Befehl zur Unterwerfung

Absonderung Eine Integrationspolitik, die ihren Namen verdient, müsste anerkennen, dass Migranten Teil unserer Gesellschaft sind

Man soll ja nicht immer meckern. Nach der Integrationsdebatte und nach dem Integrationsgipfel kann man festhalten: Auch die Union ist jetzt überzeugt, dass die Migranten nicht mehr "nach Hause" zurück gehen, sondern sich offenbar in Deutschland angesiedelt haben. Das klingt wie schiere Polemik, ist es aber nicht. Für große Teil der politischen Klasse und der deutschen Bevölkerung war es bis vor kurzem immer noch eine Selbstverständlichkeit, dass "Ausländer" in "unserem" Land nur vorübergehend leben, dass sie "Gäste" sind, denen wir gnädigerweise Arbeit geben und die gefälligst durch entsprechendes Wohlverhalten ihre Dankbarkeit ausdrücken sollten. Das hat sich geändert.

Die Einwanderer sind eine Aufgabe für die Gesellschaft geworden. Besorgt steht ein Mann Mitte 50 vor mir und erklärt: Also, was ihn schon mit Unruhe erfüllen würde, das sei die Tatsache, dass bei verschiedenen Gruppen von Ausländern, vor allem bei den Muslimen, wirklich ganz andere Vorstellungen von der Rolle der Frau existieren würden. Erstaunlich, dass sich der Mann plötzlich für die Emanzipation der muslimischen Frau interessiert - im Dienste der Integration. Ich bezweifele allerdings, dass er sich jemals für die Emanzipation seiner eigenen Frau interessiert hat. Ebenso bezweifle ich, dass er in den siebziger Jahren ein Anhänger der deutschen Frauenbewegung war. Aber heute stehen Zwangsheirat und Ehrenmord ganz oben auf der Agenda.

Wie gesagt: Grundsätzlich muss man das plötzliche Interesse begrüßen. Und um bei diesem Beispiel erst mal zu bleiben: Tatsächlich liegt in den Migrantenfamilien einiges im Argen, was die Geschlechterverhältnisse betrifft. Die Frage ist nur, ob es sich bei den jüngsten Integrationsbemühungen um ein ernsthaftes Interesse handelt, ob es mit Handlungsoptionen der Gesellschaft und Ermächtigungsstrategien für die Betroffenen verbunden ist. Und da kann man Zweifel haben. Zum einen wird durch die Besorgnis über die muslimische Frau ein Abstand zwischen "ihnen" und "uns" hergestellt: Bei "uns" herrscht ein bestimmtes Niveau und "sie" sind zurückgeblieben. Dabei entsteht kein realistisches Bild der Geschlechterverhältnisse in Deutschland, um die es bekanntlich auch nicht unbedingt gut bestellt ist. Zudem erfährt man auch nichts über die Gründe für die spezifischen Verhältnisse in muslimischen Familien, die mit Tradition wenig zu tun haben, mit sozialen Umständen dafür um so mehr.

Was die Handlungsoptionen betrifft, so werden derweil die Gelder für Frauenhäuser und -projekte heruntergekürzt: Also, wo finden die muslimischen Frauen Hilfe, wenn sie schwierigen Situationen entgehen wollen? Und schließlich hat die plötzliche Besorgnis auch keine ermächtigende Qualität. Derweil werden vollständig "emanzipierte" und "integrierte" junge Frauen gefragt, ob ihre Eltern planen, sie mit Zwang zu verheiraten. Oder sie werden penetrant als "Ausnahme" abgestempelt. Darüber hinaus ist der Popanz des muslimischen Patriarchats derweil so zum Phantasma gewachsen, dass betroffenen Frauen keine Unterstützung von einheimischer Seite erfahren - aus Angst. Kürzlich berichteten mir Freundinnen den Fall einer jungen Studentin türkischer Herkunft, die einen Deutschen heiraten wollte und danach von ihrer Familie massiv verbal bedroht wurde. Seit sie diese Geschichte unter Tränen ihrem Vertrauensdozenten an der Universität erzählt hat, zeigt der ganz offensichtliches Vermeidungsverhalten: Er dreht auf dem Flur ab oder wechselt die Straßenseite, weil er befürchtet, in diesen Konflikt hineingezogen zu werden und Besuch von wildgewordenen Brüdern zu bekommen.

Das ist nur ein prominentes Beispiel für eine allgemeine Tendenz. Inzwischen wird die komplette Ignoranz und Rezeptlosigkeit der vergangenen Jahre ersetzt durch fortgesetzt falsche Realitätswahrnehmung und hektischen Aktivismus. Darin zeigt sich, wie sehr das hiesige Denken noch den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts verhaftet ist. Es gibt "uns" und es gibt "sie". Es gibt die Norm und es gibt die Abweichung. "Sie" haben Defizite, die mit "uns" nichts zu tun haben, und diese Defizite müssen überwunden werden. Eigentlich müssen "sie" das einfach selbst machen. Aber in Falle des Falles müssen "wir" auch helfen. Etwa beim Thema Bildung. Das geht dann folgendermaßen: Wir isolieren die Migrantenkinder so lange, bis das Defizit behoben ist, und dann dürfen "sie" auch zusammen mit "unseren" Kindern die Schulbank drücken.

Die zugrunde liegende Annahme ist, dass "unsere" Kinder quasi genetisch ein bestimmtes Niveau bereits besitzen, wenn sie eingeschult werden. In Baden-Württemberg werden die Erzieherinnen in Kindergärten dazu angehalten, Fragebögen zu verteilen - ausschließlich an Migranteneltern. Darin wird etwa gefragt, ob das Kind auch deutsche Freunde habe. Deutsche Freunde machen schlau. Wie ignorant diese Auffassung ist, hat sich in Hessen gerade gezeigt. Dort haben die "Sprachstandserhebungen" vor Einschulung ergeben, dass etwa 15 Prozent der einheimischen Kinder so gravierende sprachliche Defizite haben, dass auch sie in die Sonderklassen gehen müssen.

Auf der offenkundig falschen Grundannahme baut dann eine ebenso falsche Strategie auf: Das Prinzip lautet Absonderung. Man trennt die Abweichler solange von den Normkindern, bis sie das angebliche Normniveau erreicht haben. Dieses Methode ist aus pädagogischer Sicht so altbacken, dass ihre derzeitige Anwendung einfach kaum noch zu glauben ist. Alle Untersuchungen und internationalen Erfahrungen zeigen, dass Unterschiede viel besser im Klassenverband ausgeglichen und "integriert" werden können. In Großbritannien oder Kanada wird der Spracherwerb in den ersten fünf bis acht Jahren in den Regelunterricht eingebaut. Man braucht eben keine - im übrigen höchst kostenintensiven - Sonderklassen, wenn man nicht davon ausgeht, dass die Schülerschaft in einer Klasse homogen sein soll.

Sonderklassen sind das Gegenteil von Integration. Sie gehen stets vom Defizit aus und nicht von den Fähigkeiten der Kinder. Sie setzen eine Norm voraus, die längst nicht mehr existiert. Das sture Festhalten an dieser illusorischen Norm ist völlig unzeitgemäß und lässt Deutschland im internationalen Vergleich auf Dauer noch weiter zurückfallen. In einer veränderungsunwilligen Gesellschaft scheint es eben einfacher, die Migranten zu reformieren als das marode Schulsystem. Mittlerweile gibt es eine imposante Anzahl von Untersuchungen, die zeigen, dass das hiesige Schulsystem in hohem Maße benachteiligend wirkt, was die soziale Schicht und die ethnische Herkunft betrifft. Dennoch kann man in der FAZ weiterhin Artikel von neugeborenen Migrationsexperten wie Jürgen Kaube lesen, die vor allem "die Türken" selbst für ihren mangelnden Bildungserfolg verantwortlich machen. Gegen rassistische Vorannahmen kann Empirie wenig ausrichten. Und hinter den Kulissen sind solche Auffassungen durchaus verbreitet: Wenn wir die "Ausländer" rausrechnen aus den PISA-Untersuchungsergebnissen, dann stehen "wir" doch gar nicht so schlecht da.

In diesem Sinne wird die angebliche Integrationspolitik tatsächlich zum Garanten dafür, dass alles so bleiben kann, wie es immer war. Das ist beim Bildungssystem genau so wie bei der Geschlechterpolitik: Dass es bei "ihnen" so schlimm um die Emanzipation der Frau steht, lässt unsere erbärmlichen Erfolge großartig erscheinen. Und wie schnell kann man da vergessen, dass sich die Einkommensdifferenz zwischen Männern und Frauen in Deutschland in den letzten Jahren dramatisch vergrößert hat, dass Frauen in leitenden Positionen kaum zu finden sind und die miserable staatliche Kinderbetreuung die traditionellen Geschlechterrollen fortschreibt. Eine Integrationspolitik, die diesen Namen verdienen würde, müsste erst mal rückhaltlos anerkennen, dass Migranten ohne wenn und aber Bestandteil der Gesellschaft sind und dass ihre Probleme keine Sonderprobleme, sondern die Probleme der ganzen Gesellschaft sind. Ansonsten werden selbst gut gemeinte Maßnahmen dazu führen, die Trennung zwischen "wir" und "ihr" zu verschärfen.

Gut gemeinte Maßnahmen freilich gibt es. In Nordrhein-Westfalen wird in diesen Tagen ein deutlich anderer Tonfall angeschlagen als in Hessen oder Baden-Württemberg. Zwar gibt es in der Bildungspolitik oder in punkto Kopftuch keine wesentlichen Unterschiede, doch als kürzlich anlässlich des "Integrationsgipfels" der "Aktionsplan" der Landesregierung veröffentlicht wurde, da wurde doch deutlich, dass Minister Laschet seinen CDU-Kollegen nicht nur aus Profilierungsgründen Realitätsverleugnung vorwirft. Das Papier zeigte zumindest im Ansatz, dass die Union im größten Bundesland begriffen hat, dass es beim Thema Integration nicht nur um die persönlichen Anpassungsleistungen von Einwanderern geht, sondern vor allen Dingen um die Veränderungen der hiesigen Institutionen. Es wird festgestellt, dass es an Zugang fehlt - zu schulischer Bildung, zu Beratungsangeboten, zu Ausbildungsplätzen und am Ende auch zu Arbeit. Und genau da setzen auch die Vorschläge an. Sie zielen auf eine interkulturelle Öffnung der Institutionen. Auch wenn manches noch unausgegoren klingt: In Deutschland ist schon fast revolutionär zu nennen, wenn da gesagt wird, dass die Schulen sich um die Anstellung von Lehrern mit Migrationshintergrund kümmern sollen.

Zudem werden Einwanderer zur Teilhabe aufgefordert: Es soll eine Informationskampagne geben, die Migranten zur Einbürgerung einlädt. Das ist tatsächlich schon etwas anderes als der Einbürgerungstest. Das ist tatsächlich etwas anderes als der Einbürgerungstest, der primär signalisieren soll: Wenn "Ihr" die "Integrationsziele" erreicht habt, dann legen "Wir" die Latte noch ein bisschen höher. Allerdings ist die Landesregierung in NRW kaum frei von bestimmten Vorstellungen von "wir" und "ihr". Gleich in der Einleitung des Papiers etwa wird "Achtung" eingeklagt - vor "unserer Verfassung". Einbürgerung soll auch bedeuten: "die Anerkennung unserer Gesellschaftsordnung". So lange es nicht möglich ist, sich eine ethnisch neutrale Verfassung anzueignen, als in jeder Beziehung gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft, also als Bürger, so lange klingt der lauter gewordene Ruf nach einem Bekenntnis zu Deutschland wie ein Befehl zur Unterwerfung.

Mark Terkessidis, geboren 1966, Diplom-Psychologe, war von 1992 bis 1994 Redakteur der Zeitschrift Spex. Seitdem arbeitet er als freier Publizist in Köln und Berlin. Im Herbst erscheint von ihm und Tom Holert im Kölner Kiepenheuer der Band: Fliehkraft. Gesellschaft in Bewegung. Von Migranten und Touristen.


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00:00 18.08.2006

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