Basler Brausebad

Alltag In Basel kann man im Brausebad auf dem Trottoir flanieren,während der Velohändler Trämli fährt und Garibaldi Grüezi sagt

Früher wohnten wir in der Friedensgasse. Auch mein Vorname heißt auf Griechisch Frieden. Es muss ein Missverstädnis sein. Wo ich nur hinschaue, sehe ich Kampf. Als wir dann in die Allschwilerstrasse im Brausebad-Quartier umzogen, schöpfte ich Hoffnung auf Frieden. Wo das All schwillt, würde es geräumiger werden. Zwischen die alte Hausnummer 13 schlich sich nun eine 0. Das Leben im 103 schien sich zu dehnen. Vom dunklen Parterre haben wir uns bis unters Dach eines alten fünfstöckigen Miethauses aufgeschwungen. Statt Bilder besitzen wir Dachluken - eine bewegliche Galerie aus Wolken, Krähen, Täubchen und Flugzeugen.

Doch auch im All der Allschwilerstraße wird gekämpft. Der Nachbar unter uns fängt früh mit seinem Lauf um Bücher an. Er ist ein Antiquar ohne Antiquariat, die Bücher stapelt er im Keller, und das Schaufenster ist im Web. Auf der anderen Straßenseite lagen vor einer Druckerei alte Bücher in Kisten, ein Stück zu einem Franken. Darin wühlte er, bevor er weiter zog. Bis wir im Briefkasten die Nachricht des Druckers fanden, dass seine Frau gestorben sei und er die Druckerei aufgebe. Was für eine Memme, sagte die Nachbarin. Unser Coiffeur vom Parterre vertraute mir an, ein Café komme jetzt dort hin. Ein serbischer Reinigungsdienst hat es schon ausgemistet.

Der Coiffeur ist ein Basler Italiener, hier ansässig in der zweiten Generation. Ein Secondo, wie die Schweizer sagen, der an Wochenenden bei italienischen Hochzeiten Gitarre spielt. Mit seiner Frau, einer Seconda, spricht er ein Pesto aus Kalabresisch mit Basler Dialekt. Vor ihm schnitt dort ein Elsässer die Haare, aber die meiste Zeit stand der Fettsack rauchend im Gang. Der neue Coiffeur ist umgänglich und tüchtig und hat viel Stammkundschaft erworben. Davon bekam er Krampfadern. Beim Haareschneiden - für den Spezialpreis von zehn Franken für Hausbewohner - erzählte er mir, im Spital habe man ihm die Adern wie Spaghetti herausgezogen. Schon zum zweiten Mal.

Im Haus rechts war zuerst eine Kaffeerösterei. Vater und Sohn warfen mal arabische, mal südamerikanische Kaffeebohnen in die Kaffeemühlen, aus denen arabische und südamerikanische Kaffeeduftwolken bis zu unserem Adlerhorst hochstiegen. Nachdem sie in ihre heimatliche Innerschweiz zurückgekehrt waren, wurde die Luft rein. Dann eröffnete dort eine Jüdin mit Perücke auf ihrem Haar eine Nähwerkstatt. Ans Schaufenster klebte sie einen handgeschriebenen Zettel mit der Mitteilung, sie könne zwar nähen, doch sie nähe bloß aus Zeitvertreib. An jüdischen Feiertagen hatte sie geschlossen. An jüdischen Arbeitstagen hatte sie nichts zu tun. Dann zog "Stoffwechsel" ein. Zur Starthilfe für die junge Seconda mit tschechischen Wurzeln habe ich meinen neuen Mantel aus Berlin - im Wert eines ganzen Berliner Lesungshonorars - zum Einnähen hingebracht.

Im Haus links war zuerst ein Kleiderladen. Karierte Seniorentweedjacken, Faltenröcke, Stützstrumpfhosen und so weiter. Es dauerte nicht lange. Dann kam ein Hanfladen hin. Das war damals, als in Basel der Cannabisverkauf legalisiert wurde und die Basler Zeitung schrieb, dass es in Basel schon mehr Hanfläden als Bäckereien gebe. Im Schaufenster lag ein bekiffter Bernardinerhund. Das zog. Cannabiskonsumenten aus dem Dreieckland strömten zu uns. Nebst Elsässisch hörte man nun Badisch. Ich bat die minderjährig aussehende Besitzerin: Darf ich den Hund spazieren führen? Um die Ecke, entlang der Bahnstrecke Basel-Paris, ist eine Kastanienallee gesäumt von "Robidogs", grünen Behältern für Hundekot, die mit ihren "Gratissäckli" in allen Schweizer Städten den Bürgersinn für die Hygiene schärfen. Ich durfte aber nie ein warmes Bernardinerhäufchen im Robi entsorgen. Schon kam das Hanfverbot, und die Cannabishändlerin samt Hund verschwanden aus dem Nachbarhaus.

Jetzt waltet dort Pia. Sie zieht scharenweise junge Secondos an. In ihrer "Fahrschule" ist das L großgeschrieben, es leuchtet weiß auf blau im Schaufenster. Die Jugend sitzt Abends an den PCs und büffelt Verkehrsregeln. Pia, der Geschäftsfrommen, verdanken wir viel. Mit einer Beschwerde wegen Geschäftsschädigung vertrieb sie aus unserem Keller die "Guggemusig", da diese ihre Kundschaft zu vertreiben drohte. Dienstags und freitags zu jeder Jahreszeit, bereitete sich die Kapelle auf den großen Moment vor, mit ihrer traditionell falsch gespielten Fastnachtsblasmusik den Winter wegzublasen, der sowieso nicht mehr kommt. Seit die Rüpel weg sind, sorgt im Keller ein türkischer Männerverein für Ruhe.

Drei Häuser weiter ist "Garibaldi". Alles Import aus Italien und kein Bio. Unser Kleinkrämer-Revolutionär öffnet, wenn sich andere auf die Mittagspause freuen, und wenn nach halb sieben im Quartier tote Hose herrscht, ist bei ihm noch lange Licht. In den Preisen ist der Strom mehrfach mitberechnet, samt Kirchensteuer - auch sonntags hat er auf. Kaum wird es wärmer, sitzt er vor seinem Laden auf einem Regisseurklappstuhl und schaut auf das gegenüberliegende Trottoir nach Norden auf die "Blumenoase Antartica", die ihm ebenfalls gehört. Früher war dort ein vollgestopftes Brockenhaus mit stockender Entrümpelung. Jetzt sitzt die Signora an der Kasse im betörenden Blumenduft. Der Sohn und die Schwiegertochter pendeln zwischen Orchideen und Reibkäse. Neuerdings teilt sich "Antartica" die Ladenfläche mit "Arasu Printers". Die Logik dabei ist: Wer Mama einen Blumenstrauß kauft, der lässt auch ein Gedicht drucken. Oder umgekehrt: Holt der Kunde seine Visitenkarten ab, stolpert er über einen Blumentopf. Und warum sollten wir nicht gerade das kaufen, was uns zu Fall bringt?

An der Ecke Gotthelfstraße kämpft der spanische Schuhmacher Ramon. Er muss tief religiös sein. Seine Preise sind christlich tief. An der Wand hängt ein Ölgemälde. Es stellt ihn dar, wie er im blauen Kittel auf einem Schemel sitzt, in der Linken ein Schuh, in der Rechten ein Hammer. Die winzige Werkstatt ist auch das Spielzimmer seines Sohnes. Sollte diesem in fünfzig Jahren der Geruch von Schuhcreme, verbranntem Gummi und stinkenden Füßen in die Nase steigen, wird vor ihm die Kindheit in ihrer ganzen Pracht auftauchen. Daran denke ich, wenn ich ein Loch im Schuh vorbeibringe, und Ramon im fleckigen Kittel sich von der Schleifmaschine abwendet, den schmutzigen Mundschutz abnimmt und mir zulächelt. Dann kann ich nicht anders und zahle mehr als er verlangt.

Wenn Sie uns besuchen möchten, fahren Sie von der Haltestelle "Brausebad" in Richtung Frankreich und steigen bei der reformierten Kirche "Oekolampad" aus dem Trämli, schließen die Augen und folgen der Blindenspur. Sie führt Sie zum "Schweizerischen Blindenbund". Im Schaufenster gibt es sprechende Blutdruckmessgeräte und sprechende Waagen. Auch Blindenkunsthandwerk wird ausgestellt, ganz vornehm, ohne Preisschilder. Für die faden anthroposophischen Farben der gewobenen Lätzchen können die Blinden nichts. Es wird auch "Unterricht mit weissem Stock oder ohne" angeboten und im Sommer steigt das Blindenfest.

Weshalb darf der Drogist dort wohnen, wenn er sichtbar nicht sehbehindert ist? Hat ihn der Blindenhundeführer an den Blinden vorbei reingeschmuggelt? Er zieht morgens im Blindenbund den weißen Kittel an, mit dem er die wenigen Schritte zur Arbeit eilt. Seit ich einmal in seiner Drogerie war, ohne etwas zu kaufen, investiert er kein Grüezi mehr in mich. Der Coiffeur sagte kopfnickend, was Beileid bedeuten sollte, der Drogist höre bald auf. Sein Schaufenster hat er mit kleinen gelben Zetteln "Ab sofort 10 % Rabatt auf das ganze Sortiment" überklebt. Rabatt kommt laut Duden vom italienischen "rabattere", niederschlagen. Unser Drogist würde niemanden auf 50 Prozent niederschlagen, denn als alter Basler legt er Wert auf Zurückhaltung. Wenn im leeren Schaufenster drei Rückensalben neben zwei Aspirinschächtelchen verloren da liegen, bedeutet es nicht, dass der Rest reißenden Absatz gefunden hat. Wie gewohnt gestaltet er sein Schaufenster nach eigenem Motto: Weniger ist wenig. Statt "Drogerie" steht über der Tür lediglich ein kleines "d".

Der Türke ist da bedeutend großzügiger. Die "Antiquitäten", wie er sein Gerümpel nennt, schmückt ein zwei Meter langes Plakat "Ausverkauf 80%". Orientteppiche, Plastikveilchen, Puppen mit blonden Haaren, Wasserpfeifen, Aschenbecher in Form eines Seehundes oder einer Ziege und andere Nützlichkeiten wie ein bemaltes Porzellanbügelleisen liegen auf einem Haufen. Aus Mitleid mag da jemand die Puppe retten.

Die steilste Karriere hat der Fahrradhändler, der in Basel ein "Velohändler" ist, gemacht. Ich weiß noch wie ein Bürschchen seine "Velowerkstatt" im halbverfallenen Hinterhofhaus in der Nebenstraße eröffnet hat, gegenüber dem Eckhaus mit vergitterten und matten Fensterscheiben, wo sich orthodoxe Juden in hohen Hüten und langen Locken treffen. Außer Tora-Gemurmel ist in der Gegend nichts los. Nur der "Spezialist für Katzenschutznetze" trägt zur Belebung bei. Im Schaufenster fordert er uns dringend auf: Schützen Sie Ihre Katze vor dem Sturz in die Tiefe! Die Katzenschutznetze sind leider nur noch auf telefonische Bestellung lieferbar.

Ausgerechnet in dieser Straße, wo man nicht einmal Katzenschutznetze kaufen kann, hat der Velohändler sein Glück versucht. Er addierte von Anfang an die Reparaturen auf dem Rechner auf eine alpine Zahl hoch. Dank dieses Klettertriebs besitzt der heute stattliche Mann zwei Räume neben "Migros-Supermarkt" und hat zwei tamilische Jungarbeitslose angestellt. Mit mir spricht er Hochdeutsch, das zwar nicht wie eine geschmierte Kette läuft, doch auch nicht so scheppert, wie sonst die Schweizer ihr kaputtes Verhältnis zur Hochsprache kultivieren. Hinter dem Velorahmenglanz verbirgt sich aber Angst. Basel ist mit dem weltweit dichtesten Netz an Veloläden überzogen! Und das Brausebad-Quartier weist die größte Basler Veloladendichte auf! Ich habe folglich weltweit die größte Konkurrenz!, klagte er. Da schrumpfte das All der Allschwilerstraße. Adieu, verabschiedete ich mich und eilte meinem Handwerk nach.

Ich bin eine fliegende Worthändlerin mit eigener Produktionswerkstatt. Ich verkaufe die Worte des Haftrichters, die ich im Gerichtssaal den kleinen Dieben ins Russische dolmetsche - für einen festen Preis. Doch die meiste Zeit produziere ich Texte, die mir auf dem Weg an all den Ramons, Pias und Garibaldis vorbei einfallen. Atemlos tippe ich sie inmitten meines Alls in den Computer ein und denke nicht an ihren Preis.

Irena Brezná lebt als Autorin in Basel. Zuletzt erschien von ihr im Aufbau-Verlag Die Sammlerin der Seelen, Unterwegs in meinem Europa.

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