"Bauernstaat" in Gera

Bühne Die Menschen sind die alten, die Zeit ist neu. "Die DDR ist nicht mehr, Deutschland soll nicht mehr und Europa ist noch nicht", entdeckt der ...

Die Menschen sind die alten, die Zeit ist neu. "Die DDR ist nicht mehr, Deutschland soll nicht mehr und Europa ist noch nicht", entdeckt der Geschäftemacher Bernhard Nitsch. Seine praktische Devise: "Gerechtigkeit ist Stalinismus". Wieder steht er auf der "richtigen" Seite und kennt die wichtigen Leute. Ernst Böckwitz dagegen ist noch immer Großküchenkoch. Dass man seiner 85-jährigen Mutter Lisa einen maroden Thüringer Bauernhof zurückerstattet, begeistert ihn wenig. Der 55-Jährige hat die Rente im Blick, seine Frau träumt von einer Weltreise und die Töchter drohen, den Hof anzuzünden, statt aufs Land zu ziehen. Wunderbar, wie die erste Szene der Geraer Inszenierung das Schwanken zwischen Aufstieg und Absturz in Volksstückmanier komisch verbildlicht. Da jubelt die alte Frau auf dem morschen Hofdach, auf dem "Gras über die Geschichte wächst": "Dem Groschengrab der DDR entstiegen, werden wir gen Himmel fliegen".

Es geht nur schwer vorwärts, vom Arbeiter- und Bauernstaat zur europäischen Wirtschaftsgemeinde, doch besser wird es nicht in Volker Lüdeckes von ostdeutschen Nachwende-Begebenheiten erzählendem Stück Bauernstaat. Es ist der 1999 entstandene dritte Teil einer Europa-Trilogie des 1961 in Hannover geborenen Autors, der 1997 in Neustrelitz mit seinem Stück Deutschland den Doofen über den Neonazi-Aussteiger Ingo Hasselbach Aufmerksamkeit erregte.

Seine Typenkomödie Bauernstaat nennt er eine "Komödie des Jammerns". Wobei eher Sprüche gemacht werden, als dass gejammert wird. Mit psychologischem Realismus, mit subtiler Figurenzeichnung hält sich der Autor nicht auf. Er bebildert die bekannten gesellschaftlichen Umbrüche und die Veränderungen für die Individuen mit allerlei Verhaltensklischees. Dabei behauptet sein Denkstück das Bauernmilieu nur, statt es zum Humus für wirkliche Menschen werden zu lassen. Wer ostdeutsche Wende-Realität nicht versimpelt und Ossi-Wessi-Klischees versinnlicht haben möchte, der wird vom Autor nicht bedient. Lüdeckes Text, klingend im Heiner-Müller-Sprach-Sound, bietet in jedem Satz eine Pointe und behauptet in jedem Absatz tiefere Bedeutung. Was zu lakonischer Geschwätzigkeit führt. Mit Figuren und einer gesellschaftlichen Situation, die nicht entwickelt, sondern beredet werden.

Regisseur Uwe Dag Berlin nimmt das Stück in einen kräftigen Regiegriff und formt es zu einem Bilderbogen in derber Kabarettmanier. Die Böckwitz´schen Töchter werden zu wilden, durchgeknallten Partykrachern, die den dicklichen, verklemmten, von Computern und Waffen faszinierten Sohn von Nitsch peinigen. Wenn Ernst Böckwitz (kraftvoll, proletarisch, intensiv: Andreas Unglaub) mit Bernhard Nitsch beim Grillabend im Garten ins Geldgeber-Geschäft zu kommen sucht, dann überschlägt sich die Inszenierung vor Satire und überdeutlicher Bedeutung. Was das Geraer Publikum (wenn etwa gepinkelt oder gevögelt wird) doch mächtig irritierte.

Während die vom Regisseur zu verrückten Typen veralberten westlichen Kaufinteressenten für den Hof besser ankamen. Erst versucht es ein rechtsradikaler, kulturbeflissener "Schöngeist", der mit seiner Klampfe auf dem Fahrrad daherkommt. Er scheitert genauso an der praktischen Vernunft der groben Lisa (souverän und nur selten zu überdreht: Karin Kundt-Petters) wie später ein Naturfreak auf Selbstverwirklichungstrip, der mit zwei kurzberockten Frauen befreiten Sex sucht und vorführt. Wie hier setzt Uwe Dag Berlin vor allem auf knallige Effekte und zeigt kaum Gespür für szenische und darstellerische Ökonomie oder den Spannungsaufbau. Wenn Ernst nach dem Tod seiner Mutter, von seiner Frau verlassen, endgültig gescheitert ist (auch mit der Schweinemast dank europäischem Geld), dann strandet er mit der (auf der Drehbühne hereinrollenden) Taxe auf dem Weg zum Flughafen. Was ihm bleibt, ist noch nicht einmal die geplante Sexreise nach Asien, sondern nur die aufgeblasene Sexpuppe im Koffer. Wenn das kein Sinnbild ist.

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