Barthaare von Fidel

Schweinebucht Vor 50 Jahren landeten Exilkubaner an der kubanischen Küste, um eine provisorische Regierung zu bilden und eine Intervention zum Sturz der Regierung Castro zu fordern

Während seiner Lateinamerika-Reise Ende März hat Präsident Obama in einer Rede, die er aus Chile an Lateinamerika richtete, gesagt: „Wir wanken nie in unserer Unterstützung für das Recht der Völker, ihre eigene Zukunft zu bestimmen, und das schließt das kubanische Volk ein.“ Aber er hat die Tour nicht benutzt, um – auf die explizite Frage eines Journalisten nach der Verantwortung Washingtons beim Sturz der Allende-Regierung 1973 – eine Entschuldigung gegenüber den Chilenen zu formulieren, und noch viel weniger, um sich von der bewaffneten Invasion seiner Vorgänger gegen Kuba zu distanzieren. Dabei hätte er einen passenden Anlass gehabt: Die Operation Pluto jährt sich in diesen Tagen zum 50. Mal.

Im Morgengrauen des 15. April 1961 waren B-26 am kubanischen Himmel aufgetaucht, mit kubanischen Hoheitszeichen, um kubanische Flughäfen zu bombardieren. Die Angreifer landeten danach in den USA und präsentierten sich als Deserteure der kubanischen Luftwaffe. Adlai Stevenson, US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, verklickerte der Presse und den UN-Delegierten die Geschichte und wies vehement jeden Verdacht einer Beteiligung seines Landes zurück. Es war die Zeit der verdeckten Operationen. Aber bei der Pressekonferenz in Miami fiel einem Journalisten auf, dass die präsentierten Maschinen keine Plexiglasnasen hatten wie die kubanischen B-26, sondern Metallnasen wie die US-amerikanischen.

Fidel Castro nutzte die geplatzte Story als Lektion. „Sind die nordamerikanischen Imperialisten so zynisch, wie das behauptet wird?“ „Sind sie solch ein Pack, solche Bösewichte? Oder ist das Übertreibung?“, fragte er auf der Trauerfeier für die bei den Angriffen gestorbenen sieben Landsleute. Es war der Moment, da er die sozialistische Revolution verkündete. „Sie können uns nicht verzeihen, dass wir vor ihrer Nase eine sozialistische Revolution gemacht haben.“ Sie konnten die Bodenreform nicht verzeihen, durch die US-Konzerne große Flächen und die Kontrolle über die kubanische Zuckerproduktion verloren hatten; die Nationalisierung des Elektrizitäts- und Telefonnetzes, des Eisenbahnverkehrs, der Ölraffinerien, der Bank- und Kreditinstitute, der Nickelanlagen, der Casinos, der Immobilien ...

Kennedys Fiasko

Zwei Tage später, am 17. April, beginnt die Operation Pluto. Grayston Lynch und William Robertson von der CIA leiten das Unternehmen. Die Brigade 2506 besteht aus 1.511 Exilkubanern, die in Florida und Louisiana, in Guatemala und Nicaragua von der CIA organisiert, trainiert und mit dem Ziel ausgerüstet wurden, in Kuba an Land zu gehen, einen Brückenkopf zu bilden, auf dem sich eine provisorische Regierung halten kann, und dann Hilfe aus dem Ausland zu fordern.

Das Gros der Truppe startet von Puerto Cabezas in Nicaragua, dessen starker Mann, Anastasio Somoza, sich ein paar Barthaare von Fidel bestellt. Auf sieben Schiffen geht die Reise zur kubanischen Küste. Begleitboote und Landungsfahrzeuge sind dabei, Schiffe der US-Marine ebenso, die aber nicht eingreifen werden. Die Angreifer landen in Playa Girón und Playa Larga, in der Schweinebucht, 165 Kilometer südöstlich von Havanna. Sie werden von Milizen entdeckt, bevor die Sache richtig beginnt. Von allen Seiten strömen die Leute Richtung Schweinebucht, behindern Armee und Milizen mehr, als ihnen zu nutzen. Bei der CIA hatte man die Ansicht der Castro-Gegner übernommen und sie gleichzeitig den kubanischen Massen unterstellt – so gingen die Drahtzieher des Komplotts davon aus, die Exilkubaner würden als Befreier empfangen werden. Nach 72 Stunden ist die Operation vorbei und gescheitert. Präsident Kennedy übernimmt öffentlich die Verantwortung für das Fiasko.

Die Weltmeinung in jener Zeit ist mit Kuba, Attraktion und Ansehen der Revolution wachsen. Aber die Geschichte bietet viele Möglichkeiten, die einem Land zum Verhängnis werden können. In diesem Fall hat sie ein kleines Volk über das Normalmaß hinaus ins Rampenlicht gehoben, auf die Weltbühne gestellt, ihm die Rolle des David gegen Goliath zuerkannt und es mit einem Anführer ausgestattet, der dafür die Idealbesetzung war: mutig und intelligent, mit sozialem Gewissen und überragenden Führungseigenschaften. Freilich auch ein „Soldat der Ideen“, wie sich Fidel Castro beschreibt, der von Wirtschaft nichts versteht und – statt das Mögliche zu suchen – keine Kompromisse gestattet. Schließlich spielt sogar die Geografie ihren Part: 90 Meilen vor den Toren der USA gelegen, galt die Insel im Kalten Krieg als Brückenkopf der Sowjetunion auf dem amerikanischen Kontinent. Und über den Kalten Krieg hinaus wird sie dafür bestraft. Oder vielmehr dafür, dass die Bewohner einen Traum hatten und den Anspruch, ihn zu realisieren.

Auf Kennedy folgen acht Präsidenten, die keine politische Verständigung mit Kuba anstreben; ausgenommen Jimmy Carter, dem die Regelung mit den gegenseitigen Interessenvertretungen zu danken ist. Andere verschärfen die Blockade wie Bush sen. 1992 mit dem Torricelli-Gesetz, das allen Filialen von US-Unternehmen in Drittländern den Handel mit Kuba untersagt und Handelsschiffen, die Kuba anlaufen, für die nächsten 180 Tage ein Anlegen in US-Häfen verbietet. Bush jun. reduziert 2004 sogar die Geldüberweisungen von in den USA lebenden Exilkubanern an ihre Familien drastisch und legt fest, dass sie nur alle drei Jahre auf die Insel reisen dürfen.

Barack Obama meinte in Chile, er habe in der Kuba-Politik seines Landes „die bedeutendsten Änderungen seit Jahrzehnten“ vollzogen. Die kubanisch-amerikanischen Emi­granten können ihre Familien wieder öfter besuchen und unterstützen, auch US-Bürgern sind Dollartransfers gestattet. Dies geschieht mit dem Ziel, „den Leuten in ganz Kuba eine gewisse ökonomische Hoffnung und mehr Unabhängigkeit von den kubanischen Autoritäten zu geben“, sagt Obama. Damit sind die Maßnahmen nicht auf eine Normalisierung der Beziehungen gerichtet, sondern gegen die Regierung in Havanna.

Damen in Weiß

Und Kuba kriecht noch immer nicht zu Kreuze. Die Blockade ist ein Teufelskreis; sie macht nicht nur Entwicklung nahezu unmöglich, sie verengt auch den Blick der Führung und der Massen auf die Realitäten; die einen verteufeln den Westen, die anderen glauben, dort sei alles Gold, was glänzt. Die Revolution hat inzwischen viel an Reiz verloren. Es scheint, als würden zwei bis drei Generationen ausreichen, um eine Idee verschleißen zu lassen, wenn sie nicht von innen lebendig bleibt, sprich: veränderungsfähig ist. Der seit 2006 regierende Raúl Castro versucht zwar mehr Flexibilität – die Freilassung der 115 Dissidenten, die zumeist nach Spanien ausgereist sind, ist ein Signal an die EU, die Beziehungen zu normalisieren, und das Bekenntnis zu privaten Wirtschaftsinitiativen ist ein Zeichen für die Bevölkerung –, aber darauf warten die USA nicht. Sie wollen den Regimewechsel. So verkündet Obama: „Wir werden weiterhin Wege suchen, die Unabhängigkeit des kubanischen Volkes zu erhöhen, es hat das Recht auf die gleiche Freiheit wie all die anderen in dieser Hemisphäre“. Und respektvoll erwähnt er in Chile las Damas en Blanco – „Damen in Weiß, die in schweigender Würde gehen“. Eine Anspielung auf Familienangehörige verurteilter Dissidenten, die sonntags – weiß gekleidet – durch Havanna ziehen, um auf die Lage ihrer Männer oder Söhne aufmerksam zu machen.

Dagegen ist nichts zu sagen. Es stellt sich aber – vielleicht absurderweise – eine Querverbindung im Kopf ein. Der US-Slogan, um die Welt nach dem eigenen Bilde zu formen, hieß zu Zeiten der Schweinebucht „Verteidigung der nationalen Sicherheitsinteressen“, heute nennt man das „Verteidigung der Menschenrechte“. Das ist einprägsamer, damit kann jeder einverstanden sein. Nur, braucht man dafür nicht in jedem Land, um das es im konkreten Fall gehen könnte, eine medienwirksame Opposition?

Waltraud Hagen ist Journalistin und Autorin von Fidel Castro: Eine Chronik

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15:00 20.04.2011

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