Befehl von oben

Endloser Krieg Ein Sammelband über den "Antiamerikanismus"

Es kommt selten vor, dass in einer ideologisch aufgeheizten Zeit, Autoren offen für einen Antiamerikanismus plädieren. Wird doch "Antiamerikanismus" von einigen Intellektuellen mit "Antisemitismus" gleichgesetzt; eine mehr als groteske Behauptung. Diejenigen, die Kritik an der Politik der USA als "Antiamerikanismus" denunzieren, geben implizit zu, das es einen "Amerikanismus" gibt. Dieser Amerikanismus ist nach Meinung der Autoren Wilhelm Langthaler und Werner Pirker eine Idee, ein Mythos, ja Ideologie, die in ihrer Totalität "shock and awe" über die gesamte Welt verbreiten will. Um so mutiger ist das Unterfangen der beiden österreichischen Journalisten, kritische Argumente gegen den neuen US-Imperialismus und die offene Aggression der amerikanischen Politik vorzutragen. Besteht zu diesem US-Bashing begründeter Anlass?

Noch nie hat eine US-Regierung sich so wenig Mühe gegeben, ihre wahren Interessen zu verschleiern wie die von George W. Bush. Kriege werden wieder Kriege genannt und nicht wie unter US-Präsident Clinton als Rot-Kreuz-Einsätze camoufliert. Sofort nach seiner Wahl machte sich Bush an die Arbeit und zog die Unterschrift Clintons unter das Statut des Internationalen Strafgerichtshofes zurück, ließ das Kyoto-Protokoll platzen, drohte China und bediente sich einer aggressiven Rhetorik. Die Ereignisse des 11. September 2001 veranlassten die Bush-Administration, die vielleicht bis dahin noch vorhandene Zurückhaltung aufzugeben. Eine messianisch-aggressive Rhetorik griff Platz, die der eigentliche Grund für die Entfremdung zwischen Europa und den USA ist. Seither tritt Bush wie ein Sektenprediger auf, der sich anmaßt, Letztentscheidungen zu exekutieren, die eigentlich einer transzendenten Größe vorbehalten wären. Diese "Sachwalter des Endgültigen fühlen sich zu immer neuen Kriegen legitimiert." Als ideologische Rechtfertigung dazu dient ihnen die Doktrin des permanenten Präventivkrieges, die sogenannte Bush-Doktrin. Dieses Interventionsrecht sei den USA nach Meinung des christlich-fundamentalistischen Justizministers John Ashcroft nicht von irgendeiner Regierung oder einem Dokument verliehen worden, sondern direkt von Gott!

In zwölf Kapiteln, die sich unter anderem mit der Gewalt in den USA, dem Rechtsnihilismus, der Umweltzerstörung, der Diktatur des Dollars, der Pax Americana im Nahen Osten, dem Kreuzzug gegen den Islam, dem Antieuropäismus und dem Amerikanismus befassen, tragen Langthaler und Pirker soviel Kritisches gegen die Politik der USA zusammen, dass der Eindruck entstehen könnte, es handele sich um eifernde Antiamerikaner. Doch bieten die Autoren für jeden rational nachvollziehbare Argumente an, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Was die Autoren zu dem problematischen Terminus "Antiamerikanismus" bringt, ist die offene Missachtung und Verhöhnung des Völkerrechts durch die Bush-Regierung wie der Überfall auf den Irak und die (noch) verbale Bedrohung Syriens und Irans.

Die Autoren weisen zu Recht darauf hin, dass laut Bush-Doktrin die schwachen Staaten als "Irrläufer" und "Quelle des Terrorismus" gelten. Das Disziplinierungs- und Unterwerfungsprogramm läuft unter dem Codenamen "Demokratisierung". Wie ernst die USA es mit der "Demokratie" meinen, zeigt ihre Kumpanei mit den Diktatoren in Zentralasien. Was unterscheidet sie von den arabischen Despoten? "Der wirkliche Inhalt des Demokratie-Mogelpakets ist die präventive Aufstandsbekämpfung in Permanenz", heißt es im vorliegenden Band. Sprechen nicht die Bushies von einem "endlosen Krieg"? Dass nicht die sogenannten Schurkenstaaten die Aggressoren sind, sondern die Demokratien USA und Israel, sei in Parenthese erwähnt. Beide Länder unterdrücken und kolonisieren fremde Völker im Namen der Demokratie! Demokratien sind folglich nicht per se friedliebende Staatsformen. Das einzige Imperium der Welt sollte ständig so kritisch hinterfragt werden wie in diesem Buch.

Wilhelm Langthaler/Werner Pirker: Ami go home. Zwölf gute Gründe für einen Antiamerikanismus, ProMedia, Wien 2003, 160 S., 11,90 EUR


00:00 27.02.2004

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