Bartsch, Dietmar

A–Z Die Erstellung von Dossiers über Parteivorstandsmitglieder verbuchte Genosse Dietmar B. als „vergleichsweise normalen Vorgang“. Unsere Zielperson der Woche
der Freitag | Ausgabe 41/2015 1
Bartsch, Dietmar
Foto: Uli Winkler/imago

A

Akte Mitte 2012 soll B., so berichtete die Tageszeitung Die Welt auf Basis zugespielter E-Mails, einen Gefolgsmann beauftragt haben, Akten über die 44 Mitglieder des Linke-Parteivorstands anzulegen. Diese seien dabei unter anderem in die Kategorien Z („Zuverlässig“), U („Unabhängig“) und L („Lafodödel“) eingeteilt worden. Während sich in der Linken schnell Unmut regte, sah B., der Mitte Oktober mit Sahra Wagenknecht den Fraktionsvorsitz übernehmen soll, die Sache gelassener. Er vermeldete, dass solch eine Kategorisierung auch in anderen Parteien „ein vergleichsweise normaler Vorgang“ sei. Zudem stehe L eigentlich auch nur für „Links“. Den Begriff „Lafodödel“, der auf B.s interne Konkurrenten um Oskar Lafontaine verweist, hätte er nur in einer Mail benutzt. Und schließlich sei das alles gar nicht seine Idee gewesen, sondern Gregor Gysi hätte diese Dossiers bestellt (was dieser grundsätzlich bestätigte). Es bleibt das Wort „Lafodödel“ und eine poststalinistische Posse mit dadaistischem Mehrwert. Nils Markwardt

D

Doktorarbeit Die Arbeit wurde 1990 an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der KPdSU eingereicht. Sie ist in russischer Sprache verfasst. Auf Deutsch trägt sie den Titel Die komplexe Strukturbewertung als Instrument zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit bei der Gestaltung flexibler Fertigungssysteme. Gerne wüsste die Fachwelt, was B. zum Zellenrechner sagt oder wie er sich das Informationsflusssystem denkt, das die Steuerungs- und Überwachungstätigkeiten im FFS vornimmt. Allein, die Dissertation gilt als verschollen, nur ein Abstract scheint vorhanden. B. gilt als Befürworter hoher wissenschaftlicher Standards. Zu dem Plagiator Karl-Theodor zu Guttenberg bemerkte B. im deutschen Bundestag: „Ich appelliere an Ihre Ehre: Früher wusste der Adel, was an so einer Stelle zu tun ist!“ Michael Angele

I

Ideologische Festigung Die Wortwahl von B. ist sehr durchdacht. Auch wenn die Bezeichnung „Lafodödel“ nun als disqualifizierend empfunden wird, so zeigt die Verwendung des Begriffs „zuverlässig“, dass B. weiß, auf welche Weise eine Organisationseinheit wie die Partei zu führen ist: Querulanten (neben „Lafodödel“ auch „unabhängig“) gehören eliminiert, denn Diskussionen schaden der Schlagkraft der Partei. Benötigt werden loyale Anhänger der Partei- und Fraktionsführung, die zudem ideologisch gefestigt den Kurs der Reformer mittragen. B. selbst kann hier als geeignet gelten, wie seine Vergangenheit zeigt. Während seines Grundwehrdienstes in der Nationalen Volksarmee wurde er Mitglied der SED, der Partei blieb er treu, auch als sie zur PDS und zur Linken wurde. Er hatte diverse Funktionen inne, war Schatzmeister und Bundesgeschäftsführer – und übernahm die Geschäfte der Zeitung Neues Deutschland (➝ Unternehmerische Tätigkeiten). Seine Loyalität zur Partei ist somit belegt. Zur ideologischen Festigung können die Experten vom Verfassungsschutz Auskunft geben. 2012 kam heraus, dass sie B. beobachteten. Felix Werdermann

L

Lafontaine Ausgerechnet mit einer „Lafodödel“ wird sich B. den Fraktionsvorsitz teilen müssen, wenn er im Oktober an die Spitze der Bundestagsfraktion der Linkspartei gewählt wird. Spätestens seit er Medien die Affäre zwischen Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine gesteckt haben soll, ist das Verhältnis zwischen B. und dem Ex-SPD-Vorsitzenden zerrüttet. Als B. 2012 die Einteilung des Parteivorstands in Anhänger Lafontaines, eigene Gefolgsleute und Neutrale veranlasste, hatte der Saarländer gerade die Schlacht um den Parteivorsitz verloren. Aber auch B. hatte nicht gewonnen. Nicht er, sondern Bernd Riexinger wurde Parteichef. Lafontaines Einfluss in der Partei blieb, bis heute steht B. in seinem Schatten. Der Westlinke und der Ostreformer fanden nie zueinander – nicht nur wegen politischer Differenzen, sondern auch weil der Westlinke B. nicht auf Augenhöhe gesehen hat. Doch man sollte B., den gewieften Apparatschik, nicht unterschätzen. Das Karl-Liebknecht-Haus bekam der Saarländer als Parteivorsitzender nie in den Griff. Dort hat die „B.-Fraktion“ das Sagen. Anja Krüger

M

Marktplätze Aus gesicherter Quelle ist bekannt, dass sich die Zielperson am 25. September 2009 um 9.30 Uhr auf dem Markt „am Klunk“ in Hagenow aufhielt. Mutmaßlich zur politischen Agitation. Die Observation der Zielperson ergab des Weiteren, dass diese am 2. Juli 2013 in Jena auf dem Holzmarkt war. Zwei Monate später wurde B. beim Spazieren auf dem Dreescher Markt beobachtet. Fotodokumente belegen, dass B. am 11. September 2013 auf dem Schweriner Marktplatz kochte. Wie eine Gewährsperson schilderte, verteilte B. am 20. September auch in Schwerin bei der Veranstaltung „Linke löffeln die Suppe aus“ nichtvegetarisches Gulasch. Der politische Hintergrund der Aktion ist unklar. Im August 2014 wurde die Zielperson in Berlin, Staßfurt, Köthen und Bernburg gesichtet. Laut sächsischen Aufklärern war B. am 28. August 2014 „unterwegs im Kreis Zwickau“: Ab 10.15 Uhr hielt er sich auf dem Wochenmarkt in Zwickau-Marienthal auf. Des Weiteren wird erwartet, dass B. am 15. Oktober 2015 in der Mohrenstraße 64 in Berlin-Mitte an der Veranstaltung „Linker Kamin“ teilnehmen wird. Für diesen Termin werden noch Freiwillige für die Aufklärungseinheit gesucht. Ben Mendelson

O

Objekt Bei der Bundestagswahl 2002 war der Genosse B. nicht auf der Höhe seiner Aufgaben. Durch den von ihm schlecht gemanagten und politisch viel zu kompromisslerisch geführten Wahlkampf erreichte die PDS nur vier Prozent der Stimmen. Bis auf die Genossinnen Gesine Lötzsch/Petra Pau hatte daraufhin die soziale Gerechtigkeit für Jahre keine Stimme im Bundestag, für die Partei des Demokratischen Sozialismus ein verheerender Rückschlag. Genosse B. sah trotzdem keinen Anlass zu entschiedener Manöver- und Selbstkritik. Stattdessen versuchte er, sich durch Flucht aus der Verantwortung aus der Affäre zu ziehen. Er gab seine Funktion als Bundesgeschäftsführer auf und kehrte der Partei den Rücken, als sie in schwerer Not war. Durch den stellvertretenden Parteivorsitzenden Diether Dehm mussten daher außergewöhnliche Maßnahmen ergriffen werden, um Schaden von der Partei abzuwenden. Der Wachschutz im Parteivorstand wurde angewiesen, B. beim Verlassen des Gebäudes Unterlagen und Dokumente abzunehmen, die das Haus nicht verlassen durften. Diese Anweisung sollte notfalls durch Leibesvisitationen und Taschenkontrollen durchgesetzt werden. Äußerungen von B., er sei zum „Objekt“ von Repressalien geworden, gehören ins Reich der Legenden. Gez. N. N.

P

Privates B. ist mit Elke, seiner Frau, seit mehr als 30 Jahren verheiratet – und hat mit ihr zwei erwachsene Kinder: Linda und Robin. Hat er sich vielleicht bei der Suche an Robin Hood orientiert, dem Kämpfer für das Gerechte und Schöne? Bislang sind von B. keine außerehelichen Vorfälle bekannt. Manchmal sieht man die Zielperson jedoch an verschiedenen Orten in junger weiblicher Begleitung. Ein Augenzeuge will sogar beobachtet haben, wie es einmal an der Bar zu intensiverem Austausch von Zärtlichkeite gekommen sein soll. B. scheint Schlag bei Frauen zu haben. Wie macht er das? Und ist er auch bereit für die Zweckehe mit Sahra Wagenknecht (➝ Akte)? B. könnte sich da erstmal an folgende Ratschläge halten: In einer Beziehung braucht man gegenseitigen Respekt. Man sollte sich der Schwächen und Stärken des anderen bewusst sein und diese gegebenenfalls fördern. Wer von beiden ist für den Kontakt und soziale Netzwerke zuständig? Wer macht hin und wieder Homestorys für die Magazine? Wer kommt nach Dresscode zum Presseball (und vor allem in wessen Begleitung), wer darf dort aufs Parkett und wer am Büffet den Hummer essen? Wer kann die weiblichen Wähler erobern? Fragt sich natürlich noch, wer mehr weiß, über das private Umfeld der eigenen Genossen. N.N.

U

Unternehmerische Tätigkeiten Im Jahr 2007 hat die Linkspartei 50 Prozent der Tageszeitung Neues Deutschland verkauft. Neuer Eigentümer ist eine Briefkastenfirma namens Communio, die wiederum einem ehemaligen Stasi-Offizier namens Matthias Schindler gehört. Die Welt will herausgefunden haben, dass der Preis bei 1,6 Millionen Euro lag. Gezahlt werden solle in jährlichen Raten bis zum Jahr 2022. Angeblich sind seit 2007 aber einige Zahlungen ausgeblieben. Fragen: Wer hat den Verkauf im Jahr 2007 eingeleitet? Wer steht im Verdacht, die Parteikasse der Linken um circa eine Million Euro beschissen zu haben? B. Die Zielperson war zu diesem Zeitpunkt Bundesgeschäftsführer der Linkspartei. Zuvor war B. schon mal Geschäftsführer des Neuen Deutschland. An der Affäre (➝ Akte) wird deutlich, für welche Art von Karriere B. ebenfalls die passenden Sekundärtugenden gehabt hätte. In den postsowjetischen Staaten verlief die Privatisierung von Staatsunternehmen deutlich chaotischer ab als in Deutschland. Unternehmen sind unter Wert an Oligarchen verkauft worden. Bei der Privatisierung der postsowjetischen Industrie gab es Bürokraten, die den Betrug gedeckt und sich selbst bereichert haben. B. wäre solch ein nützlicher Idiot geworden. Lukas Latz

W

Wirkung B. erschien im Dezember 2011 auf Einladung der Wochenzeitung Freitag als Gastkritiker in der Redaktion. Er trug Hemd und Jackett, er wollte lässig wirken. B. war ohne Assistenten gekommen. Ganz allein betrat er den Konferenzraum, zog ein paar Zeitungen aus dem Aktenkoffer und breitete diese vor sich auf dem Tisch aus. Zu dem Porträt über die Tochter des Liedermachers Wolf Biermann bemerkte B., er sei überrascht gewesen, noch etwas Neues über diesen erfahren zu haben, zum Beispiel, dass er ein verstopftes Abflussrohr reparieren könne. B. sprach dann über einen Artikel, in dem es um eine Pornodarstellerin ging. Sein Ton wurde nun deutlich abfälliger. „Na ja. Sex sells!“ Es kamen von den Redakteuren daraufhin nicht nur Lacher. B. hielt sich während seiner weiteren Ausführungen knapp. Er erwähnte, nicht alle Texte der Zeitung würden auch seiner eigenen politischen Linie entsprechen. Bereits nach 45 Minuten war B. mit der Blattkritik fertig. B. hat auf das Angebot seitens der Chefredaktion, noch einen Kaffee zu trinken, verzichtet. Er müsse zurück in die Parteizentrale fahren. Dann nahm B. den Fahrstuhl nach unten. Maxi Leinkauf

Z

Zukunft Die Geschichte des B. wird genau so weitergehen, wie sie bisher geschrieben worden ist: ohne Erfolg. B. leitete den PDS-Wahlkampf 2002 – die Partei scheiterte an der Fünfprozenthürde. B. duellierte sich mit Oskar Lafontaine um die Parteispitze – Bernd Riexinger gewann (➝ Lafontaine). Jetzt sollte B. Oppositionsführer werden – und liefert Sahra Wagenknecht alle Argumente dafür, dass Rot-Rot-Grün eine Utopie bleiben soll. „Innerparteiliche Stabilisierung“ hatte die Zielperson nach der Niederlage gegen Bernd Riexinger als Maxime ausgegeben. Das Gegenteil hat B. mit den „Lafodödel“-Akten verfolgt. B. hat Defizite, wenn es um hegemoniale Strategie geht. Bei der Wahl des Fraktionsvorstands könnte ihm nun die nächste Niederlage widerfahren. B. hätte dann Zeit, mehr Machiavelli zu lesen. Sebastian Puschner

06:00 21.10.2015
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