„Bedenken first“

Interview Roberto Simanowski fordert eine kritische Auseinandersetzung mit den neuen Medien
Hansmartin Siegrist | Ausgabe 06/2018 6
„Bedenken first“
Die Digitalisierung führt durch Ablenkungstechnologien zum Niedergang des Reflexionsvermögens, meint Roberto Simanowski

Foto: Jonathan Nackstrand/AFP/Getty Images

Der digitale Wandel verändert unsere Gesellschaft radikal, das ist mittlerweile eine Binse. Es sei eine Revolution mit „konterrevolutionären Folgen“, behauptet der renommierte Medienwissenschaftler Roberto Simanowski. Schulen und Hochschulen würden ihrer Verantwortung nicht gerecht. Er plädiert für eine Medienbildung, die kritisch operiert statt affirmativ.

der Freitag: Eine gesellschaftlichen Konterrevolution, maskiert als technische Revolution, wie meinen Sie das?

Roberto Simanowski: Die Digitalisierung führt durch immer intensivere Ablenkungs- und Filtertechnologien zum Niedergang des Reflexionsvermögens und der politischen Diskussionskultur. Sie erlaubt eine umfassende Vermessung und Kontrolle der Gesellschaft. Sie schafft durch neue Arbeitsformen eine Art digitalen Manchester-Kapitalismus.

Sie kritisieren die Schulen und Universitäten.

Ja. Derzeit läuft Medienerziehung an Schulen darauf hinaus, den Schülern beizubringen, sich unfallfrei auf der Datenautobahn zu bewegen. Das ist die verkehrspolizeiliche Variante, die dann mit einem Computerführerschein belohnt wird. Die kriminalpolizeiliche Variante spürt dagegen die „Verbrechen“ auf, die im Zuge der digitalen Revolution begangen werden. Sie fragt nicht: „Wie kann ich die neuen Medien effektiv und sicher nutzen?“, sondern: „Was machen die Medien mit uns?“

Zur Person

Roberto Simanowski, Jahrgang 1963, ist ein deutscher Literatur- und Medienwissenschaftler. Zuletzt erschienen: Facebook-Gesellschaft (2016). Sein Buch Stumme Medien. Vom Verschwinden der Computer in Bildung und Gesellschaft erscheint Anfang März bei Matthes & Seitz

Also mehr über die neuen Medien reden, als sie nur einzusetzen?

Die Schule des 21. Jahrhunderts kann sich natürlich nicht hinter dem Leitmedium des 19. Jahrhunderts verschanzen. Andererseits braucht man keinen Computer, um die Gefahren eines Sozialkreditsystems, wie es China gerade einführt, zu diskutieren oder die ethischen Konsequenzen, wenn Algorithmen das Auto steuern.

Ist dann der Ethikunterricht an der Schule wichtiger als ein Fach Informatik?

Es wird immer gesagt, dass die Schule zu lösungsorientiertem Denken befähigen soll, und das soll sie auch, und das kann sie, was die neuen Medien betrifft, unter anderem durch Informatikunterricht erreichen. Aber sie muss ebenso zu problemsensiblem Denken erziehen, wenn sie die Grundlagen der Zivilgesellschaft langfristig sichern will.

Ist die digitale Revolution alternativlos?

Das ist die Losung der IT-Unternehmer und der FDP, die 2017 ja mit der Losung „Digital first. Bedenken second“ in den Bundestagswahlkampf zog. Um Gefahren rechtzeitig zu erkennen und Alternativen zu entwickeln, braucht es aber eine breite Diskussion darüber, wie die digitale Revolution die Gesellschaft verändert und ob wir das wollen.

Sie sprechen von konzeptlosen Politikern und gewinnorientierten Unternehmern, die alles durchwinken und vorantreiben …

Das Problem zeigt sich bereits in der offiziellen Begriffsbildung, wenn von „Bildung 4.0“ nach dem Vorbild des Begriffs „Industrie 4.0“ die Rede ist. Ein solches Bildungskonzept operiert nicht zivilgesellschaftlich, sondern wirtschaftsbezogen. Sein Ziel ist nicht die kritische Reflexion der neuen Medien, sondern eine effektive Vorbereitung auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes.

Sie sagen, gerade nach Auschwitz sei es gefährlich, keine Gedichte mehr zu schreiben?

Das Gedicht ist ein Symbol für die Suche nach einer vertieften Selbst- und Welterfahrung. Es ist sicher kein Zufall, dass im Video zu Pink Floyds berühmtem Song gegen ein autoritäres Erziehungssystem, Another Brick in the Wall, der Konflikt zwischen dem Schüler Pink und dem Mathematiklehrer ausbricht, als dieser jenen beim Gedichtschreiben ertappt.

Sind Sie ein Kulturpessimist?

Der Vorwurf des Kulturpessimismus kommt oft von jenen, die weder über kulturelle Strukturen noch über die kulturstiftende Wirkung neuer Techniken viel nachgedacht haben. Es ist bemerkenswert, dass viele Wissenschaftler, die das Internet und das Web 2.0 einst sehr positiv wahrgenommen haben, inzwischen zu vehementen Kritikern geworden sind. Das legt nahe, dass wir auch hier vermeiden sollten, mit dualistischen Begriffen ein komplexes Thema auf einfache Antworten zu reduzieren.

Was meinen Sie mit „Tugend der Kritik“?

In den Digital Humanities ist viel die Rede vom „Ende der Kritik“ und von der „Ethik des Machens“. Die Geisteswissenschaft wird faktisch darauf verpflichtet, pragmatisch und anschaulich Wissen zur Verfügung zu stellen. Ich plädiere dafür, am Gestus der Kritik im Sinne Foucaults festzuhalten: als einer Tugend des Misstrauens, die im Selbstverständlichen das Nicht-Zwangsläufige aufdeckt. Die Tugend der Kritik liegt in der Entautomatisierung: von Denkweisen und Handlungsprozeduren sowie von jenen stummen Praktiken, die sich aus den technischen, institutionellen und politischen Dispositionen ergeben.

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