beschlossen auf dem jetzt schon legendären Gelsenkirchener Parteitag, auf dem, unter den Augen des Weltproletariats, die Arbeit der MLPD "erfolgreich auf die Grundlage der proletarischen Denkweise umgestellt" worden war. "Vorwärts zu einem neuen Aufschwung des Kampfes für den echten Sozialismus!" heißt jetzt die Parole. Und wir erkennen sofort die Höherentwicklung der proletarischen Denkweise: vom "realen Sozialismus", über den "wirklichen oder wahren", zum nun endlich gesicherten "echten Sozialismus".

Die lieben Kleinen sind freundlichen Fachkräften zum "Basteln, Spielen, Parolen üben" übergeben, denn es wird ein paar Stündchen höherentwickelt werden. Die Parteijugend Rebell stellt ihr Rebellieren ein, leiser tröpfelt der Bierhahn: Der Vorsitzende tritt auf. "Hört ihr, wie das Volk erklingt, tief im Tal der Dunkelheit? Das ist die Symphonie von Menschen auf dem Weg in hell're Zeit." Und während das Volk zur selben Zeit, verstrickt in kleinbürgerliche Denkweisen, allüberall die grässliche Melodie "Benzin ist zu teuer, scheiß Ökosteuer!" aufspielt, halten wir fest: "Der Sozialismus ist die Zusammenfassung der fortgeschrittensten Ideen und Errungenschaften der Menschheit." Marx - Lenin - Stalin - dann, Gott sei Dank, in der Phase der revisionistischen Entartung, - der Genosse Mao Tse-tung. Und nun, nach dem vollzogenen Klassenverrat und der Restauration des Kapitalismus an allen Orten, der Vorsitzende Engel, der uns, wegweisend für alle revolutionären Parteien und von historischer Bedeutung für Klasse und Kampf des Weltproletariats, das Kettenglied zum Sieg über alle reformistischen und revisionistischen Anfechtungen der kleinbürgerlichen Denkweise in den Parteien der Avantgarde in die geballten Fäuste gedrückt hat: "Das umfassende System der Selbstkontrolle." Wenn das der 1992 verstorbene große Theoretiker der Partei, Willi Dickhut, noch hätte erleben dürfen!

"Jedes Herz schlägt, wie es kann, unsere Herzen trommeln laut. Alles fängt ganz von neuem an; wenn der Morgen graut." Schon sehen wir uns gebeugt über Kontrollformblätter, die Arbeit der Funktionäre bewertend, während oben das Zentralkomitee auf andersfarbigen Blättern nach unten kontrolliert und sich zur Kontrolle seiner Machtfülle nun auch noch einer Ebene funktionsloser Spitzenkontrolleure überantwortet. Und zusätzlich kontrolliere ein jeder sich selbst! Nieder mit der kleinbürgerlichen Denkweise! Ein tausendfacher Jubel der analen Charaktere wie aus einem Loch!

"Wenn die Barrikade ruft, dann weicht der Feind vor unserm Schrei." Frierend steht am nächsten Morgen ein paar Kilometer abseits vom Heldenfriedhof die proletarische Denkweise von Bullen gerahmt. Der bekannte Attentäter Jürgen Staps hat mit einem Attentat auf die Gedenkenden gedroht, weil ihm die PDS keine billige Wohnung besorgt hat. Der berüchtigte Staatsterrorist und Berliner Polizeipräsident Hagen Saberschinsky hat darauf das Gedenken verboten. Und im bewährten Zusammenspiel von Revisionismus und Reaktion haben sich die Verräter um Gysi, nach blutlosem verbalen Protest, wieder in die Betten gelegt, die Kopfkissen über die Ohren gezogen, um den Ruf der Barrikade nicht hören zu müssen, und Luxemburg und Liebknecht allein gelassen im kühlen Moder. Nur um die proletarische Denkweise unserer Marxistisch-Leninistischen Partei nicht in die Massen sickern zu lassen! Wirklich zum Kotzen, die kleinbürgerliche Denkweise. Für den Übergang zur Arbeiteroffensive!

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare