Bau auf, bau auf

Green Deal Mit dem Neuen Europäischen Bauhaus will die EU Impulse setzen. Nun sind wir alle gefragt – sonst endet das als Kopfgeburt
Bau auf, bau auf
NEB oder Nepp? Genossenschaftlich, ökologisch, bezahlbar soll das Wohnen sein

Foto: The Arch / © O.S.T. & Constructlab.

Wie würden Sie das nennen: Die mit viel Tamtam vorgetragene Einladung eines reichen, multinationalen Generalunternehmens, dessen Ruf angeschlagen ist, in ein Mehrgenerationen-Ökohaus Ihrer Träume als Mieter:in einzuziehen, das in einer attraktiven Gegend (entweder auf dem vom Nahverkehr gut erschlossenen Land oder in einer verkehrsberuhigten Innenstadtlage) liegt? Eine Wohnung, die Sie allerdings, kleiner rechter Haken, nicht nur selbst finanzieren, mit Ihren Steuern, sondern die Sie sogar von A – Z entwerfen müssten. Eine Wohnung, die Ihnen, kleiner linker Haken, leider nicht gehört, da alles auf eine Genossenschaft hinausläuft, die dem Kapitalismus fröhlich die Allgemeingut-Zunge zeigt. Würden Sie das eine Mogelpackung nennen? Oder eine rare Chance, die es zu ergreifen gilt, da es so, wie wir derzeit selbstzerstörerisch leben, nicht mehr weitergeht? Die EU nennt dieses nun auf den Sinn-Markt geworfene Debattenangebot Neues Europäisches Bauhaus (NEB). Vorbild ist das Staatliche Bauhaus, das zwischen 1919 und 1933 den Unterschied zwischen Kunst und Handwerk aufgehoben hatte. Walter Gropius ging als Weimarer Bauhaus-Direktor davon aus, dass schön sei, was schnörkellos funktioniere.

Das NEB, das im Oktober 2020 aus der Taufe gehoben wurde und sich in drei Phasen gliedert (bis Juni 2021: Gemeinsame Gestaltung, ab September 2021: Realisierung, ab Januar 2023: Verbreitung), knüpft an die Bauhaus-Idee des Gesamtkunstwerks an. Glauben wir der EU-Kommission, wird zukünftig grün gedacht, gelebt, gearbeitet. Die Experimentierplattform NEB soll dafür Denker:innen und Macher:innen vernetzen. Soll eine Brücke zwischen Wissenschaft und Technologie einerseits, Kunst und Kultur andererseits bauen. „Gemeinsam Vorstellungen von einer nachhaltigen und inklusiven, ästhetisch, intellektuell und emotional ansprechenden Zukunft zu entwickeln“, darum gehe es. Das klingt nicht nur vage – wie vieles, was den Markenkern des NEB ausmacht –, es klingt nach einem gut gemeinten Vorhaben, das mit viel Elan ausgelobt wird, aber als Kopfgeburt endet. Absicht ist jedenfalls, die schöne Funktionalität des alten Bauhauses durch die diskursive Nachhaltigkeit des neuen zu ersetzen. Statt form follows function also life follows sustainability.

Zahnstocher oder Brechstange

Das NEB stelle so, laut Brüssel, die Verbindung zwischen dem europäischen Grünen Deal und unseren Lebensräumen her. Ohne den Grünen Deal, der das Ziel hat, bis 2050 in der EU den Ausstoß von Treibhausgasen auf null zu verringern, gäbe es das NEB nicht. Allein in den nächsten sieben Jahren will die EU 1.824 Milliarden Euro in den Grünen Deal investieren. Aber in was genau? Nur in die Verringerung der Industrieabgase? Den faireren Welthandel? Brüssel versteht, dass es dringend Ideen braucht, die von unten Veränderungen anstoßen. Um klimaneutral zu werden, muss die Zivilgesellschaft mitziehen. Sie soll sich, bildlich gesprochen, an den eigenen Haaren aus dem Umweltsumpf ziehen. Ein Widerspruch in sich, gewiss. Aber der Grüne Deal strotzt eben vor Unvereinbarkeiten. Die Europäische Kommission hat das Problem, dass sich weder alle Mitgliedsländer noch alle Unternehmen auf die Fridays-for-Future-Ziele festnageln lassen.

Mich erinnert das NEB weniger an Weimar. Eher ans philosophische Rhizom-Konzept von Gilles Deleuze und Félix Guattari aus den 1970er Jahren. Der Begriff stammt von Wurzelgeflechten (Rhizome) und dient als Bild für ein Modell der nicht-hierarchischen Wissensorganisation. Die Baum-Metapher, die unsere Universitäten prägt – Professor:in oben, Student:in unten –, würde damit abgeschafft. Im Dilemma der EU (welche NEB-Projekte sind rigoros und akzeptabel?) liegt eine Rhizom-Chance (vernetzt euch). Der Grassroots-Druck müsste dafür jedoch von der Bevölkerung kommen – und zwar schnell. Ansonsten scheitert das Klima-Nullsummenspiel. Ein Fehler, dass von der Leyen & Co. das nicht klipp und klar sagen. Die EU stellt sich lieber als Gastgeberin denn Bittstellerin dar.

Welche Rolle das Neue Europäische Bauhaus bei der Veränderung spielt? Gar keine oder die wichtigste. Das hängt von uns ab. Wir können entweder Expert:innenrunden beobachten, wie sie hinreißende NEB-Schaufenster dekorieren, welche alsbald verstauben. Oder wir können uns das NEB als kulturrevolutionäres Werkzeug radikal aneignen: Occupy Neues Europäisches Bauhaus! Fluten wir die NEB-Vorschlagskanäle mit Projekten. Fordern wir eine direkte Versammlung von EU-Bürger:innen, die nicht als Dekoration auftauchen, sondern mitentscheiden.

Die EU-Machtstrukturen sind poröser, als viele denken. Und krisenanfällig, wie der Brexit gezeigt hat. Ein basisdemokratisches Europa, das sich nicht noch weiter zum Wirtschaftsbund zurückentwickelt, ist möglich. Das NEB gibt der Zivilgesellschaft nun ein Werkzeug in die Hand, das entweder als Zahnstocher oder Brechstange einsetzbar ist.

Das NEB sollte transparenter sein, was die Beschlusshierarchie betrifft. Und mutiger. Dass die ersten 41 Projekte, mit denen sich Architekt:innen und Stadtplaner:innen für NEB-Preise bewerben, mehrheitlich von einer (beinahe) postindustrielle Welt ausgehen, ist nett, aber naiv. So lädt uns etwa Rui Monteiro ein, unsere Hinterhöfe neu zu erfinden – als urbane Datschen. Der Portugiese war an einem Projekt über Gartenbau in Esposende beteiligt. Viel interessanter wäre, scheint mir, die Frage der Grünen Verdichtung. Also zukunftstaugliche „Farm“-Hochhäuser zu bauen, die ihre Bewohner:innen selbst „ernähren“ und das Stadtklima verbessern. Die spanische Architektin Ana Gallego hat in Sevilla wiederum einen Platz darauf abgeklopft, welchen Einfluss die öffentliche Raumgestaltung auf unsere Gesundheit hat. Keine Überraschung: viel. Hier ließen sich mit der Forderung nach mehr Allmende-Flächen, die allen gemeinschaftlich gehören, Selbstverantwortung und Glück kombinieren.

Arbeit und Ökologie müssten verzahnt, nicht getrennt werden – wie es beim Projekthaus Potsdam bereits passiert, einer Co-Housing-Gemeinschaft des Mietshäuser Syndikats, die sich ebenfalls beim NEB bewirbt. Die Stadt darf nicht zur Öko-Idylle der Reichen werden, die sich Schlechtverdienende vom Leib halten. Grundsicherung und freier Nahverkehr gehörten in solche Konzepte. Und natürlich die Förderung von nachhaltigen Sozialbauten. Ansonsten droht das Scheitern. Dieses Schicksal hat das NEB trotz der Alles-schon-mal-gehört-Utopie nicht verdient. Im Gegenteil. Einen Neuen Globalen Gesellschaftsvertrag, der die drei Eigenschaftswörter beautiful, sustainable, together – so lautet das NEB-Motto – mit Leben füllt, bräuchten wir dringend.

Reihenweise kommen gerade Bücher auf den Markt, die sowohl vom Unbehagen im Wohlstand als auch dem Wunsch nach einem Grünen Kapitalismus handeln. Doch das Durchdringen der Probleme genügt nicht, um die Post-Pandemie-Gesellschaft aktiv zu formen. Nach der Pandemie ist vor der Pandemie – der globalen Klimaseuche. Ich würde den Zeitpunkt des Miteinander-Unwohlseins übrigens mit dem Beginn des Internet-Siegeszugs verorten. Um ein Datum zu nennen: den 15. September 1997. Seitdem bietet Google seine Dienste an, gebietet über unsere Daten. Das Netz hat in der Covid-Zeit den Raubtierkapitalismus nicht nur wieder salon-, sondern homeofficefähig gemacht. Dass sich die EU mit Gesetzen gegen GAFAM (Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft) stemmt, ist löblich, aber reicht nicht, da wir User:innen uns zwar beklagen, aber die Architektur des Netzes – beim NEB geht’s auch um Baukunst im weitesten Start-up-Sinne – akzeptiert haben. Die Online-Welt nimmt so viel Raum ein, dass wir wenig Kraft finden, um Fehlentwicklungen in der Offline-Welt zu beseitigen. Das NEB könnte dafür sorgen, dass das gemeinsame Draußen so attraktiv wird, dass die virtuelle Einsamkeit uns nicht auspresst. Dass sich die Urbanismus-Pläne auf eine mehr und mehr digitalisierte Umwelt versteifen, erhöht die Entfremdung von der Natur. Architektur muss sich mehr um Glaubwürdigkeit in der fassbaren Wirklichkeit kümmern. Vernünftig ist, dass die EU die Smart-City-Entwicklung nicht an private Firmen ausgelagert hat. Aber schlüssige minimale Digital-Pläne, die über Verkehrslenkung und Verwaltung hinausgehen, bietet das NEB noch nicht.

Als Aperçu sei erwähnt, dass aus NEB schnell Nepp werden könnte. Die Europacity am Berliner Hauptbahnhof, um nur ein seelenloses Neubaugebiet zu nehmen, ist voller mit Dämmmaterial zugekleisterter Kästen für hoch verschuldete Wohnungsbesitzer:innen. Ein ästhetisch kastriertes Übrigbleibsel der Bauhaus-Kultur: elegante geometrische Formen, wenigstens aus der Ferne. Ein Schlag in die nachhaltige Magengrube, aus der Nähe.

Kapern wir das Neue Europäische Bauhaus, bevor es andere tun.

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06:00 28.06.2021

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