Bausparmaßnahme

Stadtplanung Bei der Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses ragen Traum und Wirklichkeit weit auseinander. Wie es aussehen wird, wenn es einmal steht: Eine Kalkulation

Es ist über 15 Jahre her, dass eine Gruppe von Aficionados des Berliner Stadtschlosses um den später insolventen Kaufmann Wilhelm von Boddien ihre Vorstellung vom Wiederaufbau des historischen Gebäudes im Zentrum der Hauptstadt simulierte. Auf bedruckten Planen träumte man im Maßstab 1:1 vom im Krieg zerstörten und 1950 gesprengten Hohenzollernschloss. Die Realisierung dieses Traumes scheint nun nahe: Nach endlosen Debatten, unzähligen Protesten und ergebnislosen Unterschriftenaktionen, nach der Entscheidung des Bundestages und dem Abriss des Palasts der Republik hat ein erfolgreich durchgeführter Wettbewerb das Modell, das der italienische Architekt Franco Stella gestaltete, als Siegerentwurf hervorgebracht.

Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass sich Traum und Gestalt vom Schloss am Ende gleichen. Modelle sind so trügerisch wie Visionen; sie verraten trotz aller Anschaulichkeit wenig über die Realität, die sie werden sollen. Im Fall des Berliner Stadtschlosses ließe sich gar sagen: Je näher die Realisierung der Boddien‘schen Idee rückt, desto weiter entfernt sie sich vom ursprünglich simulierten Bild.


So war anfangs der Debatte von der Rekonstruktion des Hohenzollernschlosses in seinen ursprünglichen Dimensionen und mit seiner „meisterhaften“ Barockfassade die Rede. Vom mittelalterlichen Teil und dem Apothekerflügel hatte man sich da bereits getrennt, aber weil auf den Werbebildern noch genügend „altes Schloss“ sichtbar war, schien der Begriff Wiederaufbau durchaus zutreffend. Stellas Entwurf zeigte dann nur mehr drei der ursprünglich vier barocken Fassaden – von den Innenräumen ganz zu schweigen; von denen weiß man nur, dass sie niemals so aussehen werden wie die des Originals.

Spätestens mit Baubeginn wird das Modellieren am Schloss vor allem von einem Thema gelenkt werden: den Kosten. 552 Millionen Euro sind für das Projekt veranschlagt. Das ist viel Geld, aber es wird nicht reichen, um Stellas Bau zu vollenden. Selbst die am besten durchkalkulierten Baukosten steigen erfahrungsgemäß in ungeahnte Höhen. Der Bund hegt schon Zweifel und fordert den Architekten auf, seinen Entwurf zu überarbeiten. Vorgeschlagen wurde, auf die barocken Innenfassaden zu verzichten. Zum Vergleich: Beim Bau der Elbphilharmonie in Hamburg haben sich die Kosten seit Beginn der Planungsphase von 150 Millionen Euro auf 450 Millionen verdreifacht. Die Stadt Hamburg wird die erhöhten Kosten tragen, gleichzeitig werden weiter Spenden gesammelt.

Das Geld wird zusammenkommen, denn in Hamburg identifiziert sich eine breite Schicht der Bevölkerung mit dem Bau, außerdem gibt es viele wohlhabende Bürger. Beides trifft für Berlin nicht zu; der Schlossverein hat schon heute Schwierigkeiten, die 80 Millionen Euro Spendengelder aufzutreiben, von denen die barocke Fassade finanziert werden soll – derzeit liegt man bei 17 Millionen. Da der Bund eine Erhöhung des Budgets künftig ausschließt und ein Ansteigen der Bausumme auf, sagen wir, 1,5 Milliarden Euro nicht durch Spenden aufgefangen werden könnte, muss am Bau gespart werden.

Gipskarton und Sichtbeton

Aber wo? Angefangen wird dort, wo die Besucher und fotografierenden Touristen am wenigsten zu spüren bekommen, dass etwas fehlt: in der Tiefe; zumal gerade diese Bauarbeiten teuer sind. Als erstes fällt also die Tiefgarage weg und mit ihr das ein oder andere Untergeschoss des Humboldt-Forums, was später zu Platzmangel innerhalb des Gebäudes und zu Parkplatzproblemen am Schlossplatz führen wird. Danach muss der Innenausbau dran glauben. Auch hier wird zuerst bei den Räumen gespart, die nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sind: Treppenhäuser, Verwaltungsräume von Museum und ­Bibliothek – alles wird einfacher, bescheidener, anspruchsloser.

Als nächste Sparmaßnahme empfiehlt sich, in den repräsentativen Räumen auf die teuren Materialien zugunsten billiger Alternativen verzichtet werden. An die Stelle der Holzverkleidung in den Ausstellungsräumen tritt dann verputzter Gipskarton. Den heutigen Empfehlungen des Bundes folgend werden dem Entwurf zudem seine inneren Barockfassaden genommen und durch erheblich preisgünstigere, industriell gefertigte Lochsteinfassaden ersetzt.

Schließlich wird die äußere Barockfassade auf mögliche Einsparpotentiale überprüft werden. Damit berührt die Kostenkalkulation endlich das entscheidende, weil einzige Element, das neben Kubatur und Kuppel noch einen Hinweis auf das ursprüngliche Barockschloss liefern sollte. Schon für die 80 Millionen Euro, die bislang dafür vorgesehen sind, bekommt man allerdings keine originale Barockfassade – eine Sichtbetonkonstruktion mit Dämmung und vorgehängter Steinfassade ist jedenfalls etwas völlig anderes als eine gemauerte und gefügte Steinfassade.

Monochrom und genormt

Das Original bestand überdies aus Steinen von verschiedener Größe und Farbe, deren Oberflächen fleckig und uneben waren, weil es im 18. Jahrhundert noch keine Trennscheiben, Schleifmaschinen und Sandstrahler zur Bearbeitung der Steine gab. Auch die Arbeitsprozesse von einst sind heute – nicht nur ökonomisch – nicht mehr vermittelbar: Über Jahrhunderte hinweg waren Handwerker tätig, die verschiedene Techniken anwendeten und unterschiedlichen Vorbildern nacheiferten. Die rekonstruierte Fassade wird an solche Komplexität nie heranreichen und ob ihrer monotonen Oberflächen und genormten Formen steril anmuten. Damit passt sie sich, das muss man konzedieren, allerdings gut in die Eingangsbereiche von Luxushotels, Shopping-Malls und Bürobauten in der näheren Umgebung ein.

Das Gebäude, das in ein paar Jahren auf dem Schlossplatz stehen soll, wird ein hundertfach zusammengestutzer Entwurf des Modells sein, für das Franco Stella den Ersten Preis gewonnen hat. Es wird ihm nicht ähneln, es wird dem Traum Wilhelm von Boddiens nicht ähneln, und am wenigsten wird es dem Schloss ähneln, mit dessen Bau vor knapp 500 Jahren begonnen wurde. Seine Geschichte endet mit der Sprengung 1950. Irgendetwas werden wir für die 552 Millionen schon bekommen. Nur kein Schloss.

Vesta Nele Zareh lebt und arbeitet als Architektin in Berlin. Sie lehrt an der TU Berlin, wo sie derzeit am Labor für integrative Architektur forscht.

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22:25 04.02.2009

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