Bedingt haltbar

Eventkritik Im Moment sterben viele berühmte Clubs. Ist das ein Verlust?
Lennart Laberenz | Ausgabe 47/2013 1

Es ist eine Weile her, da erzählte Patti Smith von einer Zeit, die schon eine Weile her war. Als es in Manhattan noch Clubs gab, in die man gehen und in denen man spielen konnte. Dort trafen sie sich, die Jungen und Wilden und Lauten; Musik machten sie, redeten und dachten nach. Dann machten die Clubs zu, einer nach dem anderen, das CBGB war wohl der bekannteste und letzte. Seither scheint Manhattan ein Ort, der Menschen überlassen ist, die in Banken arbeiten, in Investmentfonds, an ihrer Jugend, oder die irgendwie anders zu Geld gekommen sind.

Viele haben reiche Eltern, also studieren sie und denken über existenzielle Dinge nach. Patti Smith sagte, ihre Szene habe sich verlaufen, es habe einfach keine Zentren mehr gegeben, in denen man sich treffen, spielen, reden und nachdenken konnte. Auch in Frankfurt, Hamburg oder München schließen Clubs, es scheint sich im Moment zu häufen, sogar an Orten, an denen man gar keine vermutet, in Chemnitz und Basel zum Beispiel.

Im Netz gibt es eine Seite mit dem Titel „Stoppt das Clubsterben in Bern“. Das kann man auch auf Berlin münzen. Und weil die in Berlin ansässigen Journalisten oft meinen, Clubs und deren Szene sei irgendwie essenziell für die Stadt, schreiben sie darüber. Vor allem über GEMA und Gentrifizierung berichten sie, was als Alliteration hübsch, im täglichen Leben jedoch weniger hübsch ist: Als zum Beispiel der Klub der Republik 2012 zumachte, schickte die Berliner Zeitung einen Reporter hin, der war verblüfft von so viel DDR-Inventar unter jungen Leuten. Kurz darauf hieß es, dass der Prenzlauer Berg jetzt clubfrei sei. Was aber bedeutet das? Dasselbe wie in Manhattan?

Easyjet-Fatzkes

Im Mai 2013 sagte Johnnie Stieler, einer der Altvorderen der Berliner Clubbetreiber-Szene in einem taz-Interview, dass die Stadt es nicht verstanden habe, „den Kreativen hier einen Platz zu geben. Für die interessiert sich niemand.“ Der Senat wolle „Feierei, massenhaft Easyjet-Fatzkes, die in Schönefeld aus dem Flugzeug fallen, in dieses am Sonntag wieder reinkullern und dazwischen 300 bis 400 Euro ausgegeben haben.“ Es klang wie ein Schluchzen, denn Johnnie Stieler hatte da gerade einen Club zugesperrt und blickte etwas säuerlich auf Galerien mit Stehausschank. Geht der Stadt also etwas verloren? Und wenn, was eigentlich?

Ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher zeigt: Die Diskotheken, wie sie damals hießen, geboren aus US-Bars mit Jukeboxen, entwickelten sich erst zum Ende der fünfziger Jahre, und zwar an so unwahrscheinlichen Orten wie Osnabrück und Aachen. Am Aachener Dahmengraben, ist sich die örtliche Zeitung sicher, entstand die „erste Disco der Welt“. Hier sei sie geboren, aus einer Mischung aus Großmäuligkeit und Sparvorhaben: Der Besitzer hatte sein umsatzschwaches Restaurant umgebaut, die Kapelle gestrichen und ließ einen 19-Jährigen Ansagen machen, während er Platten auflegte: die Geburtstunde des DJs.

Und der Vorläufer der Clubs.Auch die Jammerei über einen innerstädtischen Verlust wurde in Aachen erfunden. Bei den Clubs in Berlin, München und Chemnitz handelt es sich jedoch im seltensten Fall um Treffpunkte wie dem Village Barn Nightclubin New York, in dem der Expressionist Hans Hofmann malte und Vorträge hielt und in dem Jimi Hendrix später das bis heute funktionierende Electric Lady Studio einrichtete.

Es geht ums Geldverdienen

Die Clubs von heute sind Läden, in die man als Kunde eintritt und in denen man unterhalten wird. Für eine Weile. In Berlin aber will vielen nicht einleuchten, dass das kurze Chaos der neunziger Jahre vergangen und alles spätere nur noch eine Imitation ist. Falsch liegt auch, wer meint, dass die Clubs mit musikalischem Anspruch nichts mit den Feierbutzen zu tun hätten: Das billige Imitat versucht das Geld zu verdienen, um dass die Avantgarde es beneidet.

Was als Happening einer Gegenkultur startete, war immer zugleich Unternehmung, resümierte Bernd Cailloux in seinem Roman Das Geschäftsjahr 1968/69. Die temporäre Spanne, in der es in Berlin kleinere Spielarten von Anarchie gab, war nur eine kurze Atempause. Wir sind wieder bei Kommerz und Ordnungswahn. Und wer dem Vergänglichen in Prenzlauer Berg nachtrauert, merkt nicht: Nostalgie ist genauso langweilig wie der Versuch, Hedonismus als Aufmucken gegen eine bürgerliche Gesellschaft zu stilisieren. Wer unter dem Zeichen der Gegenkultur nach Bestandschutz für etwas ruft, das nach ökonomischen Regeln funktioniert, macht sich lächerlich. Und Orte, die ihr Haltbarkeitsdatum überschreiten, werden trostlos.

Man kann über Innenstadtarchitektur und Stadtplanung debattieren, aber Clubs spielen da kaum eine tragende Rolle. Um das Atomic Café in München ist es dennoch schade, mitten im Wohlstandsghetto und zwischen Biertourismus gelegen, lag es nahe, dass sich der Keller nicht halten konnte. Doch solche Orte tauchen oft anderswo wieder auf, in anderen Formen, betrieben von anderen Menschen. So wie sich etwa das Cookies in Berlin neu erfunden hat.

In Berlin gründet sich das Sterben der Clubs, gerade ist das Yaam am Ostbahnhof betroffen, noch in anderem als fehlenden Besuchern oder neuen Eigentümern: Jetzt, da die Freiräume weg sind und die bürgerliche Welt es gerne sauber hätte, wird ein lauter Club, eine schmutzige Bar zur Belästigung. Da verstecken die Clubbetreiber plötzlich den Unternehmer und stilisieren sich zu Kulturschaffenden, melden Ansprüche an, als täten sie ein gutes Werk. Sie wollen sogar Kreative sein. Dabei haben die wenigsten Clubs etwas mit Kreativität zu tun, sonst wären sie Theater, Buchläden oder Galerien. Clubs sind keine Orte der Diskussion, es sind Stätten des Konsums, der Selbstergötzung.

Ein kurzer Anruf bei der Berliner Senatsverwaltung: Genaue Zahlen gibt es nicht, aber, schreibt der Mann von der Pressestelle, die Clubszene in Berlin sei doch sehr „dynamisch“.

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