Bauboom und Bambams

Chinas Mega-City Chongqing Welch ein Zeitalter

"The Great Wall" nennt man in China die Internetzensur. Doch neben der Sperre der internationalen Google-Versionen ist diese Mauer recht durchlässig. Junge Chinesen erobern sich die Welt über das Netz. So kontaktierte ein Kunstkurator aus Chongqing, dessen Wissen über die deutsche Underground-Filmszene kaum von einem hiesigen Filmkenner erreicht werden dürfte, die Kieler Filmgruppe Chaos. Und die norddeutschen NoBudget-Filmer kamen der Einladung in die Millionenstadt nach.

Es gilt als Erfolgsrezept der chinesischen Ökonomie, ein in Auftrag gegebenes Produkt in einem Bruchteil der Zeit zu liefern, die es anderswo in der Welt brauchen würde. Auch wenn man Derartiges nicht verallgemeinern soll - unsere Gastgeber vom Künstlerkollektiv Haus-M-Commune in Chongqing offenbaren ein unglaubliches Organisationstalent. Was wir als Programm vorschlagen, findet bald darauf genauso statt. Die Haus-M-Commune definiert sich als Underground-Kunst-Projekt, arbeitet staatsunabhängig und ohne öffentliche Förderung. Für das deutsche Wort "Haus" habe man sich entschieden, weil es "so europäisch klingt" - das "M" stehe für music and movies.

Mehr als in 5.000 Jahren

Die Kuratoren Ni Kun und Boa Dong wie die Dolmetscherin Dai Weiping weichen uns selten von der Seite, da sie fürchten, der Moloch Chongqing könne uns verschlucken. Doch so sehr dieses Metropolis für europäische Augen ein Kulturschock sein mag, so wenig wirkt es bedrohlich. Ni Kun, der Chongqing von der Größe her gleich nach Mexico-City verortet, meint, der Dreischluchtenstaudamm habe für einen gewaltigen Zuzug und viele Eingemeindungen gesorgt, der Menschenstrom reiße nicht ab.

In den Himmel wachsen Wohnblöcke und Baukräne, wohin man auch schaut. "Ganz China ist eine Baustelle", meint Dai Weiping, muss sich aber von der Zeitung China News übertreffen lassen, für die außer Frage steht: "In den nächsten fünf Jahren werden wir mehr Gebäude errichten als in den vergangenen 5.000 Jahren."

Ni Kun kann nicht genau sagen, wie viele "Inner Cities" dieser urbane Koloss in sich trägt. "Etwa acht bis zehn", schätzt er. Jede ein asiatisches Manhattan, ausstaffiert mit Lichtbändern und Großbildleinwänden, auf denen rasant geschnittene Werbefilme das Goldene Zeitalter beschwören. Die Jugend davor präsentiert sich in Jeans oder Minirock, mit Nietengürtel und T-Shirt, japanischen Manga-Motiven oder Che Guevara, der mehr als Mode- denn als Avanti-Popolo- Ikone herhalten muss. Chongqing kennt keine offen ausgetragene Armut wie in vergleichbaren Metropolen Indiens, auch sind weniger Bettler als in einer deutschen Großstadt zu sehen. Armut wird an die Peripherien verdrängt, findet in Fertigteilhallen mit den zu Dumpinglöhnen beschäftigten Arbeitsnomaden statt. Oder in deren Wohnquartieren.

Die Stadt selbst gestattet sich keine Hoffnungslosigkeit. Es grassiert der Glaube an den grenzenlosen Aufschwung, er reißt eine junge Künstlerszene in seinen Sog, solange sich die große Teigmasse kneten lässt. Chinas Neureiche lieben das Statussymbol zeitgenössische Kunst, die Preise für Malerei sind entsprechend astronomisch, Bildhauer und Performancekünstler wechseln das Metier - mit dem Pinsel lässt sich das schnelle Geld machen.

In den Ateliers der bedeutendsten Kunsthochschule Chinas, dem Sichuan Fine Arts Institute, wird denn auch die Tradition respektlos aufgesprengt. Motive von Kaisern und Göttern mischen sich mit revolutionären Metaphern und elektronischen Schaltzeichen, mit Sado-Maso und japanischen Comics. Außerhalb des Campus haben Künstler und die Haus-M-Commune ein leeres, im Bauhausstil errichtetes, ehemals russisches Fabrikgebäude gemietet. Für den Umbau als Ausstellungsarena gibt es Handwerker zuhauf, oft Wanderarbeiter, die an jeder Straßenecke ihre Dienste anbieten. Und der Lastenträger, wegen der geschulterten Bambusstäbe "Bambam" genannt, darf den Kunstfabrikanten das Material zu Füßen legen. Auch so funktioniert China.

Im Sichuan Fine Arts Institute gibt es auch unser erstes Meeting mit Werken der deutschen Undergroundfilmszene aus drei Jahrzehnten. Im Vorfeld werden wir gefragt, ob Sex, Gewalt oder Politik zum Programm gehören. Wegen eines Kurzfilms über militante Konflikte seinerzeit an der Frankfurter Startbahn West verweisen wir auf das Thema Gewalt und Politik. "Steine auf deutsche Polizisten sind kein Problem. Nur bei Kritik an der chinesischen Regierung kann es Ärger geben", sagen die Veranstalter. Wir sind auf der sicheren Seite.

"China Trash", grinst der Professor

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Chongqing aus strategischen Gründen zur provisorischen Hauptstadt Chinas. Dai Weiping, unsere Übersetzerin, weiß von einem in dieser Zeit entstandenen Tunnelsystem, das sich noch immer unter der Stadt befinde und bis in die Berge reiche. "Wenn der Luftkrieg beginnt, werden die Tore geöffnet, und wir können da Schutz finden. So hat die Regierung für uns gesorgt."

Es fällt auf, wie selbstverständlich von der Möglichkeit eines Krieges gesprochen wurde. Dass China demnächst wirtschaftlich die Nr. 1 in der Welt sein werde, bezweifelt niemand. Vielleicht antwortet die abgehängte Konkurrenz nicht nur mit einem Wirtschaftskrieg, hören wir und erleben, wie Alleebäume des Viertels, in dem wir wohnen, weichen müssen, weil sie die Konvois mit den Produkten einer nahe gelegenen Panzerfabrik behindern.

Eine unserer Veranstaltungen zur deutschen Independentszene findet in der Chongqing Normal University vor angehenden Lehrern statt. Der Film einer Darmstädter Studentengruppe, die als Geste gegen den deutschen Militäreinsatz in Afghanistan einen humanitären Hilfstransport organisiert, wird heftig beklatscht. Danach gibt es - ausgesprochen von den Honoratioren der Hochschule - die Einladung in ein Nobelrestaurant. Ein Professor fragt nach unserem Indienbesuch vor einem Jahr. Die rivalisierenden Nachbarn werden mit Misstrauen, Argwohn und herablassendem Spott beobachtet. "Die benutzen kein Toilettenpapier" und sind "so religiös". Ein erstaunliches Urteil, wenn doch die meisten chinesischen Restaurants auf ihren Schrein nicht verzichten, viele Geschäfte an ihren Pforten mit dem Goldenen Tiger aufwarten, der den Geldgott heranwinkt, und kaum eine Wohnungstür ohne glücksverheißende bedruckte Papierstreifen auskommt. Als einer der Gastgeber an unserer Kleidung einen Roten Stern erblickt, für den Dolmetscherin Dai Weiping wegen der russischen Aufschrift bisher nicht viel übrig hatte, taut er auf, wir müssen auf Marx und den deutschen Fußball und natürlich auf Mao anstoßen. Besonders auf den wahren Sozialismus, wie Marx ihn meinte. Dann klingelt ein Handy, "Produktpiraterie", grinst der Professor, hebt das goldene Telefon ans Ohr und kichert "Real China Trash!". Alle Chinesen, mit denen wir zu tun haben, sind ausnehmend stolz auf die Kultur des Raubkopierens und den Zugang zu billigen DVDs mit Filmen aus aller Welt.

Weitere Erinnerungen an Mao schließen sich an. In einem Restaurant stehen ausschließlich seine Lieblingsspeisen auf der Karte, und ein Taxifahrer echauffiert sich über das Nichtrauchen: "Der große Vorsitzende war Kettenraucher und wurde über 70. Gestorben ist er nicht am Rauchen." Der Mao-Look ist auch nicht verschollen, vorzugsweise Rentner halten daran fest. Wohl nicht allein deshalb, weil sie die neueste Mode nicht kaufen können, sondern dem Goldenen Zeitalter und seiner erschlagenden Zuversicht mit Skepsis begegnen. So sind die Lieder, die den Großen Vorsitzenden loben und preisen, auf dem Lande noch immer populär.


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00:00 09.02.2007

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