Beethoven entschärft Schostakowitsch

Blumen für Nagy - Pfiffe für die Sozialisten Der Ungarn-Aufstand durch die Erinnerungsmühlen der Provinz gedreht

"Wer nicht gegen uns ist, ist für uns!" Mit dieser paternalistischen Formel leitete Janos Kádár im März 1963 für sein Land die Epoche der gesellschaftlichen Versöhnung ein. Im Herbst 2006, 50 Jahre nach dem Aufstand, stehen sich die politischen Kontrahenten in Ungarn wieder unversöhnlich gegenüber. Das einigende Band des Antikommunismus, das die Wendezeit geprägt hatte, hielt nicht, was es zu versprechen schien. Ungarns Gesellschaft ist grob gesagt in Nationalisten und Kosmopoliten gespalten. Ein Besuch in Kaposvar vertieft diesen Eindruck.

Abend für Abend versammeln sich in der Hauptstadt des Komitats Somogy 30 bis 50 Empörte auf dem Platz zwischen Kossuth-Denkmal und Stefanskirche, um ihren Protest gegen die Regierung Gyurcsany hinauszuposaunen. Mit Blick auf den Volksaufstand des Jahres 1956 wird die regierende Sozialistische Partei (MSZP) als verräterisch und verlogen beschimpft. Der Hass auf Sozialisten, Juden, Liberale - auf alle eben, die in der ungarischen Provinz keinen Platz haben sollen, sitzt tief. Viel ist in den Ansprachen der 56er-Veteranen von "Schweinen" die Rede, die sich im Budapester Parlament breit gemacht hätten. Die Verlesung von Abgeordnetennamen wird mit Pfiffen und Buh-Rufen quittiert, wenn es sich bei ihnen um jene aus den Reihen der MSZP handelt. Als meistgehasste Politikerin gilt in der 60.000 Einwohner zählenden Stadt die körperlich behinderte Parlamentspräsidentin Katalin Szili. Sie - die im Volksmund gern "Ratte" genannt wird - hat hier nicht einmal einen Namen.

Gräuelbilder aus den Tagen des Aufstandes, die auf eine zwei mal zwei Meter große, provisorisch aufgestellte Leinwand geworfen werden, beenden die Kundgebung. Zuletzt noch ein Schwenk mit der ungarischen Fahne, deren Loch in der Mitte an den Kampf gegen den Kommunismus und seine Symbole erinnern soll. Schließlich werden die rot-weiß-roten Streifen trotzig zur Schau gestellt, die unter den faschistischen Pfeilkreuzlern in den frühen vierziger Jahren Verwendung fanden. Die Originalpfeile fehlen indes; sie sind im modernen Ungarn genauso verboten wie der rote Stern, der im "Gesetz über das Verbot der Willkürherrschaft" illegalisiert wurde.

Am 23. Oktober 2006, dem zum Gedenken an den Herbst ´56 eingerichteten Nationalfeiertag, versammeln sich bereits vormittags gegen zehn etwa 1.000 Menschen vor dem Denkmal von Imre Nagy im kleinen Park hinter der Fö utca von Kaposvar. Der aus dieser Stadt stammende reformfreudige Politiker blieb bei den Rechten bis heute unbeliebt. Jungdemokraten (FIDESZ) wie auch die ihnen nahe stehenden Veteranenverbände reklamieren den Aufstand inzwischen gern als "ihre Revolution", müssen jedoch in Ermangelung einer eigenen heroischen Integrationsfigur bei feierlichen Anlässen auf Imre Nagy zurückgreifen. An dessen Denkmal kommt es bei der Kranzniederlegung prompt zum Eklat. Als ein Vertreter für die Sozialisten dem gescheiterten Reformer seine Ehre erweist, gellen Pfiffe. Während in Budapest ein Drittel der von der Regierung geehrten Veteranen den Handschlag mit Premierminister Gyurcsany verweigert, steht in Kaposvar der MSZP-Mann wie ein Aussätziger vor der Nagy-Statue.

Kurz darauf im Gespräch entpuppt er sich als ehemaliger Vorsitzender des Komitats. Noch mit einem Zittern in der Stimme erklärt er, es sei seiner Initiative Mitte der neunziger Jahre zu verdanken, wenn es hier eine Gedenkstätte für Nagy gebe. "Dies ist unser Denkmal, die Rechte missbraucht Nagy", empört er sich über die hasserfüllte Reaktion des Publikums. Ein Kundgebungsteilnehmer bringt es mit einfachen Worten auf den Punkt, als ich von ihm wissen will, weshalb man die Sozialisten derart behandelt. "Weil das eben Verräter sind!" - "Ist das eine Veranstaltung von FIDESZ?", frage ich nach - "Nein, die hier Versammelten sind Ungarn!" Auf meinen staunenden Blick hin setzt der Mann noch hinzu: "Keine Kosmopoliten!"

Dieser tiefe Riss macht sich auch im Kulturleben des Provinzstädtchens bemerkbar. Vor über einem halben Jahr hatte der musikalische Leiter der Kaposvarer Philharmonie das Festprogramm für den Abend des 23. Oktober 2006 festgelegt. Seither wurden die zwei Sinfonien von Tschaikowski und Schostakowitsch geprobt - bis radikale Rechte in Budapest das Fernsehgebäude stürmten. In diesem Augenblick bemerkte der Stadtrat von Kaposvar, welch brisante Entscheidung der Chefdirigent des Orchesters gefällt hatte. Russische Komponisten sollten unter einem russischen Dirigenten am Jahrestag des ungarischen Aufstandes gespielt werden? Es sollte ursprünglich ein Zeichen sein, dass es eine Aufarbeitung von Geschichte nur geben könne, wenn man sich mit ihr auseinandersetzt: In politischer Hinsicht, indem man die Schuld an der Tragödie des Herbstes 1956 nicht pauschal "den Russen" zuweist. Immerhin waren es Ungarn wie Janos Kádár, von denen die Todesurteile gegen die Aufständischen und Reformer abgesegnet wurden. Und in kultureller Hinsicht, indem man die Rolle von "Roter Armee" und "russischen Komponisten" nicht durcheinander bringt.

Die Stadtväter freilich waren nur sehr partiell für das Argument einer durch die Kunst betriebenen Versöhnung zu gewinnen. Die toten russischen Komponisten durften gespielt werden, einen lebendigen russischen Dirigenten aber wollte man 50 Jahre nach dem Aufstand in Kaposvar nicht sehen. Also musste ein Deutscher nachrücken, und zum Abschluss des Programms - nach Tschaikowski und Schostakowitsch - dem Publikum noch Beethoven serviert werden. Die Zuhörer quittierten das Konzert mit frenetischem Beifall, der Abend war für Kaposvar gerettet.


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00:00 03.11.2006

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