Batik und Paypal

Ortsbesuch Was ist 50 Jahre später vom „Summer of Love“ geblieben? Unser Autor spürt in Berkeley und San Francisco dem Erbe von 1967 nach
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1967 posen The Grateful Dead an der Kreuzung Haight und Ashbury
Foto: Herb Greene/Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco, Robert Harding/imago (rechts)

Das Blue Front Café liegt in San Francisco zwar nicht direkt an der Kreuzung Haight und Ashbury – da ist jetzt die Filiale eines weltweit bekannten Eisladens eingezogen –, aber es ist der nächste einigermaßen vertrauenswürdig aussehende Ort zu einer Zeit, da die Kneipen mit Nachschub beliefert werden und die Amethyste noch recht unfunkelig aus etlichen Schaufenstern blicken. Vor einem Laden stellt eine junge Frau im Athleisure-Oberteil ein Schild auf: Vintage is the new Black. Das Blue Front ist noch leer, nach einer langen Weile taucht der Besitzer hinter der Theke auf, eigentlich sei zu, brummt er. Schweigen. Dann: Einen Espresso könne er schon machen, nuschelt’s mit unüberhörbarem Vorwurf in der Stimme, sein Blick wandert zur Vase mit den Trinkgeldern.

Aber ohne eine Weile dem Treiben auf der Haight Street zuzuschauen, kann man jetzt nicht in die groß angelegte, bunte und laute Ausstellung The Summer of Love Experience: Art, Fashion, and Rock & Roll im de-Young-Museum laufen. Immerhin ist dieser kurze Abschnitt zwischen dem Buena Vista und dem Golden Gate Park Geburtsort des Materials, das da ausgestellt wird.

Aus dem leeren Café, in dem nach einer Weile der Chef einen ganz hervorragenden Espresso produziert, lässt sich die Straße gut einsehen: Touristen schieben sich die Straße hinunter, gegürtet in Funktionsmode wie für voralpine Klettersteige, gesichert gegen Gewitterstürme. Einige Post-Hippie-Hippies sind auch schon da, man erkennt sie an Rucksäcken, die wirklich schon Strecken hinter sich ließen und dabei manche Schnalle verloren. Ihre Kleider starren vor Dreck, viele Gesichter glänzen weniger vor geistiger Erleuchtung als vor bereits zur Krankheit neigenden Ungewaschenheit, viel Alkohol, mancher Prügel und lockerem Umgang mit Betäubungsmitteln.

In den Nebenstraßen ist es still, man findet hier noch bunte, viktorianische Häuser, die Erdbeben und Feuer von 1906 widerstanden und nicht wie die übrigen 80 Prozent der Stadt niederbrannten. Als 50 Jahre später eine Autobahn das Viertel durchschneiden sollte, trafen sich die Nachbarn zum Protest. Vielleicht wurde es deshalb interessant; vor allem aber waren die Immobilienpreise unter der jahrzehntelang angedrohten Baumaßnahme zusammengesackt, genauso wie etliche der Holzveranden. So konnten sich hier die sammeln, die später für den Summer of Love trommelten und auf dem Rücken des ökonomischen Nachkriegsbooms der USA den Blick nach innen wandten. Hier konnten sie sich für Identität, Mystik, Tribalismus, Batik und LSD interessieren – alles keine Kategorien, die so etwas wie die materielle Basis einer Gesellschaft im Blick hatten. Unter heftigen Marihuana-Schwaden ging es wohl wenig um den Widerspruch von Kapital und Arbeit, aus Klassenkampf wurde eher die Sorge um sich.

Yoga statt Lokalpolitik

All das sammelte sich im Begriff der Bewusstseinspolitik. Der Kulturwissenschaftler Fred Turner sieht darin einen Kern der Gegenkultur und des damaligen Generationenzwists. In den 1940ern lehnten viele junge Amerikaner gefühlsbetonte, ekstatische Versammlungen als „verbotene Früchte des Faschismus“ ab. Ihre Kinder setzten Lyndon B. Johnsons Obrigkeitsstaat etwas anderes entgegen: „In der Bewusstseinspolitik spiegelten individuelles Vernunftdenken und staatliche Regierungsinstitutionen einander: Beide streben danach, das natürliche, organische und angenehme Wachstum der in ihre Zuständigkeit fallenden Gebiete zu kontrollieren. Eine Kontrolle, die einzelne Individuen mit Hilfe von Medien, vor allem mittels Musik und sich überlagernder Bildprojektionen sowie Lichteffekten zu untergraben suchten – um das analytische Denken auszuschalten, das Unterbewusstsein anzusprechen und den Individuen ein Gemeinschaftserlebnis auf der Grundlage eines gemeinsamen Bewusstseins zu ermöglichen.“

Aus wolkiger Mystik wurde viel schaurige Weltabgewandtheit. Von der Umweltbewegung blieb in der Bay Area nicht viel mehr übrig als strenger formulierte Auflagen, Tesla und sündteure Käseboutiquen. Ohne ein Organic-Product-Schild lässt sich nicht mal mehr ein Supermarktlutscher verkaufen. Yoga ist trotz Präsident Trump noch immer wichtiger als Lokalpolitik.

Auf der Haight Street gibt es noch einiges zu kiffen, aber es wirkt so, als wären das eher Zwischenmahlzeiten von Leuten, die sich ansonsten von Härterem ernähren, während ihnen Großfamilien aus Kansas mit leisem Schauer begeistert beim langsamen Verschimmeln zuschauen. Wenn man den Besitzer des Blue Front nach dem Zusammenhang fragt, kommt auch er ins Reden: „Für uns ist es gut, dass die Hippies hier sind. Keine Ahnung, ob sie glauben, dass ihnen das Viertel gehört, aber wegen denen kommen die Touristen. Prima Sache. Summer of Love!“

Die Hippies und der Sommer von 1967 sind nun Gegenstand gleich zwei großer Ausstellungen in der Bay Area: Die Schau im de-Young-Museum versucht der Experience nachzuspüren, zu der sich mehr als 100.000 Jugendliche im Viertel und im Park trafen, Mode, Farben, Plakate, Formen, Musik entwarfen, mit denen sie die autoritär formatierte Nachkriegsgesellschaft auflösen wollten. Der Kreisgang erschöpft sich in der Historisierung von lustigen Gedichten, schrägen Bauformen und Lebensstilen; die Kuratoren finden possierliche LSD-Welten, in denen DIY-Aspekte und auch ein paar Fotos von Martin Luther King Platz haben. Der Rundgang mündet in einen Museumsladen mit bunten Stofffetzen, Aufklebern und geblümten Trinkbechern. Allesamt als Massenware hergestellte Hippie-Replikate.

Daneben untersucht die Ausstellung im Berkeley Art Museum den Modernismusgehalt der Bewegung. Hippie Modernism findet Ursprünge zwar auch in wilden Sommern, geht aber weit über Batikglückseligkeit hinaus, und rückt stattdessen Netzwerke, Computerideologie und Cyborgfantasien ins Zentrum. Man könnte meinen, dass so das historische Gegenüber in der Bucht noch einmal auflebt: Während das Haight-Ashbury-Viertel voll mit von zu Hause weggelaufenen Teenagern, Drogendealern und Fantasten „in Richtung Raub und Gewalt torkelte, türmte die alte Avantgarde nach Berkeley und machte die Telegraph Avenue zu einem neuen Fokuspunkt von Hippie-Kultur“, schreibt Greg Castillo im großartigen Katalog.

Werkzeug zum Ausstieg

Hier sieht man Ausstellungsstücke, die Technikbegeisterung kristallisieren, deren abstrakte Kunst schon Design-Anwendungen enthält, Bewusstseinserweiterung per Computer erdachte. Ihr Modernismus war es, das utopische „Zurück zur Natur“ mit Netzwerk-Unterbau zu denken, die Abwendung von Staat und Arbeit sollte technologisch erreicht werden. Die Differenz wird in den Fluchtlinien deutlich: In beiden Ausstellungen gibt es einen Whole Earth-Catalog von Stewart Brand zu sehen, aber erst der Kontext in Berkeley, die Nähe zu frühen Rechner-Modellen, in denen Kommunen-Mitglieder Nachrichten füreinander hinterließen, die utopischen Filme von Superstudio, in denen ein Netz Naturgüter überall verteilen, die ganze Welt überziehen und jedem Zugang gewähren will, ordnen sich die Bezüge: In San Francisco ist das selbstverlegte Heft Werkzeug zum Ausstieg aus einer vergangenen Gegenwart. In Berkeley wirkt es wie ein Vorgriff auf eine Zukunft.

Und so haben die Ausstellungsmacher unterschiedlich tief in den Thesen-Topf gegriffen: Im de-Young-Museum wird der Summer of Love zum Spektakel. In Berkeley werden die utopistischen Wurzeln der Netzwerkdenker freigelegt. Wie sich beides zum brachialen Neoliberalismus des Silicon Valley verhält, ob der psychedelische Individualismus mit der heutigen Digital-Subjektivität von Facebook zusammenhängt, ergründet keiner. Auffällig ist in beiden Ausstellungen, wie dünn die Verbindungen zum Straßenkampf um die Bürgerrechte von Schwarzen gewesen sein müssen. Durch alles zog sich weniger der Drang, die Welt zu analysieren. Sie wollten sie bunter machen: vielleicht die Voraussetzung der kalifornischen Ideologie.

Dagegen hat Fred Turner kürzlich noch einmal polemisiert. Er sieht eine bittere Kausalität zwischen Hippies und Techies, Batik und Paypal: „Die befreienden Kräfte, die wir hier entfesselt haben, um eine Art kommunenhafte, utopische Post-Sechziger-Jahre-Welt zu erschaffen, haben uns in Wirklichkeit eine Überwachungs-Ökonomie und einen autoritären Führer beschert.“

Draußen auf der Haight Street haben die Kneipen jetzt auf, an einer Ecke singt einer und ist schon gut dicht. Einer bietet an, für 25 Cent einen Witz zu erzählen. Ich hielt das schon für den Witz und zahlte nicht.

Hippie Modernism: The Struggle for Utopia Berkeley Art Museum and Pacific Film Archive Bis 21. Mai

The Summer of Love Experience: Art, Fashion, and Rock & Roll de Young Museum San Francisco, bis 20. August

06:00 17.05.2017

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